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„Man kann von Afrika auch lernen“

Auf dem Schwarzen Kontinent gibt es nicht nur Katastrophen. Ein Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Welthungerhilfe.

© picture-alliance / marcus brandt

Herr Jamann, die Europäische Union will ihr Verhältnis zu Afrika ändern und hat auf dem EU-Afrika-Gipfel eine neue Strategie vorgestellt. Kann die EU damit Afrikas Probleme lösen?

Dr. Wolfgang Jamann ist seit August 2009 Generalsekretär und Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe. Er hat über 20 Jahre Erfahrung in der humanitären Hilfe. Foto: dpa
Dr. Wolfgang Jamann ist seit August 2009 Generalsekretär und Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe. Er hat über 20 Jahre Erfahrung in der humanitären Hilfe. Foto: dpa © picture alliance / dpa

Die Europäische Union ist ein ganz wichtiger Partner für viele afrikanische Länder. Insofern sind solche Gipfeltreffen eine gute Gelegenheit, die unterschiedlichen Erwartungen zu formulieren und zu prüfen, ob die außenpolitischen Strategien der EU-Staaten noch zur Realität des afrikanischen Kontinents passen.

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Ist es realistisch, wenn EU-Kommissionschef Barroso von einer Partnerschaft auf Augenhöhe spricht?

Ein neuer gleichberechtigter Umgang wird die Grundlage der Beziehungen sein müssen. Der afrikanische Kontinent hat viel an Selbstbewusstsein gewonnen in den letzten Jahren. Man darf aber nicht vergessen, dass Afrika aus mehr als 50 Staaten besteht – mit verschiedenen Problemlagen, denen man auch in unterschiedlicher Weise begegnen muss. Das reicht vom Krisenmanagement in Staaten wie der Zentralafrikanischen Republik bis hin zur Beseitigung von Ungleichheiten in einem wirtschaftlich starken Land wie Südafrika. Ein Gipfeltreffen wie das in Brüssel kann nur an der Oberfläche kratzen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat erklärt, man solle in Afrika nicht nur Krisen und Konflikte sehen, sondern auch die Chancen. Wo liegen die?

Es ist spannend zu beobachten, dass Afrika, das jahrzehntelang nur als Krisenkontinent wahrgenommen und dargestellt wurde, inzwischen selbst viel Innovation hervorbringt. Ein Beispiel: Das Internetbezahlsystem M-Pesa, das in Ostafrika entstanden ist, findet inzwischen den Weg auf den europäischen Markt. Man kann also auch von Afrika lernen. Dennoch verengt der Begriff „Chancenkontinent“ unserer Meinung nach den Blick. Denn man meint damit offensichtlich in erster Linie wirtschaftliche Chancen und Investitionsmöglichkeiten für die Industriestaaten. Es geht aber auch um Wachstum, das den vielen Millionen Armen und Hungernden zugutekommt und nicht nur Profite für Unternehmen und lokale Eliten bringt.

Kritiker sagen, es ginge den Europäern allein um Absatzmärkte und die Sicherung von Rohstoffquellen. Kommen sie damit nicht längst zu spät?

Das ist nicht das entscheidende Problem. Europäer und Chinesen müssen sich vielmehr die Frage stellen, ob es zu verantworten ist, den Kontinent als billigen Rohstofflieferanten zu betrachten. Das ist die klassische Wahrnehmung Afrikas. Dort werden Ressourcen abgeschöpft. Die EU und China wären gut beraten, das künftig an strenge Regeln zu knüpfen. Die Ausbeutung von Rohstoffen hat in Afrika immer zu politischer Instabilität geführt. Das sieht man deutlich in Ländern wie dem Kongo. Die Instabilität geht zulasten der Zivilbevölkerung, auf deren Rücken Konflikte und Kriege ausgetragen werden.

Was kann Europa bieten, was die Chinesen nicht können?

Die Chinesen sagen ganz offen, dass sie keine Ideologie exportieren, und kritisieren den menschenrechtlichen Ansatz der Europäer. Wir glauben, andersherum wird ein Schuh daraus. Auf die Wahrung der Menschenrechte zu drängen wird langfristig der Stabilität in Afrika dienen. Regierungen, die Verantwortung übernehmen für das Schicksal ihrer Länder, die demokratische Prinzipien einhalten, die Korruption abbauen – sie schaffen damit die Voraussetzung für erfolgreiches und nachhaltiges wirtschaftliches Handeln. Damit sind wir in Europa gedanklich einen Schritt voraus.

Eine der Hauptsorgen ist die Flucht von Millionen Afrikanern. Wie lässt sich das Problem lösen?

Viele Menschen fliehen vor Kriegen und Konflikten, vor Hunger und den Folgen klimatischer Veränderungen. Sie sind in existenzieller Not und sehen keinen anderen Ausweg. Doch es gehört inzwischen ebenso zur Lebenswirklichkeit in Afrika, dass auch dort das Phänomen wachsender Mobilität wirkt. Menschen mit guter Ausbildung und wirtschaftlicher Potenz suchen anderswo ihre Chancen. Man darf nicht so tun, als könne man das mit hohen Mauern und Zäunen aufhalten. Ein Stück Normalität wäre angebracht – zumindest im Denken. Allerdings darf diese globale Mobilität nicht dazu führen, dass in den Zielländern Instabilität einzieht.

Die Welthungerhilfe und andere Organisationen erinnern die Bundesregierung immer wieder an die Verpflichtung, mehr für Entwicklungshilfe auszugeben. Besteht die Gefahr, dass das in Vergessenheit gerät?

Das ist keine Forderung, die nur wir stellen. Es geht um die Selbstverpflichtung der Regierung, 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts für die Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung zu stellen. Es kommt aber nicht auf die Höhe des Prozentsatzes an, sondern auf den richtigen Umgang mit den Mitteln. Wenn man Gelder für Entwicklungszusammenarbeit deklariert, die eigentlich für die Außenwirtschaftsförderung gedacht sind, betreibt man Augenwischerei. Es muss darauf geachtet werden, dass dieses Geld für die Armutsbekämpfung eingesetzt wird. In die Afrikastrategie fließen Überlegungen mehrerer Ressorts ein. Wir wünschen uns sehr, dass der Einfluss des Entwicklungsministeriums dabei prägend ist. Das neue Konzept sollte nicht vorwiegend von sicherheitspolitischen Erwägungen und wirtschaftlichen Interessen bestimmt sein.

Ihre Organisation kennt die Situation in Afrika genau. Was muss sich zuerst ändern, damit Afrika ein prosperierender Kontinent wird?

Was in den Afrika-Konzepten der EU und der Bundesregierung zu kurz kommt, ist die Reform der Handelsbeziehungen. Viele Entwicklungsbemühungen scheitern daran, dass es keinen fairen Handel zwischen dem Süden und dem Norden gibt. Ein bilaterales Handelsabkommen zum Beispiel zwischen der EU und den USA führt dazu, dass andere Akteure auf dem Weltmarkt noch ein Stück weiter verdrängt werden. Die Märkte in afrikanischen Ländern spüren den Druck durch Importe aus Europa. Dadurch wird es für afrikanische Bauern schwieriger, eigene Produkte abzusetzen. Solange dieses Ungleichgewicht besteht, sind viele Entwicklungsbemühungen nicht erfolgreich.

Das Gespräch führte Frank Grubitzsch