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Maisfeld wegen Kiebitzen gesperrt

Auf den Flächen der Cunnersdorfer Agrar GmbH wurde eine Parzelle extra für die Bodenbrüter reserviert.

Von Manfred Müller

Mit ihrer zweizipfeligen Federhaube und ihren spektakulären Balzflügen sind Kiebitze ein begehrtes Beobachtungsobjekt für Vogelkundler. Im Raum Großenhain leider auch ein sehr seltenes, denn die zu den Regenpfeifern zählenden Vögel brauchen zur Brut und Jungenaufzucht Feuchtwiesen und Weidelandschaften. Die aber sind rar in der intensiv bewirtschafteten Großenhainer Pflege. Umso erfreulicher, dass seit einigen Jahren Kiebitze zwischen Cunnersdorf und Freitelsdorf ihre Nester bauen. Wiesen gibt es hier kaum, weshalb sich die Tiere auf den Äckern der Cunnersdorfer Agrar GmbH niedergelassen haben. Hobby-Ornithologe Friedheim Richter konnte in dieser Woche Jungen sogar beim Schlüpfen beobachten. „Es war einfach traumhaft“, schwärmt der Tierfotograf aus Zschauitz. Da Kiebitze meist im April/Mai brüten, sind die Nester auf Feldflächen durch die Frühjahrsbestellung akut gefährdet. Deshalb schwärmen die Vogelschützer im Frühjahr aus, um die Tiere zu lokalisieren und der Naturschutzbehörde zu melden. Die steckt dann die Brutplätze ab und informiert die Landwirte, dass die Parzellen für einige Wochen für die Bewirtschaftung tabu sind. „Auch nach dem Schlüpfen müssen die jungen Kiebitze noch geschützt werden“, erklärt Madlen Dämmig von der Vogelwarte Neschwitz. „Sie drücken sich bei Gefahr flach an den Boden und kommen dabei leicht unter die Räder.“

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Rund 3000 Quadratmeter haben die Vogelschützer inmitten der Maiskulturen nahe Cunnersdorf abgesteckt. Sie zählten insgesamt sechs Nester. Die Kiebitz-Küken schlüpfen bis Ende Mai. Als Nestflüchter sind sie schon nach wenigen Stunden mobil, halten sich aber noch etliche Wochen in der Nähe des Brutplatzes auf. Deshalb bleibt der Bereich noch bis in den Sommer hinein gesperrt, und die Landwirte müssen auf die Frühjahrsbestellung verzichten. „Selbstverständlich unterstützen wir die Schutzmaßnahmen“, sagt der Geschäftsführer der Cunnersdorfer Agrar GmbH Konrad Behrisch. „Es ist ja nicht das erste Mal, dass in diesem Gebiet Kiebitze brüten; wir arbeiten seit Jahren gut mit den Umweltbehörden zusammen.“

Im Großenhainer Raum gibt es aktuell nur drei Gebiete, in denen Kiebitzbruten nachgewiesen wurden. Neben den Feldern bei Cunnersdorf sind das kleine Areale bei Adelsdorf und bei Wildenhain. Letzteres befindet sich auf einer Brachfläche und bietet dadurch die günstigsten Bedingungen für die Jungenaufzucht. „Auf intensiv bewirtschafteten Feldern stehen die Chancen, dass die Vogeljungen überleben, ziemlich schlecht“, erklärt Thomas Kramp von der Naturschutzbehörde des Landkreises. Deshalb hat der Freistaat Sachsen im Jahr 2009 das sogenannte Bodenbrüterprojekt aus der Taufe gehoben. Die Brutplätze von Kiebitzen, Kiebitzen und Feldlerchen wurden unter gesetzlichen Schutz gestellt, und die betroffenen Landwirte müssen zeitweilige Sperrung von Feldflächen in Kauf nehmen. Die in Deutschland stark gefährdeten Kiebitze sind Zugvögel; die meist in West- oder Südeuropa überwintern. Im März kehren sie in ihre Brutgebiete zurück und halten Ausschau nach niedrig bewachsenen, leicht begrünten Flächen in Wassernähe. Sind Wiesen rar nehmen sie auch Feldflächen an, die kurz darauf mit Mais oder Getreide bestellt werden. „Damit sitzen die Tiere in einer ökologischen Falle“, sagt Madlen Dämmig. Vom Traktor aus sind die Nester kaum zu erkennen, werden überrollt, und der Bruterfolg ist dahin. Deshalb setzen die Vogelschützer im Rahmen des Bodenbrüterprojekts verstärkt auf Dauerlösungen. Ein Beispiel ist die „Kiebitzinsel“ bei Bärwalde, wo Freistaat, Landwirte und Ornithologen eng zusammenarbeiten, um den Kiebitz als Brutvogel in Sachsen zu erhalten. Dank der Schutzmaßnahmen konnte der Bestand im Raum Moritzburg seit 2009 mit etwa 20 Brutpaaren konstant gehalten werden.

Die Kiebitzbestände in Sachsen schrumpfen durch die intensive Landbewirtschaftung bereits seit mehr als 30 Jahren. Die Situation in der Großenhainer Pflege sei trotz der Brutplatz-Sicherung deprimierend, sagt Thomas Kramp. Wie viele der bei Cunnersdorf geschlüpften Kiebitze überleben, wird sich kaum feststellen lassen. Wenn die Küken das Nest verlassen haben, sind sie so schwer wiederzufinden wie eine Nadel im Heuhaufen.