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Mangel an Flüchtlings-Betreuern

Im Landkreis ist das System für die Sozialarbeit umgestellt worden. Das verschärft die Probleme im Osterzgebirge.

© Karl-Ludwig Oberthuer

Von Matthias Weigel und Mandy Schaks

Dippoldiswalde. Sie sollen den Asylbewerbern helfen, im Alltag klarzukommen: Flüchtlingssozialarbeiter. Von Einkauf über Benimm-Regeln und Behördengängen bis hin zur Suche eines Arztes oder Sprachlehrers – sie sind wichtiger Ansprechpartner vor Ort, in nahezu allen Belangen. Ohne deren Hilfe wären die Asylsuchenden auf sich allein gestellt, was erfahrungsgemäß für Probleme sorgt – und für Unmut in der Bevölkerung. Doch genau das passiert im Landkreis.

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© SZ-Grafik: Gernot Grunwald

Beispiel Osterzgebirge: Hier hat das Landratsamt zuletzt massiv Plätze ausgebaut. Zuerst das Heim in Schmiedeberg, nun die alte Grenzzollanlage in Zinnwald, das frühere Berghotel Schellhas in Geising und das einstige Bundespolizei-Gebäude in Neurehefeld. In Summe sind das deutlich über 450 Neuankömmlinge. Auf 150 Asylbewerber soll es in Sachsen ein Sozialarbeiter sein – das wären also mindestens drei. Verfügbar war seit Jahresbeginn nur einer, noch dazu für ein riesiges Gebiet.

Dass hier die Betreuung noch halbwegs klappt, ist vor allem Ehrenamtlichen zu verdanken. Doch die Initiative Asyl Altenberg gerät an ihre Grenzen. „Die Strukturen werden erst aufgebaut“, beklagt Hans-André Tooren. „Wir übernehmen Aufgaben, für die eigentlich andere bezahlt werden.“ Es geht den Leuten dabei nicht ums Geld. Sie wollen auch weiterhin helfen. Aber der Staat könne sich nicht darauf verlassen, dass die Ehrenamtlichen das schon irgendwie hinkriegen – und schickt immer weiter Asylbewerber in die Kommunen, ohne dass die Voraussetzungen da sind.

Markt der Betreuer ist leergefegt

Hintergrund des Ärgers ist eine Umstellung bei den Partnern. Die Caritas hatte bisher die Arbeit im Auftrag des Landratsamtes für das gesamte Kreisgebiet übernommen. Mit der stetig steigenden Zahl der Asylbewerber wurde ihr das aber zu viel. So beschloss das Landratsamt, weitere Partner zu beteiligen. Um die Arbeit zu erleichtern, teilte man den Kreis in sechs verschiedene Räume auf, ähnlich wie in der Jugendhilfe.

Doch die Umstellung mit Jahresbeginn gelang nicht reibungslos. Denn während die Caritas – die Freital, Bannewitz, Heidenau, Pirna, Dohma, Neustadt und Sebnitz mit aktuell rund 1 650 Asylbewerbern weiterhin betreut – die nötigen elf Sozialarbeiter sofort aus der bisherigen Tätigkeit rekrutieren konnte, gelang das anderen nicht. Bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Weißeritzkreis etwa hat erst ein ausgebildeter Sozialarbeiter begonnen. Zwei Verträge platzten – ausgerechnet dort also, wo gerade in Altenberg der Bedarf kurzfristig anstieg. „Man darf aber nicht vergessen: Es geht um die Arbeit mit Menschen“, sagt AWO-Chefin Kathrin Walter. Da könne man nicht einfach jeden nehmen. Geeignetes Personal zu finden, das zu den Konditionen in dem Feld arbeiten will, ist nicht einfach, weil der Markt leer gefegt. Dennoch könne man nun eine weitere Stelle besetzen, so Walter. Für die dritte liefen vielversprechende Gespräche.

Träger wie die AWO Sonnenstein, die den Raum Müglitztal mit derzeit rund 70 Asylbewerbern abdeckt, oder die Diakonie Dippoldiswalde für den Raum Tharandt, Wilsdruff, Klingenberg mit aktuell rund 120 Asylbewerbern haben unterdessen das umgekehrte Problem. „Wir haben uns schon seit Monaten um Personal bemüht“, sagt AWO-Bereichsleiter Jens Heinrich. Zwei Teilzeitstellen könnten besetzt werden.

Sozialarbeiter werden mit Fördermitteln bezahlt

Nun hapert es noch am Vertrag mit dem Landratsamt. „Es wäre schlecht, wenn uns die Leute dadurch wieder davonrennen“, sagt er. Heinrich äußert aber Verständnis für die Verzögerung. „Da ist viel über das Landratsamt hereingebrochen in letzter Zeit.“ Auch die Diakonie hat zwei Leute am Start, aber ebenfalls keinen Vertrag. Er verlasse sich nun erst einmal auf die Absprachen, die es im Vorfeld gab, so Diakonie-Chef Jörg Ihbe. Die Arbeit könne schließlich nicht warten. Man stehe aber im Kontakt mit der Kreisbehörde und rechne nun bald mit dem Papier.

In Altenberg hatte der Landkreis bereits dringenden Bedarf erkannt und setzt seit Wochen zusätzlich eine eigene Sozialarbeiterin zur Unterstützung ein. „Und wenn der Engpass fortbesteht, werden wir die Träger aus anderen Gebieten bitten, auszuhelfen“, sagt der Leiter des Ausländeramtes, Tilo Georgi. Denn in anderen Regionen gibt es ausreichend Personal, aber kaum Flüchtlinge – wie im Nordosten des Kreises, wo der ASB Neustadt eine Stelle bekommen hat, für aktuell nicht einmal 50 Asylbewerber. Auch die Diakonie Pirna mit zwei Stellen muss sich zwischen Königstein und Bad Schandau erst um knapp 200 Flüchtlinge kümmern.

Georgi warnt jedoch vor falschen Schlüssen: Die Arbeit werde sukzessive aufgebaut und an der Zahl der Flüchtlinge orientiert ausgeweitet. „Das heißt auch, die Struktur ist nicht festgemeißelt, sondern es kann sein, dass man zugunsten einer sinnvollen Auslastung und nach den Vorstellungen der Träger Orte wieder umverteilt“, sagt Georgi. 20 Flüchtlingssozialarbeiter seien vorerst Zielstellung für den Landkreis. Damit könnte man 3 000 Asylbewerber betreuen. Weitere Stellen würden nach Bedarf eingerichtet. Bezahlt werden die Sozialarbeiter über Fördermittel. 280 000 Euro waren das 2015. Die tatsächlichen Kosten liegen aber höher – da muss der Kreis noch eigenes Geld zuschießen.