merken
PLUS Deutschland & Welt

Angstfrei auf Mallorca

Dieser Sommer läuft auf der Ferieninsel völlig anders. Und es gibt Gerüchte: über einen Anruf aus Deutschland bei Spaniens Gesundheitsminister.

Schlechte Laune gilt nicht auf Mallorca, auch wenn es an der Playa de Palma deutlich leerer aussieht als vor einem Jahr – wie bei „Kronen“-Wirt Christian Lafourcade.
Schlechte Laune gilt nicht auf Mallorca, auch wenn es an der Playa de Palma deutlich leerer aussieht als vor einem Jahr – wie bei „Kronen“-Wirt Christian Lafourcade. © Martin Dahms

Von SZ-Korrespondent Martin Dahms, Mallorca

Vier Möwen stehen im Sand und schauen aufmerksam wie Rettungsschwimmer aufs Meer hinaus. Eine wirft den Kopf in den Nacken und reißt den Schnabel auf, dass man ihre Zunge sieht. Sie gähnt. Ende Juli an der Playa de Palma.

Ein paar Schritte vom Strand entfernt, in der „Sonnenbäckerei“, trinkt René Schlag einen Kaffee und sagt: „Das Schöne ist, wenn du jetzt dort hinten vorbeiläufst: Es stinkt nicht mehr nach Pisse.“

Anzeige
Sommer, Sonne, Sonnencreme
Sommer, Sonne, Sonnencreme

Hier erfährst Du welchen Schutz und welche Pflege Deine Haut in den heißen Monaten wirklich braucht.

Dort hinten, am Balneario 5, auf Höhe des verrammelten Megaparks, fährt ein Streifenwagen der Lokalpolizei vor. Da sitzen ein paar Jungs und trinken mit langen Strohhalmen Sangria aus einem Eimer. Das gibt es noch. Als die Beamten sie dazu auffordern, stehen die jungen Leute auf, ziehen sich ihre Masken über Mund und Nase und schlendern davon, als wäre nichts gewesen. Ihren Eimer dürfen sie mitnehmen.

Was ist an der Playa de Palma anders als im Juli vergangenen Jahres? „Das ist leicht zu erklären“, sagt Christian Lafourcade, der uruguayische Wirt der deutschen Kneipe „Zur Krone“. „Heute kannst du über die Uferpromenade spazieren. Vor einem Jahr hättest du keinen Schritt tun können, so voll war es.“

„In einer normalen Saison“, sagt der Rezeptionist Eduardo Murillo, der an der Playa de Palma wohnt, „magst du hier nicht vorbeikommen. Mein Sohn wird jetzt älter, und es gibt bestimmte Sachen, von denen ich nicht will, dass er sie sieht. Und ich fahre lieber an einen anderen Strand als an den vor meiner Haustür.“

Mallorca hält sich aufrecht, mit Mühe

Magaluf, 30 Kilometer westlich der Playa de Palma, ist sonst die Hochburg der britischen Partytouristen. Der Strand weiß und weich, das Meer warm und klar. Spanische und portugiesische Familien trollen sich friedlich im Sand und Wasser. Weit und breit kein Englisch zu hören.

Familie Septinus aus Jülich, Großeltern, Eltern und ein Enkelkind, genießt es. Sie wohnen dieses Jahr nicht am Strand, sondern im Inselinneren, in einem wunderbaren Haus mit Garten und eigenem Schwimmbad im Dorf Caimari. Gebucht hatten sie schon im November, da wussten sie noch nichts von Corona, aber jetzt sind sie froh, weit weg von allem Trubel zu sein. Sie waren gerade schon am Strand von Alcudia und „echt erschrocken“, sagt Mutter Anja Septinus. „Wir haben unheimlich viele Geschäfte geschlossen gesehen und Bars, wo wir letztes Jahr noch waren. Ich hab’ so gedacht: Ach komm, wir haben zumindest dazu beigetragen, dass hier aufrechtzuerhalten – indem wir gekommen sind.“

Mallorca hält sich aufrecht, mit Mühe. Drei Monate, von Mitte März bis Mitte Juni, war die Insel für Besucher geschlossen. Jetzt kommen die Menschen wieder. Leute, die die Insel mögen und sich seit Jahren auf den Weg nach Mallorca machen. Die Treue der Deutschen zu Mallorca ist ein Phänomen. Klaus-Dieter Knode, Düsseldorfer Stammgast in der „Krone“ an der Playa de Palma, kommt seit 1966. Dieses Jahr war er gemeinsam mit seiner Frau Jutta schon im Februar hier, danach hatten sie für den April und dann wieder für den Juni gebucht, anschließend sollte erst mal Pause sein bis Ende September, „wegen der Hitze“. Jetzt sind sie doch hier, sie haben lieber umgebucht als storniert. Und sind glücklich. „Die Insel ist ja wunderschön. Wunderschön. Jetzt ist sie noch schöner, weil sie ganz leer ist. Is’ ja nix los.“

Benehmen, als wenn kein Corona wär'

„Nix los“ muss man im Falle Mallorcas näher definieren. Die Strände sind voll, die Playa de Palma ebenso wie der Strand von Magaluf oder die kleine malerische Bucht Sant Joan in der Nähe von Alcudia, in der sich fast nur Einheimische tummeln. Aber sie sind nicht brechend voll. Überall ist noch Platz für Neuankömmlinge – oder ein paar Möwen. Man fühlt sich von niemandem bedrängt. Das ist im Juli sonst nicht so. „Die liegen ja bis hier vorne hin. Die liegen wie die Heringe normalerweise im Sommer“, weiß Klaus-Dieter Knode. Am Strand diskutiert eine Gruppe junger Leute aus Berlin und Hamburg über die Lage. „Es ist wie im Oktober an der Ostsee“, sagt einer. Bei deutlich höheren Temperaturen. Aber auch die Hitze lässt sich besser aushalten, wenn man nicht überall anderen Leuten auf die Füße tritt.

Vor dem Virus fürchtet sich niemand hier. Die, die es fürchten, sind in Deutschland geblieben. Gefährdet ist man hier „genau wie zu Hause“, sagt Knode. So denken die meisten. Die Zahlen geben ihnen recht. Die Zahl der Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen zwei Wochen liegt auf den Balearen mit 8,3 genauso hoch wie in Deutschland. Woanders sieht es schlimmer aus, zum Beispiel in Katalonien mit mindestens 61,7 oder in Luxemburg mit 218 Fällen pro 100.000 Einwohner.

Für alle Fälle herrscht auf den Balearen Maskenpflicht. „Das interessiert uns ja nicht“, sagt René Schlag, auch er ein Düsseldorfer, der gemeinsam mit seinem Freund Jürgen Detempli an der Playa de Palma Urlaub macht, „ob ich die Maske zu Hause auf hab’ oder hier, wo ich Urlaub mache, völlig egal.“ Ob man die Maske trägt oder nicht, ist offenbar eine Charakterfrage. Manche sind gewissenhaft oder fürchten die Bußgelder, viele andere haben die Maske zum Kinn runtergeschoben oder übers Handgelenk gezogen. 

Die Familie Septinus gehört zur ersten Gruppe. „Wir achten auf Distanz, auf die Maskenpflicht“, sagt Großmutter Roswitha. „Wir verhalten uns zu Hause auch so. Ich seh’ da keine große Einschränkung.“ Andere offenbar schon. Sie benehmen sich, „als wenn kein Corona wär’ “, sagt Jutta Knode mit einem feinen Lächeln. Gemeint sind „diese Ballermann-Touristen“, wie sie Torsten Nix nennt, der Ehemann von Anja Septinus.

Das Bierstraßenvergnügen

Die Ballermann-Touristen haben am Freitag vor zwei Wochen in der sogenannten Bierstraße, nicht weit vom Balneario 6, gefeiert. Gar nicht besonders ausschweifend, aber eben ohne Masken und ohne Abstand zu Nebenmann und Nebenfrau. Ein deutscher Journalist hat das gefilmt, und fertig war der Skandal. „Da habe ich mich schon maßlos aufgeregt“, sagt Torsten Nix, der von der Geschichte noch in Deutschland mitbekam. „Gerade, dass die aus unserem Land kommen, das fand ich besonders unangenehm. Wo die Spanier so schwer getroffen sind von Corona. Und dann kommen da so ein paar Idioten, die damit im Grunde alle Anstrengungen der Spanier missachten.“

„Nix los“ an der Playa de Palma heißt: Der Strand ist voll, aber nicht brechend voll.
„Nix los“ an der Playa de Palma heißt: Der Strand ist voll, aber nicht brechend voll. © Martin Dahms

Über jenes freitägliche Bierstraßenvergnügen redet auf Mallorca immer noch alle Welt. Vor allem, weil es Konsequenzen hatte: Am Mittwoch darauf erklärte die Balearen-Regierung die Bierstraße und die Schinkenstraße an der Playa de Palma und die ebenso vergnügte Straße Punta Ballena in Magaluf für geschlossen. Über die Motive für diese vorerst zweimonatige Schließung schwirren einige Theorien herum. „Was wir hier hören, ist, dass es einen Anruf aus Deutschland beim spanischen Gesundheitsminister gab“, sagt Eugenia Cusí, die Sprecherin des Verbandes der kleinen Restaurationsbetriebe auf Mallorca. „Und der Minister hat in Mallorca angerufen: Wir müssen einen guten Eindruck in Deutschland machen, sonst drehen die uns den Tourismus ab. So sind die Gerüchte.“

Sau rauslassen? Fehlanzeige!

Am Samstag nach der Freitagsparty zog Polizei in der Bierstraße auf, so war die Ordnung schnell wiederhergestellt. Drastischere Maßnahmen waren überflüssig. Dass die Regionalregierung sie trotzdem traf, ist „aus meiner bescheidenen Sicht der Dinge eine Werbeaktion für die Sicherheit auf der Insel“, sagt Christian Lafourcade von der „Krone“. Eine Demonstration der Entschlossenheit im Kampf gegen das Virus. Oder noch mehr. „Die Regierung hier möchte den Sauftourismus nicht mehr haben“, glaubt der nahe der Playa de Palma lebende deutsche Geschäftsmann Peter Berghoff. Corona sei bloß der Vorwand für eine ohnehin geplante Politik gegen das schrankenlose Vergnügen.

Darüber wird auf Mallorca nun schon seit Jahren geredet, ohne dass sich die Dinge bisher fundamental geändert hätten. Für einen Sommer nun auf einmal doch, dem Virus sei Dank. Die Berlin-Hamburger Freundesgruppe am Strand findet das „schade“. Das Nachtleben fehle schon. Aber anderseits sei nun „alles schön ruhig“, und sowieso gehe es ihnen hauptsächlich darum, mal wieder zehn Tage gemeinsam zu verbringen. Jetzt bummeln sie abends über die Strandpromenade der Playa de Palma, an der fast alle Läden und Kneipen geöffnet haben. Gepflegte Entspannung. Nur die Sau kann man hier gerade nicht rauslassen.

Dresdner Stollen auf Mallorca

Im Inselinneren weiß man von den Enthemmungen an der Playa de Palma und in Magaluf sowieso nur aus den Medien. Hier war die Welt immer etwas stiller, selbst in der Hochsaison. Jetzt ist sie noch stiller. Auf dem Parkplatz beim Santuari de Lluch, einer Klosteranlage im Tramuntana-Gebirge, steht ein gutes Dutzend Autos. „Sonst ist der voll“, sagt die Ticketverkäuferin. Es gibt aber auch Ecken, die nie vom Massentourismus berührt waren, so wie das wunderbare Landschafts- und Kunstmuseum Sa Bassa Blanca auf einer Halbinsel ganz im Nordosten Mallorcas. Den Besuchern wird vor dem Zutritt Fieber gemessen. Es sind nur eine Handvoll. So wie immer, sagt die Frau am Eingang.

Es ist ein schönes Gefühl, die Insel für sich zu haben. Aber wovon leben die Mallorquiner? Alle sind voller Hoffnung, dass es irgendwie weiter- und wieder aufwärtsgeht. Pedro Pascual und seine nepalesische Frau Doma Sherpa haben gerade das „Petit Caimari“ eröffnet, ein Acht-Zimmer-Landhotel, am 20. Juli kamen die ersten Gäste. „Fürs nächste Jahr hoffen wir, dass es einen Impfstoff gibt und Covid vergessen ist“, sagt Pascual. Die Restaurantgruppe Tast, der Eugenia Cusí vorsteht, eröffnet an diesem Mittwoch ein neues Lokal mit großer Terrasse am zentralen Platz von Sóller. „Ich werde auf nichts verzichten, was ein gutes Geschäft sein kann“, sagt Cusí.

Peter Berghoff hat das deutsche Ärztezentrum, das er an der Playa de Palma betrieb, wegen der Corona-Krise geschlossen. Sein neues Geschäft ist die „Wohnung und Haus Mallorca“. „Was im Moment wahnsinnig boomt, ist Finca-Urlaub. Die Fincas gehen weg wie sonst was“, sagt er. Und auch Annett Köhler, die Betreiberin der „Sonnenbäckerei“ aus dem Erzgebirge, die im Winter auf Mallorca Dresdner Stollen verkauft, kennt keine Verzagtheit. „Also wir sind noch hier in einem Jahr“, sagt sie fröhlich. „Wir strukturieren halt um. Und machen andere Sachen, die vielleicht besser funktionieren.“ So schnell ist Mallorca nicht unterzukriegen.

So berichten wir über die Corona-Krise:

Mehr zum Thema Deutschland & Welt