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Wirtschaft

„Man kann jederzeit einkaufen“

Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) über Wochenmärkte in Corona-Zeiten und Freiheit.

Umweltminister Wolfram Günther überzeugte sich im Edeka-Regionallager, dass die Versorgung gesichert ist.
Umweltminister Wolfram Günther überzeugte sich im Edeka-Regionallager, dass die Versorgung gesichert ist. © Sebastian Kahnert/dpa

Herr Günther, wo sind Sie gerade?

Im Ministerium. Hier ist es allerdings ziemlich leer. Während andere im Homeoffice arbeiten, treffen wir Minister uns weiterhin mehrmals die Woche physisch in Krisenstäben.

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Vorletzte Woche haben Sie ein großes Lebensmittellager einer Handelskette besucht. Wie sicher ist die Versorgung zurzeit?

Sie ist unverändert sicher. In Landwirtschaft, Lebensmittelhandel und Logistik gibt es keine nennenswerten Ausfälle durch Corona. Viele Menschen leisten jetzt Unglaubliches. Ich denke da vor allem an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einzelhandel, die jetzt die Regale noch schneller einräumen als sonst.

Warum sind trotzdem immer mal leere Regale zu sehen?

Alle Waren sind nach wie vor vorhanden, auch wenn zum Beispiel die Nachfrage nach Konserven und Mehltüten gestiegen ist. Wenn Regale zwischendurch leer sind, dann weil die Mitarbeiter mit dem Auffüllen nicht immer nachkommen oder Nachschub aus dem Großlager erst noch geliefert werden muss.

Was haben Sie zu Hause gehamstert?

Überhaupt nichts. Wir haben ganz normale Vorräte. Wir bekommen eine Gemüsekiste von einem Biohof in unserer Gegend geliefert, das läuft unverändert gut. Man kann jederzeit einkaufen. Allerdings haben wir zum Kochen einen Gasherd, für den haben wir noch zwei Gaskartuschen gekauft, solange die Baumärkte noch für jedermann geöffnet waren.

Was wird aus Bauern und Gärtnern, nachdem die Wochenmärkte geschlossen wurden?

Wir haben Gärtnereien, selbst produzierende Gartenmärkte und Baumschulen geöffnet gelassen. Auch Hofläden sind weiterhin geöffnet. Vergangene Woche wurden allerdings Wochenmärkte durch Sozial- und Innenministerium geschlossen, weil es dort teilweise zu eng zuging. Das Risiko gerade durch die vielen älteren Besucher dort war zu groß. Wir haben jetzt erreicht, dass mobile Verkaufsstände wieder öffnen dürfen. Das Kabinett berät am Dienstag darüber.

Sind Wochenmärkte dann wieder erlaubt?

Ab Mittwoch dürfen mobile Verkaufsstände wieder Lebensmittel, selbst erzeugte Gartenbau- und Baumschul-Erzeugnisse und Tierbedarf anbieten. Aber Stände mit Pantoffeln und Holzspielzeug werden nicht dabei sein.

Außerdem ist auf Sicherheitsabstände von zwei Metern zwischen den Menschen zu achten, denn wir müssen ja Ansteckungen vermeiden. Das muss lokal zweckmäßig organisiert werden.

Weshalb diese Rücknahme einer Einschränkung?

Das ist ein Nachsteuern. Es war schwer zu erklären, dass Supermärkte mit teilweise importierten Produkten öffnen dürfen, während Erzeuger von hier kaum noch verkaufen durften. Unsere regionalen Produzenten in Sachsen sind uns wichtig, wir brauchen sie.

Landwirte sorgen sich auch, weil Saisonkräfte aus Ländern wie Rumänien kaum noch kommen können. Was lässt sich machen?

Derzeit verschaffen wir uns bei den Betrieben ein genaues Bild des Bedarfs. Wir arbeiten an mehreren Möglichkeiten für Saisonkräfte und Pendler. Ein Teil von ihnen ist schon im Land, aber manche haben angekündigt, aus Furcht vor Ansteckung nicht mehr zu reisen. Andere sind bereit zu kommen, aber die Reise ist erschwert. Die Ausreisebestimmungen der Heimatländer müssen über den Bund geklärt werden. Darüber sind wir im Gespräch.

Wie lassen sich ausbleibende Helfer ersetzen?

Wir haben bereits Regeln geschaffen, die den Einsatz in der Landwirtschaft erleichtern. Wer Kurzarbeitergeld bekommt, muss einen Nebenverdienst aus der Landwirtschaft bis zu einer bestimmten Höhe nicht anrechnen lassen. Saisonarbeiter sind statt 70 Tage nun 115 Tage von Sozialabgaben befreit. Die erlaubten Arbeitszeiten sind auf zwölf Stunden am Tag ausgedehnt worden. Beschäftigte der Landwirtschaft im Ruhestand können wieder mitarbeiten, ohne dass ihr Einkommen auf die Rente angerechnet wird.

Von Studenten als Helfern in der Landwirtschaft war auch schon die Rede, werden die sich melden?

Viele Studierende verlieren nun gewohnte Nebenjobs. Sie und die anderen Interessierten können sich über mehrere Internetportale als Helfer in der Landwirtschaft melden, zum Beispiel daslandhilft.de oder saisonarbeit-in-deutschland.de. Die Reaktionen dort sind ermutigend. Und wir sind dran, dass Fridays-for-Future-Gruppen und Landwirtschaft zueinanderfinden. So kommen gesellschaftliche Bereiche zusammen, die bisher mehr über- als miteinander geredet haben.

Wann werden Saisonkräfte gebraucht?

Es geht jetzt los. Im April beginnt die Spargelernte, dort legen die Bauern allerdings Wert auf Arbeitskräfte mit Erfahrung. Aber dann kommt die Erdbeerernte. Kohlrabis müssen gepflanzt werden, auch Milchviehbetriebe können Helfer brauchen.

Bekommen kleinere Bauernhöfe auch die Zuschüsse von 9.000 beziehungsweise 15.000 Euro für Selbstständige, je nach Mitarbeiterzahl?

Ja, diese Einmalzahlungen wird es auch für Erzeuger in der Landwirtschaft geben. Es wird noch an den Richtlinien gearbeitet, damit es keinen Konflikt mit den Bedingungen für die EU-Fördergelder gibt. Auch Kredite werden angeboten und Lösungen für Not leidende Betriebe, die Kredite nicht zurückzahlen können.

Wegen Corona sind jetzt viele Freiheiten eingeschränkt. Wie ist das für einen Grünen-Politiker, der auch stellvertretender Ministerpräsident und Rechtsanwalt ist?

Wir haben sehr einschneidende Maßnahmen für die Menschen getroffen, zum Beispiel Aufenthaltsbeschränkungen im Freien. Ganz entscheidend ist: Wir machen es uns mit keiner Entscheidung leicht. Das Ziel ist, die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen. Dazu müssen soziale Kontakte minimiert werden. Das sind Eingriffe in Grundrechte. Und die sind immer zeitlich befristet.

Aber es sind wenige Politiker, die stark in Rechte eingreifen?

Mir ist wichtig festzuhalten, dass sich hier nicht wenige Politiker etwas ausdenken, sondern es wird gemeinsam abgewogen. Mit der Gesellschaft, die Schutz vor dem Virus will, und mit Verbänden. Entscheidend ist die Verantwortung jedes Einzelnen. Die allermeisten verhalten sich vernünftig. Wir wollen die vernünftigen Leute schützen vor denen, die das Risiko der Krankheit nicht ernst genug nehmen.

Für wie lange rechnen Sie mit den Einschränkungen?

Vieles ist zunächst bis zum 20. April festgelegt worden, aber das bedeutet Wiedervorlage. Entscheidend ist, dass die Einschränkungen zeitlich befristet sind. Noch gibt es viele Ungewissheiten zu Corona. Mit jeder Woche werden wir klüger.

Wird nach der Krise alles sein wie vorher?

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Das glaube ich nicht. In der Landwirtschaft hoffe ich, dass der Blick auf die regionalen Erzeuger sich verbessert. In vielen Berufen gewinnt Tele-Arbeit an Bedeutung. Persönlicher Austausch ist wichtig für Menschen, aber auch nach der Corona-Krise wird es wohl weniger Konferenzen mit Anwesenheit geben. Für den Klimaschutz ist es besser, wenn weniger Menschen anreisen müssen. Und wenn wir For-Future-Gruppen und Landwirte zusammenbringen, Brücken bauen, dann wird auch davon etwas bleiben.

Das Gespräch führte Georg Moeritz.

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