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Polit-Gesang mit Folgen

AfD-Mann Mario Beger hat Ärger wegen einer von ihm veröffentlichten Version des Westernhagen-Hits "Freiheit". Als Sänger tritt der Abgeordnete öfter in Erscheinung.

Mario Beger anno 2019 im Landtagswahlkampf bei einer Veranstaltung in Gröditz: Zum Mikro greift der Parlamentarier des Öfteren – nicht nur, um hineinzusprechen.
Mario Beger anno 2019 im Landtagswahlkampf bei einer Veranstaltung in Gröditz: Zum Mikro greift der Parlamentarier des Öfteren – nicht nur, um hineinzusprechen. © Sebastian Schultz

Großenhain. Häme und Spott für singende Politiker, das kommt hin und wieder vor. Die frühere SPD-Chefin und Bundesministerin Andrea Nahles wurde 2013 ausgelacht, weil sie mehr schlecht als recht am Rednerpult des Bundestags "Ich mach' mir die Welt, widdewidde, wie sie mir gefällt" trällerte – eine Liedzeile aus der Fernsehserie Pippi Langstrumpf. 

Auch Mario Beger musste sich in den Sozialen Netzwerken jetzt Einiges anhören. Der AfD-Mann, Großenhainer Stadtrat und direkt gewählter Landtagsabgeordneter für den nordöstlichen Teil des Kreises Meißen, hatte allerdings nicht nur eine Zeile gesungen, sondern ein ganzes Lied. Und auch nicht irgendeines, sondern "Freiheit" von Marius Müller-Westernhagen. Ein Song, der in Ende der 1980er Jahre veröffentlicht wurde und bei Vielen bis heute als eine Hymne aus der Wendezeit gilt. 

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Posen vor Dresdens Kulisse

Beger hatte allerdings nicht im Parlament zum Mikro gegriffen, in dem er seit 2014 für seine Partei sitzt. Stattdessen dürfte für die Aufnahme durchaus professionelles Gerät zur Verfügung gestanden haben. Genauso wie für die Herstellung des Musikvideos zum Song. In dem knapp vier Minuten langen Film posiert der Politiker wiederholt vor der Dresdner Stadtkulisse. Derlei Sequenzen wechseln sich ab mit Bildern von auf der Straße demonstrierenden AfD-Anhängern und Bürgern. Neben Material von den aktuellen Corona-Protesten in verschiedenen Städten sind offenbar auch Bilder vom Mauerfall 1989 zu sehen.  

Zu diesen trägt Mario Beger eher sprechend als singend einen abgewandelten Liedtext  vor. Die ersten zwei Zeilen lauten noch wie das Original, dann heißt es "Wir sind das Volk und singen hier // Freiheit, Freiheit. // Es ist die Angst, die uns regiert // die freie Meinung ignoriert // und Gesetze außer Kraft". In nachfolgenden Zeilen wird dazu aufgerufen, Masken abzulegen oder aufrecht zu gehen.

Video als Pfingstgruß

Das Video veröffentlichte Mario Beger am Freitag vor Pfingsten auf seiner Facebook-Seite "Mario Beger – Ihr Abgeordneter". Dort wünschte er allseits frohe Pfingsten und bat darum, das Werk zu teilen – sprich: weiter zu verbreiten. Das passierte auch. 

Die Reaktionen fielen allerdings gemischt aus. Neben Zuspruch auf seiner Facebook-Seite erntete der Politiker vor allem bei Nutzern des  Kurznachrichtendienstes Twitter sarkastische Reaktionen. Mancher reagierte mit Bildern von blutenden Ohren. Mehrfach fiel das Wort "cringe" – der englische Begriff wird vor allem von jüngeren Menschen im Netz benutzt, um auszudrücken, dass sie etwas als peinlich empfinden. Ein Kommentar war hingegen ziemlich ernst formuliert. Eine solche Bearbeitung des Westerhagen-Originals sei genehmigungspflichtig und der zuständige Musikverlag informiert, so der Absender.

Etwas später war das Video dann von Mario Begers Facebook-Seite verschwunden. Offenbar hatte sich da das Management von Marius Müller-Westernhagen tatsächlich eingeschalten. 

Am Dienstag zitierte das Nachrichtenportal Tag 24 Westernhagens Manager Olaf Meinking mit den Worten: "Das Vorgehen von Herrn Beger ist völlig inakzeptabel und wird von Herrn Westernhagen auch nicht hingenommen." Man habe Mario Beger abgemahnt und ihn aufgefordert, die Verbreitung einer ungenehmigten Textbearbeitung des Originalwerkes 'Freiheit' zu unterlassen, berichtete das Nachrichtenportal. Eine Anfrage der SZ vom Freitag hatte das Management des Künstlers zuvor unbeantwortet gelassen.

"Ein wenig überrollt"

Obgleich der Gerügte noch am Freitag mit der SZ telefoniert hatte und dabei in Aussicht stellte, nach Pfingsten ausführlich über das Zustandekommen des Freiheit-Covers  plaudern zu wollen, war er plötzlich nicht mehr für die Redaktion zu erreichen. Erst am Donnerstagvormittag tauchte Mario Beger gewissermaßen wieder auf und entschuldigte sich für die Wortkargheit der vergangenen Tage. "Ich gebe zu, dass mich das alles doch ein wenig überrollt hat", bekannte der Röderstädter. Innerhalb einer Stunde, nachdem er das Video auf YouTube hochgeladen habe, sei die Spirale mit ungeahnter Geschwindigkeit in Gang geraten. So schnell wie sich Westernhagens Management und spitzzüngige Kritiker in ungewohnt großer Anzahl zu Wort meldeten, gehe er mittlerweile davon aus, dass man auf das Video vorbereitet gewesen sei. "Es erhärtet sich immer mehr die Vermutung, dass ein Insider aus den eigenen Reihen diese Information rausgegeben hat", sagte Mario Beger.

Gezielte Indiskretionen, mit denen er inmitten des politischen Geschäfts jedoch gelernt habe, zu leben. Denn auch wenn er inzwischen einen Anwalt beauftragt habe, um sich für eine mögliche Klage wegen des Verstoßes gegen das Urheberrecht vertreten zu lassen: Er stehe nach wie vor zu seiner Aktion. Abgesehen davon, dass er vorher die professionellen Macher des Videos nach eigenem Bekunden befragt habe, ob es da keinen rechtlichen Ärger mit Herrn Müller-Westernhagen geben könne und diese befanden, es handle sich um eine "Grauzone", weil der Song nicht komplett gecovert wäre. Letztlich sei es ihm vor allem darum gegangen, die gesellschaftliche Lage im Land zu beschreiben, welche nach Meinung der AfD gegenwärtig von einem erheblichen Einschnitt der Grundrechte geprägt sei. Auch wenn der Rechtsstreit mit Müller-Westernhagen alles andere als billig werden würde – zum ausgewählten Lied stehe er nach wie vor. 

Mikro abgedreht

Mit Gesangseinlagen ist der Politiker Beger indessen schon mehrfach in die Öffentlichkeit gegangen. Tatsächlich stimmte er in einer Landtagsdebatte Ende Mai 2018 das Lied aus der Merci-Werbung ("Merci, dass es dich gibt") an – mit ebenfalls geändertem Text. Damals verpackte der Oppositionspolitiker Kritik an der Regierung in seinem Beitrag – wurde aber von der Parlamentsvizepräsidentin unterbrochen. Die Sitzungsleiterin schaltete sein Mikro ab, als Beger ihre Aufforderung ignorierte, mit dem Singen aufzuhören.

Ende vergangenen Jahres veröffentlichte er zudem ein weiteres Musikvideo mit dem Titel "Sachsen, mein Zuhause". Das Video hat derzeit etwa 12.000 Aufrufe auf dem Videoportal YouTube und ähnelt nicht nur stilistisch dem gelöschten Clip zu "Freiheit". Auch textlich geht es vergleichbar pathetisch zu: Unter anderem besingt Beger dort Sachsens Naturschönheit, bezeichnet den Freistaat als Land von Dichtern und Denkern, Spitzen-Handwerkern sowie Geburtsort der Ideen von Morgen – und bekundet, dass er hier geboren sei, sein Herz an Land und Leute verloren habe.

Original von erklärtem AfD-Kritiker

Schon diese vergangenen Darbietungen des Politikers sorgten bei Beobachtern für Verwunderung. Und auch der jüngste Auftritt hinterlässt so manche Frage. Eine lautet, warum sich der AfD-Mann ausgerechnet den Song eines Künstlers herausgesucht hat, der in den vergangenen Jahren bereits mehrfach deutlich Stellung gegen die Partei bezogen hat. 2016 hatte sich Müller-Westernhagen etwa im Interview mit dem Magazin Spiegel kritisch über AfD-Wähler geäußert und gemeint: "Es gibt da kein demokratisches Bewusstsein." Im Vorjahr zählte er zu den Unterzeichnern eines Offenen Briefs zur Bürgermeisterwahl in Görlitz, der sich gegen den damaligen AfD-Kandidaten Sebastian Wippel richtete – einen Fraktionskollegen von Mario Beger aus dem sächsischen Landtag.

Persönliche Erinnerungen

Eine Antwort liefert ein offener Brief Mario Begers vom Donnerstag. Schwarz auf Weiß offenbart der Großenhainer darin, weshalb er sich ausgerechnet für "Freiheit" entschieden hat. Als das Lied herausgekommen sei, habe er sich in Haft befunden. "Ich war damals 22 Jahre alt und wollte über Ungarn in den Westen. Der Freiheit wegen. Ich wollte die Welt sehen und offen meine Meinung sagen können. Weil ich bereits mehrere abgewiesene Ausreiseanträge gestellt hatte, musste ich vor einer Ungarnreise bei der Polizei unterschreiben, dass ich wiederkommen werde. Im August 1988 wurde ich dann verhaftet und kam von einem Gefängnis ins Nächste. Erst Budapest, dann Berlin, dann Dresden - in die Stasi-Zentrale auf der Bautzner Straße" beschreibt der sächsische Politiker seinen Lebensweg. Erst am 8. November 1989 – einen Tag vor der Maueröffnung – sei er dann im Rahmen einer Amnestie freigelassen worden. "Im Frühjahr 1990 war ich bei Ihnen im Konzert in Berlin. Wenn ich heute Ihr Lied 'Freiheit' als Live-Version höre, bekomme ich Gänsehaut. Für mich ist es die Hymne zum Niedergang des DDR-Regimes", heißt es in dem der SZ vorliegenden Brief weiter.

Eine Freiheit, für deren Bewahrung die Menschen nun wieder auf die Straße gingen. Um sich dafür und derlei grundrechtlich verbriefte Proteste stark zu machen, habe er das Video produziert. "Sollte ich Sie mit meiner Version des Liedes verletzt haben, möchte ich mich in aller Form dafür entschuldigen. Ich habe es inzwischen aus allen Foren gelöscht", leistet Mario Beger am Ende formal Abbitte.

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