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Manfred Krug konnte sie nicht zum Weinen bringen

Ursula Werner gehört seit DDR-Zeiten zu Deutschlands besten Schauspielerinnen. Auch jetzt ist sie wieder im Kino zu sehen. Ein Gespräch.

Sie wird oft gebucht für Figuren aus den unteren Gesellschaftsschichten. Doch Ursula Werner kann auch Glamour, hier bei der Premiere des Films "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".
Sie wird oft gebucht für Figuren aus den unteren Gesellschaftsschichten. Doch Ursula Werner kann auch Glamour, hier bei der Premiere des Films "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl". © Tobias Hase/dpa

Frau Werner, Sie wurden in Eberswalde geboren, die ersten vier Lebensjahre haben Sie in Barnim verbracht, die Jahrzehnte danach in Berlin. Machen Sie einen Unterschied zwischen Zuhause und Heimat?

Zuhause ist für mich das, wo ich wohne, wo meine nächsten Verwandten und Freunde sind. Heimat definiere ich ganz anders: Es ist für mich der Ort, an dem ich in den ersten Lebensjahren die Welt kennengelernt habe und das war eben in Barnim an der Grenze hin zur Uckermark. Ich bin ja mitten im Krieg geboren worden. Meine Mutter ist nach der Evakuierung aus Berlin zurück in ihr Vaterhaus aufs Land gegangen. Alles, was mir liebenswert erscheint, ist mir dort begegnet: die Menschen, der Wald, Pilze, Blaubeeren, der See. Das Bodenständige eben, das Einfache. Noch heute bin ich gern in der Gegend. Einmal im Jahr feiere ich mit meinem Bruder den Geburtstag meines älteren Cousins dort. Auch wenn die Rede auf Eberswalde kommt, meldet sich immer wieder ein kleines Fähnchen in mir. Da klopft mir das Herz einfach auf andere Weise.

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Sie sind gelernte Tischlerin. Haben Sie den Beruf aus Liebe zum Holz ergriffen?

Ich wollte Innenarchitektin werden, da brauchte man zuvor eine Facharbeiterausbildung. Tischlerin zu werden, erschien mir als kleine junge Frau, die ich war, körperlich machbar. Bereut habe ich es nie. Es war wunderbar dort im Kollektiv „Wilma Rudolph“ in Adlershof.

Wann meldete sich in Ihnen der Wunsch, Schauspielerin zu werden?

Der kam spät. Ich hatte viele Jahre einfach nur Lust, Filme zu sehen, habe die vielen Schauspielerinnen und Schauspieler bewundert und Bilder von ihnen gesammelt, hatte aber nie den Mut, sie direkt auf Autogramme anzusprechen oder wenigstens anzuschreiben. Ich muss da immer wieder an die Kinder bei mir im Haus in Berlin denken, als ich selbst schon Schauspielerin war. Meinen Namen kannte man aus dem Fernsehen und der Zeitung. Die Briefkästen befanden sich im Hausflur ja direkt an der Wohnungstür, die Kinder konnten ihn lesen und es dann gar nicht fassen, dass hier wirklich eine richtige und lebendige Schauspielerin wohnt.

1967 gab Ursula Werner ihr Debüt an der Seite von Manfred Krug in „Frau Venus und ihr Teufel“.
1967 gab Ursula Werner ihr Debüt an der Seite von Manfred Krug in „Frau Venus und ihr Teufel“. © DEFA-Stiftung / Dieter Jaeger

War es Zufall oder Strategie, dass aus der Tischlerin Ursula Werner eine Schauspielerin wurde?

Der Zufall spielte bei mir immer eine große Rolle. Ich wurde auf einer Party beim Tanzen entdeckt und bekam danach eine kleine Rolle im Diplomfilm von Helmut Nitzschke, der mich dann gleich in seinem ersten langen Film besetzte. Das war 1962 in „Wind von vorn“. Nach den Dreharbeiten bin ich in die Laienspieltruppe am Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft in Berlin gegangen. Dort habe ich dann richtige Lust bekommen, mich an der Schauspielschule zu bewerben. Nach zwei Vorsprechen wurde ich angenommen.

Die Staatliche Schauspielschule der DDR war da noch nicht nach Ernst Busch benannt. Heute spricht man hochachtungsvoll von ganzen Jahrgängen, die „an der Busch“ ausgebildet wurden. Wer war mit Ihnen dort?

Der Michael Gwisdek war in meinem Jahrgang. Uschi Staack auch. Zu meiner Zeit an der Schule waren noch Uwe Kockisch, Alexander Lang, Jenny Gröllmann, Walfriede Schmitt, Heidemarie Wenzel, Renate Krößner und Petra Hinze.

Das sind alles bekannte Namen des Ostfilms – und Renate Krößner hat ebenfalls Tischlerin gelernt …

Renate, Heidi Wenzel und Petra Hinze waren sogar schon mit mir an der Schliemann-Oberschule in Berlin.

Kurz zurück zu „Wind von vorn“: Warum taucht er im Defa-Kanon nur als Randnotiz auf?

Der Film wurde direkt in Schwarze Pumpe gedreht, beschrieb aber die Arbeiterschaft in der DDR nicht so, wie es offiziell erwünscht war. Er ist nie fertiggeworden, das Material war auch im Zuge der wiederentdeckten Defa-Kellerfilme nicht mehr aufzufinden. Ich spielte die Pflegetochter von Erwin Geschonneck und Marianne Wünscher, diesen beiden so großartigen Darstellern.

Ursula Werner und Horst Westphal in einer Szene des Films "Wolke 9". In dem Kinofilm von Andreas Dresen geht es um die Liebe und Sexualität im Alter. 
Ursula Werner und Horst Westphal in einer Szene des Films "Wolke 9". In dem Kinofilm von Andreas Dresen geht es um die Liebe und Sexualität im Alter.  © Senator/dpa

1967 kam „Frau Venus und ihr Teufel“ heraus. Es wurde Ihr echtes Debüt.

Und das noch als Studentin an der Seite von Manfred Krug! Man hat mich vor ihm gewarnt, er würde am Set immer alle Weiber zum Heulen bringen. Aber ich war ziemlich frech damals, ziemlich kess, fast dreist, vielleicht sogar etwas überheblich, weil ich an der Schauspielschule schon einige Lorbeeren geerntet hatte. Für die Begegnung mit Manfred Krug war das nicht schlecht, denn mir fehlte ihm gegenüber jede Ängstlichkeit. Wir hatten den gleichen Humor. Ich glaube, dass wir ein prächtiges Paar gewesen sind.

Haben Sie je um Rollen gekämpft?

Nein, die kamen eigentlich auf mich zu. Mit den festen Engagements war es nicht anders. Dass ich nach 1989 eine Zeit lang nicht mehr so große Rollen bekommen habe, hat mich nicht weiter überrascht oder erschüttert, denn ich hatte damit gerechnet. Das Gute war trotzdem, dass mein Auskommen über all die Jahre gesichert war, für die Kinder, die Miete, Weihnachtsgeschenke und den Urlaub. Und da es mit dem Urlaubsplatz in der DDR so schwierig war, haben wir uns damals ein kleines, altes Haus in der Prignitz gekauft. Da wussten wir, wo wir im Sommer bleiben können und wo es schön ist.

Von Ihrer frühen Zeit beim Berliner Kabarett „Die Distel“ wissen wohl die wenigsten. Was war daran das Besondere?

Diese Zeit war sehr lehrreich, weil man im Kabarett unbedingt die Verbindung zum Publikum aufbauen muss. Der Zuschauerraum ist der Ort, an den man senden muss. Ich gestehe aber, dass ich mich als Kabarettistin nicht so gut fand. Ich war voller Bewunderung für meine Kollegen wie Gerd E. Schäfer, Lutz Stückrath oder Ingrid Ohlenschläger, vor allem weil sie a priori improvisieren konnten. Mir fiel das schwer. Deshalb war ich froh darüber, als mich Regisseur Horst Schönemann für sechs Jahre ans Landestheater nach Halle holte, denn ich hatte Sehnsucht nach dem dramatischen Theater. Halle hatte damals ein richtungsweisendes Haus, wir waren 1972 die Ersten, die Ulrich Plenzdorfs brisantes Gegenwartsstück „Die neuen Leiden des jungen W.“ gespielt haben.

Danach waren Sie von 1974 bis 2009 am Maxim Gorki Theater in Berlin und spielten dort mit großen Regisseuren viele prägende Rollen. Haben Sie trotzdem nie die Lust aufs Freisein verspürt?

Ich war im Grunde froh, dass ich das Dilemma, frei zu sein, nicht erleben musste. Erst in den letzten Jahren kann ich diese Freiheit genießen und zwischen all den so wunderbaren Angeboten, die fast nahtlos ineinander übergehen, auswählen. Ich sage es ganz offen: Frei zu sein, ist eine harte Sache, vor allem für Frauen im mittleren Alter. Für viele meiner Kolleginnen war es nach 1989 bitter. Gerade auf die Schauspielerinnen der DDR hat keiner gewartet. Im Westen gab es ein völlig intaktes Netzwerk. 

Im Dresdner Staatsschauspiel sind Sie aktuell in der Armin-Petras-Inszenierung von Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ zu sehen. In der Presse hieß es nach der Premiere, Sie würden es darin „mit der Weigel aufnehmen“.

Ich nehme es mit gar keinem auf! Sie war die Weigel, ich bin die Werner. Natürlich bewundere ich die große Helene Weigel, aber jede Schauspielerin spielt die Courage auf ihre Art, ich mit meiner Biografie eben auf die meine.

In der Kerkeling-Biografie „Der Junge muss an die frische Luft“ spielte Werner die Oma Bertha.
In der Kerkeling-Biografie „Der Junge muss an die frische Luft“ spielte Werner die Oma Bertha. © Warner Bros. Entertainment/dpa

Sind Sie denn eine Bewunderin geblieben?

Natürlich! Ich nenne da nur zwei Namen: Simone Signoret und Liv Ullmann.

Sie sind auch eine viel beschäftigte Synchronsprecherin. Was reizt Sie daran?

Diese Arbeit mag ich sehr, obwohl man den ganzen Tag in der Dunkelkammer steckt. Ich finde es sehr spannend, mich in eine andere Schauspielerin hineinzuversetzen, zu erspüren, was sie beim Drehen empfunden haben könnte. Besonders schön war die Arbeit für „Liebe“ von Michael Haneke, wo ich die Emmanuelle Riva gesprochen habe. Ganz nebenbei konnte ich durch das Synchronisieren bislang Filme sehen, die ich aufgrund fehlender Zeit vielleicht nie gesehen hätte.

Hätten wir uns im Osten und Westen nach 1989 gegenseitig mehr Filme zeigen müssen, um uns auch darüber besser kennenzulernen?

Ja, das stimmt! Filme erzählen ja immer Geschichten und auch solche über die Zeit. Ich habe mich zum Beispiel mal versucht zu erinnern, was wir zu DDR-Zeiten eigentlich gefrühstückt haben. Bis ich es in einem alten Film dann sah.

War Weggehen oder Bleiben ein drängendes Thema für Sie?

Nein, ich wollte nie von hier weggehen. Mein Bruder ist 1961 in den Westen gegangen und ich habe ihn danach 25 Jahre lang nicht gesehen. Sein Wunsch, selbst die Welt zu sehen, war einfach zu groß. Ich war in der DDR verwurzelt, nicht zuletzt durch die Eltern, Freunde und die Familie. Hier habe ich alles, was ich brauchte, bekommen: Eine gute Schulausbildung, zwei Berufe, das Studium, die Kinder. Das Bild des ersten Bettlers auf der Straße, den ich gesehen habe, nachdem wir 1989 die Freiheit erlangt hatten, habe ich lange Zeit nicht aus meinem Kopf bekommen. Ich war fassungslos, ich dachte, so etwas gehöre nur in die Literatur zu Charles Dickens oder Nexös „Ditte Menschenkind“, nicht in die gelebte Gegenwart. Und ich muss sagen, es erschüttert mich noch heute.

Sollten Sie sich anderen gegenüber für Ihr Leben in der DDR schon rechtfertigen?

Ja, aber ich mache es einfach nicht. Erklären, ja, aber keinesfalls rechtfertigen!

Immer, wenn Sie Preise bekommen, bedanken Sie sich auf der Bühne bei Ihren Eltern, zuletzt 2019 bei der Verleihung des Deutschen Schauspielpreises. Warum genau?

Es ist mir eine Herzenssache! Meine Eltern waren einfache Menschen, mein Vater Rohrleger, meine Mutter Stenotypistin und Hausfrau. Ihnen habe ich es am meisten zu verdanken, dass ich meinen Weg gehen konnte. Sie haben mir nicht nur gestattet, Abitur zu machen und zu studieren, sondern sie haben immer an mich geglaubt und mich niemals behindert. Auch meinen Bruder nicht, der als Arbeiterkind an der Humboldt-Universität Physik studiert hat. Da kamen von Mutter und Vater keine Sätze wie: „Mach’ erst mal ’ne Lehre und verdiene was, danach kannste mit deinen spinnerten Träumen kommen.“ Nein, sie haben mich sofort unterstützt, obwohl sie selbst keinerlei Erfahrung mit der Kunst hatten. Filme und Musik haben sie auf ihre Art geliebt. Wir haben nie groß darüber gesprochen, entweder es gefiel oder eben nicht.

Ihre drei Kinder haben ebenfalls keine künstlerischen Berufe, sie sind Anwältin, Informatiker und Projektbetreuer bei einem Sportclub. Auch bei ihnen bedanken Sie sich.

Weil mir auch das eine Herzensangelegenheit ist. Meine Kinder haben mir nie Vorwürfe gemacht, weil ich so oft nicht bei ihnen war. Sie sind wunderbar großzügig mit mir.

„Jede Schauspielerin spielt die Courage auf ihre Art, ich mit meiner Biografie eben auf die meine“, sagt Ursula Werner, die im Dresdner Staatsschauspiel derzeit regelmäßig als Mutter Courage auf der Bühne steht. 
„Jede Schauspielerin spielt die Courage auf ihre Art, ich mit meiner Biografie eben auf die meine“, sagt Ursula Werner, die im Dresdner Staatsschauspiel derzeit regelmäßig als Mutter Courage auf der Bühne steht.  © Sebastian Hoppe

Sind eigentlich noch Rollen oder Figuren offen, die es für Sie zu spielen gäbe?

Ach, man will immer wieder auch mal Überraschendes spielen. Aber ich bin der Meinung, dass man nicht alles können muss, also auch nicht spielen. Lange Jahre wollte ich Prinzessin sein, denn nirgendwo hatte man mich als eine besetzt. Als er davon erfuhr, schrieb mir der wunderbare Dramatiker Rudi Strahl gleich eine Rolle. Eine Schauspielerin kommt da aufs Land und soll in „Schneewittchen“ mitwirken, freut sich schon darauf, die Hauptrolle zu bekommen. Doch sie ist die sieben Zwerge. Später war ich endlich die „Prinzessin von Burgund“ am Maxim Gorki Theater. Nur hatte sie fettige Haare und trug Kittelschürzen aus der DDR!

Gibt es ein persönliches Prinzip, nach dem Sie Ihre Rollen am Theater oder im Film auswählen?

Die legendäre Schauspielerin Elisabeth Bergner hat einst auf die Frage geantwortet, ob sie lieber in einem Film mit einem guten Drehbuch, aber einem schlechten Regisseur spielen würde oder umgekehrt, dass sie stets den guten Regisseur wählen würde. Das habe ich mit großen Ohren vernommen. Es klang wahrhaftig und ich kann der Bergner nur zustimmen.

Greifen wir aus der langen Werner’schen Filmografie nur zwei Namen heraus. Zuerst: Andreas Dresen.

Ich habe ja schon mit seinem Ziehvater Christoph Schroth am Theater gearbeitet, also kenne ich ihn länger als er mich. Dann bot mir Andi zwei Rollen an, in „Die Polizistin“ und „Willenbrock“, bevor 2008 die Hauptrolle in „Wolke 9“ kam. Ich konnte es kaum fassen und habe mich wahnsinnig darüber gefreut. Es war für mich noch mal eine große Chance, denn ich wusste, dass es bei Andreas trotz des heiklen Themas von Liebe und Sexualität zwischen alten Menschen nichts Oberflächliches und Geschmackloses werden würde. Ich habe unfassbar schnell zugesagt.

Und Caroline Link. Mit ihr haben Sie innerhalb eines Jahres gleich zwei große Unterhaltungsfilme gedreht: „Der Junge muss an die frische Luft“ und „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

Zwischen Caroline und Andi Dresen würde ich gar nicht so viele Unterschiede sehen. Beide haben die Qualität, bei der Arbeit ein Umfeld zu schaffen, das Konzentration und gleichzeitig Lockerheit vereint. Sie wissen sehr genau, was sie von ihren Schauspielern verlangen können und was nicht. Sie haben eine klare Vision.

Gerade hat ein neues Jahr begonnen. Formulieren Sie Wünsche an die Zukunft?

Ich habe so viel bekommen in meinem Beruf und in meinem Leben, dass ich auch dafür wirklich nur dankbar sein kann. Mehr Zeit mit meinen Enkeln zu verbringen, ja, das wäre schön! Aber ich kann so schlecht Nein zur Arbeit sagen.

Das Gespräch führte Andreas Körner.

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