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Manfred Stolpe - Präsident der kleinen DDR

Manfred Stolpe war beliebt und umstritten. Zu Dresden und Sachsen hatte der Kirchenmann und spätere SPD-Politiker eine besondere Beziehung. Ein Nachruf.

Sachsens damaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf prostete im April 2002 im Dresdner Landtag dem damaligen Ministerpräsidenten von Brandenburg Manfred Stolpe zu.
Sachsens damaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf prostete im April 2002 im Dresdner Landtag dem damaligen Ministerpräsidenten von Brandenburg Manfred Stolpe zu. © Ronald Bonß

Dresden, so meinte Manfred Stolpe oft und gern, habe das schönste Stadtpanorama, das er kenne. Seine „besondere“ Beziehung zur sächsischen Landeshauptstadt begann schon als junger Mann mit einer heute kaum verständlichen Herausforderung. „In der DDR war Wohnraum sehr knapp, und ich hatte die Chance, eine Zwei-Zimmer-Wohnung zu bekommen für meine Verlobte und für mich“, erzählte er darüber vor Jahren der SZ. „Aber die DDR war ja ein strenges Land, und beim Wohnungsamt fragten die netten Leute: Sind Sie verheiratet?“ Er habe dann eine Formel gefunden, „die keine Lüge war, aber am Ende geholfen hat, die Zuweisung zu bekommen“ – ein echter Stolpe-Satz. „Ich habe gesagt, wir werden verheiratet sein. Meine Frau, die in Greifswald Medizin studierte, wollte das noch geheim halten.“

Also haben die zwei vor weit mehr als einem halben Jahrhundert in der Dresdner Kreuzkirche geheiratet. Weil das junge Paar keine Trauzeugen hatte, sammelte sie welche von der Straße auf. Als es zum Standesamt Dresden-Nord fuhr, erinnerte sich der Bräutigam Jahrzehnte später in der SZ, hielt ein Dresdner Müllfahrer an und sagte in schönstem Sächsisch: „Hau ab, noch ist Zeit“. Es wurde eine lange und glückliche Ehe.

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Stolpes Sachsen-Affinität lag wohl auch an seiner Schwiegermutter, deren Familie mit zu denen gehörte, die am 13. Februar 1945 in Dresden ausgebombt wurden. „Wir haben heute noch eine Reliquie von damals in einer Vitrine im Wohnzimmer stehen, nämlich eine Meißner Tasse, geschwärzt durch die Bombennacht“, erzählte Stolpe noch vor ein paar Jahren. Hochzeit gefeiert wurde später im Luisenhof auf dem Weißen Hirsch. Das für damalige Verhältnisse fantastische Trinkgeld hatte er sich auch bis in die neue Zeit exakt gemerkt: Zehn Mark Ost. An andere Einzelheiten aus seinem reichhaltigen Leben erinnerte sich Stolpe nicht immer mehr so ganz genau, weshalb sich die Geister an dem früheren Kirchenmann und späteren Politiker mal mehr, mal weniger schieden.

Stolpe wurde am 16. Mai 1936 als Sohn einer Postangestellten und eines Kaufmanns in Stettin geboren, was ihm später gepaart seiner ruhigen, unaufgeregten Art den Spitznamen „pommerscher Dickkopf“ einbrachte. Das sei, wie er selbst einräumte ein ganz anderer Menschenschlag als etwa die Sachsen: „ Mir hat der sächsische Landesbischof beigebracht, der Sachse sei helle, heeflisch und heemdiksch. Heimtückisch würde ich nicht sagen. Pfiffig ist der bessere Ausdruck.“

Carl Friedrich von Weizsäcker (M), Friedensforscher, steht mit Hans-Otto Bräutigam (l), dem ständigen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin, und Manfred Stolpe, Ost-Berliner Superintendent, im Juni 1987 beim "Friedensforum" in der Marienk
Carl Friedrich von Weizsäcker (M), Friedensforscher, steht mit Hans-Otto Bräutigam (l), dem ständigen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin, und Manfred Stolpe, Ost-Berliner Superintendent, im Juni 1987 beim "Friedensforum" in der Marienk © Chris Hoffmann/dpa

Manfred Stolpe war der erste Landeschef des 1990 wiedergegründeten Landes Brandenburg und immerhin durchgängig bis 2002 im Amt. In seine Zeit fielen der Aufbau der Verwaltung, Sicherungsmaßnahmen für die Wirtschaft, die Verabschiedung der Landesverfassung. Nicht alles gelang. „Wir haben Rache nicht als vorrangige Aufgabe gesehen“, sagt Stolpe später zum Vorwurf, in der „kleinen DDR Brandenburg“ sei zu wenig zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geschehen. Im Landtag in Potsdam hat er ihn nicht als Verleumdung zurückgewiesen, sondern erklärt, „was in der DDR sinnvoll war, wollten wir behalten. Poliklinik, Kleinkinderbetreuung, Rechte der Frauen, Ganztagsschulen... Die Entwicklung gab uns recht und die Totalverteufelung der DDR hat zu einer geteilten Erinnerungskultur mit Tendenzen zur Glorifizierung der DDR geführt.“

Auch im Nachhinein verteidigte Stolpe später den auch oft und hart kritisierten sogenannten Brandenburger Weg der Versöhnung. „Regine Hildebrandt, mir und auch Lothar Bisky war klar, dass beim großen Umbruch die Gefahr besteht, dass Menschen entweder aus der Bahn geworfen werden oder innerlich den neuen Weg nicht mitgehen. Deshalb sollte jedem eine Chance gegeben werden. Natürlich musste Unrecht gesühnt werden. Aber mit dem Recht, nicht mittels der Rache. Wir wollten nicht ganze Gruppen von Menschen ausschließen von einem gemeinsamen Weg im neuen Deutschland.“

Was derzeit, fast 30 Jahre nach der deutschen Einheit in Sachen Ost und West hin und her debattiert wird, hatte Stolpe schon vor Jahren festgehalten: „Heute ist klar: Die Unterschiede sind unterschätzt worden. Der damalige Kanzler Kohl war ja nicht bösartig, als er von blühenden Landschaften sprach. Er hatte fest daran geglaubt. Und viele andere auch. Und es kommt noch etwas dazu. Regine Hildebrandt und ich haben immer darum gerungen, dass die Lebensleistungen und Erfahrungen der Ostdeutschen anerkannt werden. Manchmal wird aber immer noch so getan, als ob im Osten nur nach dem 3. Oktober 1990 Geborene vollwertige Menschen seien.“.

Beinahe wäre Stolpe nach der friedlichen DDR-Revolution bei der CDU gelandet. Helmut Kohl hatte ihm über einen Bundesminister angeboten, sich bei den Christdemokraten engagieren. Er sei für die Politik aber „angeworben oder fast unter Druck gesetzt worden von meinem langjährigen Freund Johannes Rau. Den kannte ich lange aus Kirchenzeiten. Ich hatte beobachtet, in welchen Parteien man die Probleme der Ostdeutschen überhaupt erkennt. Statt der Sorge um Verwerfungen beim ökonomischen Systemwechsel gab es ja damals viele Illusionen. Und dann gab es noch die vermeintliche Geborgenheit des DDR-Systems. Viele dachten, wenn das gute Geld dazukommt und die Reisefreiheit – das ist eigentlich das Paradies auf Erden.“

Ex-Ministerpräsident Stolpe ist im März 2013 bei einem Interview noch einmal im Landtag in Potsdam. 
Ex-Ministerpräsident Stolpe ist im März 2013 bei einem Interview noch einmal im Landtag in Potsdam.  © Ralf Hirschberger/dpa

Zu DDR-Zeiten hatte der studierte Jurist zuvor an führender Stelle in der Evangelischen Kirche mitgearbeitet. Seine damals als „Ost-West-Makler“ auch mit der Stasi gepflegten Kontakte waren immer höchst umstritten. Bürgerrechtler klagten, Stolpe habe sich zu stark mit dem MfS eingelassen, eine Grenze überschritten und distanzierten sich von ihm. Sein SPD-Genosse Stephan Hilsberg stellte, als Stolpe später Bundesminister wurde, fest: „Jetzt sitzt erstmals die Firma mit am Kabinettstisch der Bundesrepublik.“ Nie völlig geklärt werden konnte, ob der Kirchenmann Stolpe, angeblicher Deckname IM Sekretär, 1978 sogar eine DDR-Verdienstmedaille bei einem Treffen mit einem MfS-Führungsoffizier und dem Chef der Stasi-Kirchenabteilung erhielt.

Wer ihn länger kannte, hat genau gesehen, wann er verletzt war durch Anwürfe, vor allem und immer dann, wenn an seiner persönlichen Integrität gezweifelt wurde. Namhafte West-Politiker wie sein Freund Helmut Schmidt sprangen ihm bei. Der Altkanzler nannte die Verdächtigungen gegen Stolpe ein „ekelerregendes Ärgernis“. Berlins Altbischof Wolfgang Huber lobte Stolpes Arbeit als Kirchenjurist ausdrücklich: „Man brauchte damals die vorpreschenden Bürgerrechtler. Man brauchte aber auch den, der sie aus dem Knast holte.“

Stolpe selbst sagte der SZ vor zehn Jahren auf die Frage, ob sein Kurs des Umgangs mit DDR-Funktionären und Stasi seinerzeit der richtige war und er ihn im Rückblick als Fehler oder Makel sieht: „Es wird sicher so sein, dass aufgrund dieser verkorksten Ost-West-Debatte, die wir haben, immer so ein Fragezeichen bleiben wird. Da gehe ich ganz realistisch ran. Aber wenn ich jetzt umgekehrt nachdenke über die Verantwortung, in der ich damals gestanden habe, sage ich auch aus heutiger Sicht: Im Prinzip hätte ich das damals gar nicht anders machen können. Ich hatte mehrere 100 Haftfälle zu betreuen gehabt. In den letzten DDR-Jahren sind über 10.000 Ausreisefälle bei mir mit durchgelaufen. Wir haben die Menschen betreut, übrigens auch mit einem großen Anteil aus dem sächsischen Raum. Was man vielleicht im Einzelnen ein bisschen anders hätte machen können, das ist eine andere Frage.“

Auch die junge Angela Merkel gehörte zu denen, die sich in DDR an Stolpe wandten, notierte der SZ-Korrespondent im Notizbuch. „Ich habe sie das erste Mal erlebt, als sie Ärger hatte mit ihrer Zulassung zur Oberschule. Sie war relativ jung damals und kam da ganz tapfer und selbstbewusst an“, erzählte Stolpe ihm. „Ich hatte mich als Kirchenjurist um Problemfälle zu kümmern und ihr ein bisschen helfen können. Und ich habe dann ihrem Vater, der bekanntlich Pfarrer war, hinterher gesagt, also alle Achtung: Das ist schon eine starke Persönlichkeit. Sie hat die Prägung vom Elternhaus her, sie hat die Prägung der Kindheit in der Region, in der sie groß geworden ist, aber sie hat auch die Erfahrung aus der DDR, wie man mit Druck umgeht und sich nicht beugt – eher abwartet, beobachtet und dann den richtigen Zeitpunkt wählt.“

Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe im August 2004 in seinem Büro in Berlin.
Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe im August 2004 in seinem Büro in Berlin. © Bernd Settnik/dpa

Etwas überraschend begann 2002, wenige Monate nach seinem Rückzug als Brandenburger Regierungschef Stolpes ungeplante nächste politische Karriere. Weil Leipzigs damaliger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee absagt, ließ sich Stolpe wieder mal in die Pflicht nehmen und wurde Bundesminister für Verkehr und Aufbau Ost. 2004 fanden die Ärzte bei ihm einen Darmpolypen und rieten zur raschen Operation. Er aber kümmerte sich um die Einführung der Lkw-Maut, geerbt von seinem Vorgänger.

„Für mich gab es damals keine Alternative“, sagte Stolpe später der SZ: „Jede Verzögerung beim Projekt Lkw-Maut wäre wie üblich sehr stark dem zuständigen Minister angelastet worden. Ich war im öffentlichen Bild ja schon ein Versager, obwohl ich das Projekt weder in Gang gesetzt, noch auf die technischen Abläufe großen Einfluss hatte. 2004 hieß es dann für mich einfach durchhalten. Wenn in solch einer Lage der zuständige Minister plötzlich krankheitsbedingt ausgefallen wäre, hätte erstens keiner geglaubt, dass er wirklich krank ist, sondern angenommen, der kneift jetzt.“

Noch später resümierte Stolpe, er habe gegen den Ärzte-Rat gehandelt. „Am Ende war mein Körper voller Metastasen. Mit dem Erkenntnisstand von heute sage ich, das war prinzipiell falsch. Wenn Warnzeichen auftauchen, dann soll man nicht so tun, als ob man sein Leben lassen wollte für eine politische Aufgabe. In aller Regel ist jeder ersetzbar.“

Den Krebs wird Stolpe nie wieder richtig los. Auch deswegen zog das Ehepaar vor sechs, sieben Jahren in eine altersgerechte Wohnung bei den Johannitern am Potsdamer Havelufer mit vielen medizinischen Hilfsmöglichkeiten. Als Polit-Pensionär suchte er noch Geldgeber für verfallene Brandenburger Schlösser und Herrenhäuser. Zuletzt zog sich Stolpe mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück, konnte kaum noch laufen und sprechen. Interviews führte er per E-Mail und SMS. „Meine Frau Ingrid ist meine Sprecherin, meine Ärztin und zunehmend meine Pflegerin“, ließ er wissen.

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Eigentlich hatte sich Stolpe vorgenommen, so alt zu werden wie sein Vater: fast 100 Jahre. Aber er wusste auch: „Das Alter liegt in Gottes Hand. Ich habe von klein auf von meiner Mutter beinahe eingehämmert bekommen, alles, was da kommt, ist Gottes Wille. Da musste man akzeptieren, dass wir Haus und Hof verlassen mussten, dass Angehörige fielen, dass von den Brüdern meiner Mutter kein Einziger den Krieg überlebt hat – und man trotz allem sagt: Wir sind in Gottes Hand. Angst vor dem Tod habe ich nicht.“

In der Nacht zum 29. Dezember 2019 ist Manfred Stolpe im Alter von 83 Jahren gestorben.

Bundesverkehrsminister Stolpe mit alter DDR-Eisenbahnermütze als "Heizer" in einer Lok beim Fest zum 50-jährigen Jubiläum der Cottbuser Parkeisenbahn im Juni 2004. 
Bundesverkehrsminister Stolpe mit alter DDR-Eisenbahnermütze als "Heizer" in einer Lok beim Fest zum 50-jährigen Jubiläum der Cottbuser Parkeisenbahn im Juni 2004.  © Michael Helbig/dpa

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