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Erben erhalten Meissener NS-Raubgut

Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat über die Zukunft einer Sammlung von Figuren und Geschirr aus den Anfangsjahren der Manufaktur entschieden.

Bereits 1723 soll diese Teekanne aus dem Besitz des jüdischen Sammlers Ernst Gallinek von dem berühmten Maler Johann Gregorius Höroldt gestaltet worden sein.
Bereits 1723 soll diese Teekanne aus dem Besitz des jüdischen Sammlers Ernst Gallinek von dem berühmten Maler Johann Gregorius Höroldt gestaltet worden sein. © Kunsthalle Karlsruhe

Meißen. Die sitzende Gottheit hat gut lachen. Das Figürchen aus Meissener Porzellan ist einzigartig. Augen und Brauen erscheinen flüchtig und leicht gemalt. Risse vom Brand im Holzofen wurden offenbar übertüncht. Die Farben leuchten selbst nach rund 300 Jahren noch intensiv. Das exquisite Stück stammt aus den Anfangsjahren der 1710 gegründeten Porzellan-Manufaktur Meissen. Zwischen 1715 und 1720 soll es entstanden sein. Sammler in aller Welt dürften sich glücklich schätzen, ein solches Frühwerk zu besitzen. Nach Jahren der Unklarheit ist nun entschieden, wem es zusteht.

Wie einer aktuellen Pressemitteilung des Landes Baden-Württemberg zu entnehmen ist, gehörte das Unikat ursprünglich zur Kunstsammlung des aus dem niederschlesischen Breslau stammenden jüdischen Kunstsammlers Ernst Gallinek. Ab 1935 lebte dieser in Baden-Baden. 

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Nach Angaben der Provenienzforscherin Katharina Siefert vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe kam Gallinek aus einer begüterten Familie, war promovierter Geologe und soll sehr früh angefangen haben zu sammeln, nicht nur Porzellan. Dem Radiosender Deutschlandfunk Kultur sagte die Wissenschaftlerin, es gebe aus den 1920er-Jahren museologische Zeitschriften, in welchen er auch als Sammler von Gläsern genannt werde. Er müsse sich also mit Kunstgewerbe im weitesten Sinne befasst haben. Der Schwerpunkt lag jedoch auf Porzellan. Der Wert dieses Teils der Sammlung werde auf knapp eine Million Euro geschätzt.

Baden-Württemberg hat beschlossen, über 400 Kunstgegenstände, darunter wertvolle Stücke Meissener Porzellans, an die Erben des jüdischen Kunstsammlers Ernst Gallinek zurückzugeben.
Baden-Württemberg hat beschlossen, über 400 Kunstgegenstände, darunter wertvolle Stücke Meissener Porzellans, an die Erben des jüdischen Kunstsammlers Ernst Gallinek zurückzugeben. © Kunsthalle Karlsruhe

In den vergangenen Jahrzehnte wurde Gallineks Nachlass treuhänderisch im Badischen Landesmuseum Karlsruhe aufbewahrt. Dem Deutschen Zentrum für Kulturverluste zufolge starb er 1940 in Baden-Baden, vermutlich eines natürlichen Todes. Seine Sammlung, bestehend aus über 400 Porzellanobjekten, 13 Portraitminiaturen und drei  Gobelins, sei 1941 enteignet worden. 

2008 wurde der Bestand vom Badischen Landesmuseum 2008 als NS-Raubgut identifiziert und in die Datenbank Lost Art eingestellt. In der Folge meldeten sich verschiedene Anspruchsteller beim Wissenschaftsministerium, wobei allerdings die Frage, wer tatsächlich erbberechtigt ist, strittig war. Eine abschließende Klärung konnte erst durch einen rechtskräftigen Beschluss des Oberlandesgerichts Karlsruhe erreicht werden.

„Einstiges NS-Raubgut zu ermitteln und die Kulturgüter wo möglich an die Nachkommen von Opfern des Naziregimes zurückzugeben, ist unsere historische Verantwortung“, kommentierte Kunstministerin Theresia Bauer (Bündnisgrüne) das Urteil. Bezogen auf die umfangreiche Sammlung Gallineks fügte die Ministerin hinzu: „Ich bin sehr froh, dass durch die Entscheidung des Oberlandesgerichts in Karlsruhe die erforderliche Klarheit geschaffen wurde und wir das lange Restitutionsverfahren nun abschließen können.“ Wie es in der Pressemitteilung des Landes Baden-Württemberg weiter heißt,  soll ein Rückkauf von den Erben - der Familien des Neffen von Ernst Gallinek - geprüft werden. Das Kulturgut könnte dann in den Museen verbleiben.

Nachforschungen gestalten sich schwierig

Bei dem jetzt öffentlich gewordenen Vorgang handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Bereits Anfang des Jahres wies das niederländische Restitutions-Komitee das Kulturministerium des Königreichs an, 14 wertvolle Meissener Teller und Saucieren aus den Beständen von Schloss Het Loo, des Rijksmuseums in Amsterdam sowie des Zuiderzeemuseums in Nordholland an die rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. 

Nachforschungen in diesem Fall hatten ergeben, dass die Stücke ursprünglich dem deutschen Bankier und Sohn des Gründers der Dresdner Bank Herbert M. Gutmann gehört hätten. Dieser war aufgrund seiner jüdischen Herkunft in der Nazizeit gezwungen gewesen, sich von dem Porzellan zu trennen.

Im Namen der Erben Gutmanns bezeichnete dessen in London lebender Enkelsohn Francis Fitzgibbon die Entscheidung der niederländischen Regierung als „einen Akt der Gerechtigkeit“. Er und seine Verwandten seien hierfür dankbar, teilte Fitzgibbon über die Internetseite des Berliner Recherchedienstes Facts & Files mit. Die Familie habe bisher nur einen kleinen Teil der Kunstsammlung aufspüren können, die Herbert M. Gutmann habe verkaufen müssen. Museen und Sammler weltweit sollten gewissenhaft prüfen, ob Stücke aus ihrem Bestand von jüdischen Besitzern stammten, welche diese zwischen 1933 und 1945 verloren.

Diese Forschungen gestalten sich allerdings besonders an kleineren Museen schwierig, so die Direktorin der sächsischen Landesstelle für Museumswesen, Katja Margarethe Mieth. „Die Bereitschaft ist da. Aber der Aufwand ist enorm und die Forschungslage über die Objekte nicht gut.“ Es fehlt an Kapazitäten – im Gegensatz zu größeren Museen, an denen mittlerweile oft mehrere Wissenschaftler oder eine eigene Abteilung mit der Herkunftsforschung beschäftigt sind. 

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Erschwerend kommt laut Mieth hinzu, dass sich die Forschung bisher auf Kunstsammlungen beschränkt hat. „Hier geht es einfach um höhere Geldwerte. Darüber hinaus hat in Sachsen eine tiefergehende Provenienzforschung nie stattgefunden“, sagt sie. Ab 2021 sei eine Koordinierungsstelle für Provenienzforschung geplant, die bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) angesiedelt werden soll.

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