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Mal Liebling, mal Depp

Nils Schumann war oben auf dem Olymp – und ganz unten. Jetzt plädiert der Olympiasieger für die Dopingfreigabe.

© imago

Von Michaela Widder

Zwei Kleidergrößen wollte die Frau abnehmen – für ihre Hochzeit. Es war eine seiner ersten Kundinnen, die Nils Schumann betreute. Sie erreichte schnell ihr Ziel. Dabei merkte die Frau jedoch, dass sie plötzlich viel mehr Chancen bei Männern hatte. Zur Hochzeit kam es dann nicht. Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden, hat John Lennon einmal gesagt. Was das Leben mit einem veranstaltet, was es bedeutet, den Moment des unbeschränkten Glücks zu erleben, aber auch den tiefen Fall – Nils Schumann, 37, hat alles erlebt. 2000 wurde er in Sydney Olympiasieger über 800 Meter.

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Er war everybody’s Darling und später everybody’s Depp. „Ich habe große Erfolge errungen, aber auch große Krisen erlebt“, sagt er heute. Nils Schumann sitzt in seinem großen Sessel mit einer Tasse Kaffee. Am Rand von Erfurt in einem alten Armeegebäude, das einst auch als Getreidelager diente, hat er die oberste Etage gemietet und umgebaut zu einer kleinen Fitness-Oase nach seinen Vorstellungen – ein paar wenige Geräte, ein Kursraum, eine gemütliche Sitzecke, alles familiär. Schumann, Vater von zwei Söhnen, arbeitet als PersonalTrainer und schiebt viele Projekte im Sport an. Er organisiert den Nachtlauf in Erfurt und den King of Cross, einen Landschaftslauf mit Hindernissen, in Mühlberg. Sein Name hilft noch oft als Türöffner. „Der Olympiasieg ist ein Gütesiegel“, sagt er.

Ziellos nach Gold

Trotzdem stellt sich Schumann manchmal die hypothetische Frage: Was wäre passiert, wenn er in Sydney bloß Silber und nicht dieses Gold gewonnen hätte? „Vermutlich hätte ich meinen Leistungssport noch länger erfolgreich durchgeführt.“ Weil er dann das höchste Ziel noch hätte anstreben können.

Nun aber war er mit 22 Jahren plötzlich Olympiasieger. Ein Moment, den er nie vergessen wird, „als ich über diese letzten Striche ins Ziel laufe, dann diese Wand mit den Zuschauern, das Blitzlichtgewitter, der unglaubliche Sound im Stadion, das Raunen von 112 000 Zuschauern“. Nils Schumann, der als talentierter Newcomer galt, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und die deutsche Leichtathletik, ja ganz Sportdeutschland, hatte wieder einen Star. Den unbekümmerten Blondschopf aus Thüringen. Er wurde „Sportler des Jahres“, war Gast bei „Wetten, dass …?“ und hatte nach diesem 105-Sekundenlauf so viel Medienrummel wie Michael Schumacher.

„Aber ich war auf so einen großen Sieg nicht vorbereitet. Das war mein Problem“, sagt Schumann, der mit seinem schwarzen Vollbart und der Glatze ganz anders aussieht als damals in Sydney. „Dann bin ich in ein Tal der Orientierungslosigkeit gefallen.“ In seinem Buch „Lebenstempo“, das im Frühjahr erschien, schreibt er über die Zeit danach: „Statt durch meinen frühen großen Sieg an Selbstsicherheit gewonnen zu haben, pendelte ich zwischen Versagensängsten und trotzigem Hochmut.“

Der Druck, den er spürte, 2001 gleich auch noch Weltmeister werden zu müssen, habe Schumann gelähmt statt angeschoben. In Edmonton wurde er Fünfter, ein Jahr später gewann er bei der Heim-EM in München Bronze. Es sollten seine letzten großen Erfolge bleiben. Die Verletzungsmisere begann und Motivation hatte er sowieso längst keine mehr. „Ich hätte, ähnlich wie Magdalena Neuner, mit 24 die Reißleine ziehen sollen“, erzählt Schumann. „Vielleicht nur eine Pause machen.“ Im selben Atemzug gibt er zu: „Den Mut habe ich nicht gehabt.“

Er war eigensinnig und gutgläubig mit seinen Anfang 20. Hörte auf Menschen, die es nicht nur gut mit ihm meinten. Das Geld, das er verdiente und das für einen Leichtathleten nicht wenig war, verprasste er auch schnell wieder. „Mein Fehler war, dass ich den Leuten in meinem Umfeld sehr schnell sehr viel Vertrauen geschenkt habe. Heute prüfe ich schon mehr.“ Trainerwechsel, Vereinswechsel, Managerwechsel – er ließ an sich herumzerren.

Von 2004 bis 2008 bestritt er keinen Wettkampf und verbrachte „mehr Zeit in einer Schweizer Klinik als auf dem Trainingsplatz“. Dass Schumann trotzdem in den Medien präsent war, hatte mit der Liaison mit dem umstrittenen Trainer Thomas Springstein zu tun. Auf Anraten des Verbandes wechselte er 2004 nach Magdeburg. Sieben Monate später wurden in Springsteins Haus verbotene Mittel gefunden, zwei Jahre später wurde er wegen Dopings einer Minderjährigen verurteilt. „Das war ein Schock für mich. Ich habe das nie für möglich gehalten und sofort meine Zelte in Magdeburg abgebrochen.“ Als Wochen später nach der Hausdurchsuchung ein Zettel gefunden wurde mit einem „N“ oben in der Ecke, eröffnete der Deutsche Leichtathletik-Verband auch ein Ermittlungsverfahren gegen Schumann. „Das hat meinem Verband ausgereicht, um mich öffentlich zu denunzieren“, sagt der ehemalige Läufer und spricht noch immer von einer „Riesenenttäuschung“ und einem „starken Imageschaden“. Das Verfahren wurde zwar ruckzuck wieder eingestellt. „Aber irgendwie bleibt da was in den Köpfen hängen“, findet er.

Eigentlich ist Schumann das Thema Doping irgendwie leid, doch gerade in diesen Tagen diskutiert er wieder viel darüber. In seinem Buch, das Biografie und Fitnessfibel zugleich ist, hat er unlängst die kühne These aufgestellt, angesichts der Ungleichheit der Kontrollen weltweit alle Mittel freizugeben. Er meint das ernst. Nach den jüngsten Enthüllungen um russisches Staatsdoping fühlt er sich in seiner Meinung bestärkt. „Jetzt offenbart sich doch erst richtig, dass dieses Anti-Doping-System korrupt ist, nicht funktioniert, unheimlich viele Schlupflöcher bietet und Machtbedürfnissen der einzelnen Staaten ausgesetzt ist“, sagt er und fragt zynisch: „Warum soll man weiterhin so ein System am Leben erhalten? Das nie funktioniert hat, das nie funktionieren wird, das eine Scheinheiligkeit vorgaukelt, die mich ankotzt.“

Natürlich ist er gegen Doping, sagt er, doch der saubere Athlet sei der Dumme. Schumann plädiert dafür, dass man dem erwachsenen Sportler die Verantwortung für seinen Körper übergibt. Mit einer Doping-Freigabe, so glaubt er, „würde sich wahrscheinlich weniger ändern, als wir denken und befürchten. Weil jetzt ähnliche Zustände herrschen – nur unter dem Deckmantel, dass kontrolliert wird.“

Privatinsolvenz nach Karriereende

Nil Schumann war „mit Leib und Seele Sportler“, aber er hatte „die Schnauze voll vom Leistungssport“. 2009 beendete er seine Karriere. Der Mittelstreckenläufer fühlte sich zwar wieder belastbar, aber er war kein Siegläufer mehr. Und pleite. Also schnallte er sich seinen „Riesenrucksack“ ab und meldete Privatinsolvenz an. „Das war schwer, aber ich kam nicht mehr mit den finanziellen Belastungen klar.“

Mit etwas Bescheidenheit geht er sein neues Leben an und lässt sich in der Fitnessbranche aus- und weiterbilden. Bei einem Yoga-Lehrgang, bei dem er der einzige Mann war, lernt er seine zweite Frau kennen. Mit Doreen, einer Radebergerin, bekommt er vor drei Jahren einen zweiten Sohn. Der ältere ist acht und schon ein Lauftalent. Schumann schafft es in der Woche noch zweimal zum Laufen. Seine ersten beiden Marathons auf dem Rennsteig waren „echte Herausforderungen. Das lange ruhige Laufen liegt mir nicht“.

Sport sieht er aber nicht mehr so verbissen wie früher. Und das vermittelt er auch seinen Kunden, dass sie nicht ins nächste Hamsterrad steigen. „Fit heißt nicht perfekt, sondern passend“, ist sein Leitspruch. Ein kleiner Fettansatz am Bauch eines Mannes zeige, dass er auch lebt. „Mit dem kann man auch auf der Terrasse einen Wein trinken.“ Nils Schumann bevorzugt Bier. Einen Bauchansatz hat er trotzdem nicht.