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„Man hat jahrelang den Nachwuchs vernachlässigt“

Langlauf-Bundestrainer Frank Ullrich greift seinen Dauerkritiker Jochen Behle scharf an.

© dpa

Herr Ullrich, die deutschen Skilangläufer sind wieder ohne Medaille bei der WM geblieben. Was sind die Gründe?

Die Analyse wird sicher kein Schnellschuss werden und sie gehört auch jetzt nicht in die Öffentlichkeit. Aber man muss dabei berücksichtigen, dass einige Topathleten wie Axel Teichmann und Tobias Angerer ihre Karriere beendet haben. Ein Hannes Dotzler, der eine Verstärkung gewesen wäre, hat ebenfalls gefehlt. Die Männer-Mannschaft hatte ein Durchschnittsalter von 23,5 Jahren. Dieser Weg mit der Konzentration auf junge, talentierte Athleten muss forciert werden. Aber wir brauchen Geduld mit unseren Talenten.

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Huard, Dotzler und Ranta werden zur neuen DEL2-Saison nicht zurückkehren. Die sportliche Führung teilte ihnen mit, dass nicht mehr mit ihnen geplant wird.

Es machte trotzdem den Eindruck, als seien zum Beispiel Athleten wie Tim Tscharnke bei der Tour de Ski besser in Form gewesen als bei der WM.

Bei Tim ist halt vom 60. bis zum 1. Platz einfach alles möglich. Da fehlt ihm wie anderen Sportlern in unserem Team einfach noch die Stabilität. Bei seinem Etappensieg bei der Tour de Ski hat einfach alles gepasst – auch das Material. Das war bei der WM im Teamsprint gut, und da waren wir mit zwei vierten Plätzen auch nah dran an den anvisierten Medaillen. In anderen Wettbewerben hat es bei uns geklemmt. Wir haben noch viel Arbeit vor uns.

Von Ex-Bundestrainer Jochen Behle kam während der WM die Kritik, dass die deutschen Skilangläufer zu wenig trainieren würden. Stimmt das?

Wenn das jemand gesagt hätte, der 20 Jahre direkt am Sportler Erfahrung gesammelt hat, dann würde ich es mir annehmen. Aber Jochen Behle ist keiner, der die Trainingsmethodik beeinflusst hat. Er war Bundestrainer und hat sich selbst dargestellt. Die Arbeit haben die Heimtrainer von Angerer, Teichmann oder Sommerfeldt gemacht. Deshalb höre ich mir die Kritik an, aber sie ist für mich nicht relevant.

Er hat auch das zu geringe Anspruchsniveau an Ihre Sportler kritisiert.

Ich bin Realist. Und wir haben ein hohes Anspruchsniveau. Wir wollten eine Medaille bei dieser WM gewinnen. Diese Zielstellung haben wir bei einer WM der Skandinavier nicht erreicht, da sind wir selbstkritisch genug. Aber ich würde die Athleten nie öffentlich unter Druck setzen und dann schlachten, so wie es ein Jochen Behle früher gemacht hat. Es sind ja damals nicht umsonst viele Athleten zum Sportdirektor gefahren, weil sie nicht mit ihm weiterarbeiten wollten. Es geht halt bei uns nur Step by Step, das wird ein langfristiger Prozess. Wir können uns keine Leute kaufen, wir müssen sie entwickeln. Das ist nicht einfach, nachdem man sich jahrelang nur um die Spitze gekümmert hat und Mittelschicht und Nachwuchs vernachlässigt wurden. Aber wir werden diesen schwierigen Weg gehen: mit Härte, aber auch mit Sensibilität.

Befürchten Sie, dass Sie Ihren Posten verlieren könnten?

Ich habe kein Problem damit, wenn der Verband sagt: ‚Du bist nicht mehr der Richtige.‘ Dann würde ich meinen Posten zur Verfügung stellen.

Aber der Job macht Ihnen noch Spaß?

Sonst würde ich ihn ja nicht mehr machen. Ich möchte Athleten auch weiterhin durch schwierige Phasen begleiten, wie wir jetzt gerade eine haben. Der Mensch reift durch Niederlagen, das habe ich schon als Sportler gelernt. Wir müssen uns nach dieser WM mit einer fantastischen Stimmung, wie ich sie noch nicht erlebt habe, aber auch selbst hinterfragen. Es ist unglaublich, was in Schweden und Norwegen für eine Akzeptanz für den Langlauf da ist. Davon können wir nur träumen. Bei uns gibt es nicht mal ein Hundertstel des Potenzials.

Wie kann man das ändern?

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Wir müssen dem Sport wieder den Stellenwert verleihen, den er verdient. Bei uns ist nur der Fußball dominant. Aber Skandinavien macht es uns vor. Da kommen 40 000 bis 50 000 zu einem Skilanglauf-Rennen, und es gibt endlos Talente in diesem Ausdauersport – im Gegensatz zu Deutschland.

Das Interview führte Lars Becker.