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Die Rückkehr des fremden Vaters

Nach sechs Jahren im Krieg kommt Uhrmacher Marcel Weise daheim in Pirna an. Sein Sohn Gert ist fast fünf Jahre ohne ihn aufgewachsen.

Der letzte Heimaturlaub: Ende 1943 darf der Uhrmacher Marcel Weise noch einmal nach Pirna fahren um seine Familie zu sehen. Erst nach Kriegsende, im Juni 1945, kehrt er für immer heim.
Der letzte Heimaturlaub: Ende 1943 darf der Uhrmacher Marcel Weise noch einmal nach Pirna fahren um seine Familie zu sehen. Erst nach Kriegsende, im Juni 1945, kehrt er für immer heim. © privat

Der Arbeitstisch sieht aus, als wäre der Uhrmacher Marcel Weise nur mal eben um die Ecke gegangen. Seine Lupe liegt noch da, der Gehäuseöffner, diverse Zangen, Schachteln mit Zeigern, Pendelfedern, Kronen und Rädchen, für Uhren aus Ruhla oder Marke „Aurora" aus der Sowjetunion. Ja, hier ist nichts verändert worden, sagt Gert Weise, Sohn von Marcel. Und zu tun gäbe es auch noch genug. „Er könnte sofort wieder anfangen.“

Sechs Jahre das Notizbuch und die Kamera am Mann

Marcel Weise kommt nicht zurück. Er ist gestorben, vor elf Jahren schon. Das Werkzeug weggelegt hatte er aber viel früher. Er war einer, der ausführte, was er sich vornahm. Mit 65 wollte er aufhören zu arbeiten, und so kam es. 1978 übergab er das Uhrengeschäft in der Pirnaer Altstadt an Gert. Fortan buddelte Marcel im Garten, kloppte Skat oder ging wandern, am liebsten mit seinen Enkeln. Von Anfang an war er vernarrt in die Jungs und konnte es kaum aushalten, wenn mal einer mit ihnen schimpfte. Die Kindheit seines eigenen Sohns hatte Marcel Weise fast fünf Jahre lang verpasst.

Der Pirnaer Uhrmachermeister Gert Weise, 79, erlebte den Zweiten Weltkrieg als Kind im Luftschutzkeller. Was Krieg wirklich bedeutet, steht im Tagebuch seines Vaters. Erst 88-jährig hat Marcel Weise seine Kriegsnotizen ins Reine geschrieben.
Der Pirnaer Uhrmachermeister Gert Weise, 79, erlebte den Zweiten Weltkrieg als Kind im Luftschutzkeller. Was Krieg wirklich bedeutet, steht im Tagebuch seines Vaters. Erst 88-jährig hat Marcel Weise seine Kriegsnotizen ins Reine geschrieben. © Norbert Millauer
Die letzte Etappe von Marcel Weises Irrfahrt durch den Krieg: aus US-Gefangenschaft bis nach Hause.
Die letzte Etappe von Marcel Weises Irrfahrt durch den Krieg: aus US-Gefangenschaft bis nach Hause. © SZ Grafik

In diesen Jahren, 1939 bis 1945, zog der Sanitätsunteroffizier Marcel Weise für Hitler über die Schlachtfelder. Ein Prinzip hatte er auch hier: Täglich das Geschehen notieren und dazu Fotos machen. Eine Klappkamera von Zeiss baumelte stets an seinem Koppel. Am 8. Mai 1945 ergab sich Marcel Weise in Österreich, bei Linz, den Amerikanern. Doch er schrieb weiter, so lange, bis er in Pirna, an der Tür seiner Familie, wieder den Klingelknopf drückte.

Mit der Lötlampe gegen die Läuseplage

Das Gefangenenlager liegt am Linzer Stadtrand auf einem einstigen Luftwaffengelände. Erste Amtshandlung der Amerikaner: den verlausten Deutschen einen Schlauch in die Uniform stopfen, aus dem Läusegift stiebt. Marcel Weise ist ganz zufrieden. Mit Läusen, Flöhen und Wanzen hatte er praktisch den ganzen Krieg hindurch gekämpft, hatte immer wieder die Montur ausgekocht, sein Bettgestell mit Feuer aus der Lötlampe bearbeitet. Ohne bleibenden Effekt. „Jetzt sind wir endlich diese Plagegeister los.“

Auf allen Schlachtfeldern dabei gewesen: Marcel Weises Klappkamera von Zeiss Ikon. Der Apparat kostete damals 28 Reichsmark. Es liegt sogar noch ein Film darin.
Auf allen Schlachtfeldern dabei gewesen: Marcel Weises Klappkamera von Zeiss Ikon. Der Apparat kostete damals 28 Reichsmark. Es liegt sogar noch ein Film darin. © Norbert Millauer

Das Lager ist überfüllt. Drei Tage haust Weise unter einem Schauer auf dem blanken Schotter, ohne Verpflegung. „Im Gelände hatten die Kameraden schon alle Maistöcke und Schafgabe gepflückt.“ Am vierten Tag wird eine Baracke frei und es gibt etwas Brot und Wurst. Dürftige Kost. Der Krieg hat Weise gelehrt, seinen Instinkten zu folgen. Als er am Schwarzen Brett liest, dass Leute fürs Lazarett gesucht wird, meldet er sich in der Hoffnung, das Leben als Sanitäter werde besser sein.

Befreite KZ-Häftlinge: "Wie lebende Skelette"

Und auch diesmal liegt er richtig. Das Lazarett befindet sich außerhalb des Lagers. Dort gibt es Reiseintopf mit Rindfleisch. Der Sergeant, der die Deutschen beaufsichtigen soll, steckt ihnen Schokolade und Skatkarten zu. Von Feindschaft keine Spur. „Mit unserem Ami hatten wir es gut getroffen“, notiert Marcel Weise, „er war ein echter Kumpel.“

Marcel Weises Marschkompass. In Russland und in Rumänien bewahrte das Instrument den versprengten Unteroffizier vor der Gefangennahme.
Marcel Weises Marschkompass. In Russland und in Rumänien bewahrte das Instrument den versprengten Unteroffizier vor der Gefangennahme. © SZ/Jörg Stock

In den Lazarettzelten versucht man, befreite KZ-Häftlinge zu retten. „Wie lebende Skelette lagen sie in ihren Betten“, schreibt Marcel Weise. Es ist die einzige Stelle in seinem über hundert Seiten langen Bericht, wo die Verbrechen des Nazistaates anklingen, dem auch er gedient hatte. Beklommen oder schuldig fühlt er sich in diesem Moment wohl nicht, wenn er in völliger Verkennung der Umstände anmerkt: „Wir konnten sie verstehen, waren wir doch auch abgemagert.“

Die Heimfahrt stockt in Thüringen

Das Lazarett wird verlegt. Marcel Weise bleibt zurück. Doch bald eröffnet ihm der Sergeant, dass er heim darf. Am 11. Juni 1945 setzt Weise seinen Daumenabdruck unter den Entlassungsschein. Im Zug sinniert er über die letzten Kriegstage, sieht vor sich erschossene und aufgehängte deutsche Soldaten, umgebracht von den eigenen Leuten, weil sie nicht kämpfen wollten. „Das war ein sinnloses Morden.“

Der Krieg kam vor Marcel Weise in Pirnas Südvorstadt an: Am 15. Februar 1945 zerstörte eine amerikanische Bombe dieses Mietshaus in Weises Straße. Die Lücke klafft bis heute als Parkplatz.
Der Krieg kam vor Marcel Weise in Pirnas Südvorstadt an: Am 15. Februar 1945 zerstörte eine amerikanische Bombe dieses Mietshaus in Weises Straße. Die Lücke klafft bis heute als Parkplatz. © Marcel Weise

In Zeulenroda, Ostthüringen, kommt Weises Heimreise die Weltpolitik in die Quere. Der Zug stoppt. Die Sowjetarmee, bis Kriegsende zur Mulde vorgedrungen, ist im Begriff, ihre Besatzungszone, also auch ganz Thüringen, in Besitz zu nehmen. Die Amerikaner räumen das Feld. Da packt Weise die alte Russenangst. Er fürchtet, die Sowjets könnten seinen Zug nach Sibirien leiten. So springt er ab mit dem Plan, Pirna zu Fuß zu erreichen.

Krieg kaputt: Zigarren für die Geschlagenen

Doch schon am nächsten Morgen – er ist mit anderen in einem Gasthof untergekrochen – läuft Marcel Weise zwei Sowjetsoldaten in die Arme. Das Treffen geht aber ganz anders aus als befürchtet. Die Sieger freuen sich, dass der Krieg „kaputt“ ist. „Einer öffnete eine Schachtel und gab jedem eine Zigarre.“ Das ändert nichts daran, dass Weise die Rote Armee tunlichst meidet. Um nach Zwickau zu gelangen, läuft er nicht über die sowjetisch bewachte Brücke, sondern geht in den Wald, wo er wie ein Schmuggler durch den Fluss watet.

Marcel Weise liebte Dresden und spielte gern den Stadtführer. Diese Aufnahme zeigt ihn 1958 mit seiner Frau Martha und Sohn Gert vor der ausgebrannten Hülle der Semperoper.
Marcel Weise liebte Dresden und spielte gern den Stadtführer. Diese Aufnahme zeigt ihn 1958 mit seiner Frau Martha und Sohn Gert vor der ausgebrannten Hülle der Semperoper. © privat

In Zwickau, es ist der 16. Juni 1945, ist Marcel Weise der Lauferei überdrüssig. Er geht zum Bahnhof, löst eine Fahrkarte und sitzt wenig später im Zug Richtung Dresden. „Mich überkam ein wunderbares Gefühl, endlich frei zu sein, und der Heimatstadt zuzufahren.“ Wie es Martha, seiner Frau, und dem vierjährigen Gert geht, weiß er nicht. Mitte April war Pirna heftig bombardiert worden. Sind alle heil?

Kurz vor der Haustür noch die Taschenuhr eingebüßt

Noch vor dem Pirnaer Bahnhof, wieder aus Furcht vor den Sowjets, springt Marcel Weise aus dem Wagen und schleicht Richtung Südvorstadt. Zweimal wird er dabei von Rotarmisten angehalten. Er muss seine Taschenuhr abgeben, die er den ganzen Krieg über bewahrt hat. Anwohner, die den Vorfall beobachten, ziehen ihm Zivil über und klemmen ihm eine Aktentasche unter den Arm. So erreicht er ohne weitere Zwischenfälle seine Straße. Sein Herz hämmert. Nummer 10 ist total zerbombt. Aber er wohnt in Nummer 18. Kurz nach 22 Uhr schließt er Martha und Gert in die Arme. „Sechs harte Jahre sind vorbei, das Leben im Frieden kann beginnen.“

Ausflüge in die Heimat liebte Marcel Weise bis ins hohe Alter. Auf diesem Bild ist er im Sommer 1996 beim Besuch des Barockgartens Großsedlitz abgelichtet.
Ausflüge in die Heimat liebte Marcel Weise bis ins hohe Alter. Auf diesem Bild ist er im Sommer 1996 beim Besuch des Barockgartens Großsedlitz abgelichtet. © privat

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