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Marode Idylle

Die Wassermühle in Schweinerden gehört zu den ältesten in der Region. Auf den zweiten Blick ist sie sogar für Umgebindehaus-Spezialisten interessant.

© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

Schweinerden. Das laute Kreischen der Handkreissäge lasst das Schwalbengezwitscher für einen Augenblick verstummen. Stattdessen drehen die kleinen Flugkünstler schnell eine Runde über den Mühlteich. Konzentriert setzt Hartmuth Vogel das rotierende Sägeblatt ins Holz. Der Duft von geschlagener Tanne zieht durch die alte Wassermühle in Schweinerden. Das Gerüst bis auf die Höhe des Dachfirsts scheint das altersschwache Gebälk zu stützen. Planen verhängen das alte Fachwerk, das Dach wartet auf seine Ziegel. Kurz heult die Säge auf.

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Mit einem kräftigen Hammerschlag und viel Augenmaß bringen die Zimmerleute Mathias Wünsche (l.) und Hartmuth Vogel die frisch gezimmerte Fenstersäule in der Fassade des Fachwerkhauses in die richtige Position.
Mit einem kräftigen Hammerschlag und viel Augenmaß bringen die Zimmerleute Mathias Wünsche (l.) und Hartmuth Vogel die frisch gezimmerte Fenstersäule in der Fassade des Fachwerkhauses in die richtige Position. © Uwe Soeder
Denkmalpfleger Arnd Matthes untersucht die Bodenkonstruktion in der ersten Etage der Wassermühle. Er vermutet darunter die Reste der Blockstubendecke. Die Analyse steht aber noch aus.
Denkmalpfleger Arnd Matthes untersucht die Bodenkonstruktion in der ersten Etage der Wassermühle. Er vermutet darunter die Reste der Blockstubendecke. Die Analyse steht aber noch aus. © Uwe Soeder
Die alte Holzkonstruktion der Wassermühle stammt aus der Zeit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Die alte Holzkonstruktion der Wassermühle stammt aus der Zeit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. © Uwe Soeder

Die Sanierung Wassermühle in Schweinerden

Dann nimmt der Mitarbeiter der Cunewalder Zimmerei Leuner die Ohrenschützer ab und setzt Hammer und Stemmeisen an der Fenstersäule an. Umgebindehaus-Spezialist Arnd Matthes bahnt gemeinsam mit Architekt Tom Bartosch sich den Weg über die Baustellen. Auf den ersten Blick ist die alte Wassermühle kein klassisches Umgebindehaus mit der Verbindung von Blockbau- und Fachwerkbauweise. Überhaupt haben die Jahrhunderte ihre Spuren am Hof der Familie Lebsa hinterlassen. „Als ich zum ersten Mal das Haus betrat, waren die Fußböden eingebrochen und Räume heruntergebrochen. Um Baufreiheit zu schaffen, haben wir durch große Stahlträger alles stabilisiert. Dieser Bau ist eine Herausforderung“, sagt der Architekt.

Vor zwei Jahren hat der Bautzener das Projekt im einstigen Besitz des Klosters Panschwitz-Kuckau übernommen. Reinhard von Guzich, ein Ritter aus einem der ältesten und angesehensten Adelsgeschlechtern der Oberlausitz, verkauft den idyllischen Flecken Erde 1296 dem Bischof von Meissen. Er schenkt es darauf den Nonnen von St. Marienstern. Guzichs Tochter Margarete hat dort als Schwester ihr Seelenheil gefunden. Neben den ansehnlichen Gütern rund um Kamenz gehört der Adelsfamilie auch Gaußig. Hartmuth Vogel schultert die gerade zugeschnittene, gut 120 Kilo schwere Fenstersäule und steigt über eine Holzleiter in die erste Etage. Dort wartet schon sein Kollege Mathias Wünsche auf ihn. Zwischen zwei Querbalken setzen sie an der Südwestseite den Stempel ein. „Hier war alles krümelig wie Pfefferkuchen. Das Holz zerbröselte einfach so. Idyllisch, aber desolat“, sagt Tom Bartosch. Mit Fäustel und Hammer bringen die Zimmerleute die Stütze in Position. Mit ein paar kräftigen Schlägen findet das viereckige Holz seinen Platz. Knapp 20 dieser Fenstersäulen müssen erneuert werden.

Tag des Umgebindehauses

Zum Tag des offenen Umgebindehauses laden am 27. Mai über 100 Häuser in die Region ein.

Die zentrale Eröffnung ist um 10 Uhr in der Geschäftsstelle der Stiftung Umgebindehaus in Ebersbach-Neugersdorf (Stammhaus der Textilfirma C. G. Hoffmann).

In der Regel sind die Umgebindehäuser zwischen 10 und 17 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen unter www.stiftung-umgebindehaus.de

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Poröses Holz scheppert

Während das neue Holz fast unschuldig gelb schimmert, können die alten und verwitterten Balken Geschichten erzählen. Arnd Matthes klopft auf eine Stütze. Die äußere Schale hat der Holzwurm schon durchlöchert. „Intaktes Holz klingt, poröses dagegen scheppert. Dann muss es ersetzt werden“, sagt er. Um festzustellen, aus welcher Zeit das Haus stammt, wurde für die Wassermühle ein dendrologisches Gutachten angefertigt. Dafür wird aus einem alten Balken mithilfe eines Bohrers eine Probe herausgeholt. Anhand der Jahresringe kann dann das Alter des Holzes bestimmt werden.

Für die Wassermühle in Schweinerden ergab diese Untersuchung das Jahr 1660. Kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg haben also Zimmerleute die Holzkonstruktion gefertigt. „Ein Mühlbau aus dieser Zeit ist schon etwas Einmaliges. Wir denken aber, dass es schon einen Vorgängerbau gab. Schließlich gehörte die Mühle ja zum Kloster, und Getreide wurde immer benötigt“, sagt Arnd Matthes und klettert über eine lose Balkenkonstruktion in einen weiteren Raum. Interessiert betrachtet er den Fußboden. Bisher ging er davon aus, dass keine Blockstube im Haus mehr vorhanden ist. Der Denkmalpfleger beugt sich nun nach unten, betastet das verwitterte Holz und betrachtet die zerbröselnden Deckenbalken.

Fast wie ein Kriminalist untersucht Arnd Matthes das Holz weiter auf Spuren der Vergangenheit. Welche Werkzeuge wurden verwendet? Wie sieht es aus? „Da muss das Landesamt noch mal ran“, sagt er. „Ich vermute, das hier sind die Reste der alten Blockstubendecke. Die untere Kante ist noch im Original erhalten.“ Ihn freut die Entdeckung. Wenn nun das hier verwendete Holz älter als 1660 ist, spricht sehr viel dafür, dass die Mühle in Umgebinde-Architektur gebaut wurde. Schließlich prägte die Mischung aus slawischer Blockbauweise und deutscher Fachwerkbautechnik ab dem 12. Jahrhundert die Landschaft im heutigen Dreiländereck zwischen Deutschland, Tschechien und Polen.

Blick in die Baugeschichte

Die älteste erhaltene Fachwerkscheune in der Region steht in der Nachbarschaft im neun Kilometer entfernten Gränze. Sie ist datiert auf das Jahr 1568. In Ebersbach und Friedersdorf finden sich Häuser, die mit Holz aus den Jahren um 1600 gebaut wurden. Schätzungsweise gibt es noch 6 500 unentdeckte Umgebindehäuser. Denn so wie bei der Wassermühle ist nach unzähligen Um- und Einbauten die ursprüngliche Struktur mancher Gebäude nicht immer zu erkennen. „Erst, wenn wir die Fassade aufmachen, können wir einen Blick in die Baugeschichte werfen“, sagt Arnd Matthes.

Die Forschungen zu Schweinerden interessieren auch Johann Lebsa. Der Bautzener ist in der Wassermühle aufgewachsen, sein Sohn Peter hat sich für ihre Sanierung entschieden. „Um Baufreiheit zu schaffen, haben wir mindestens zehn Container Schutt erst mal weggeschafft“, sagt der Senior, während er durch das Haus geht. Von der ersten Etage, wo jetzt die Zimmerleute arbeiten, sieht er als Kind im Februar 1945 das brennende Dresden. Sein Großvater Georg aus Ostro erwirbt das Grundstück in den 1920er-Jahren, sein Vater Michael übernimmt es von ihm.

Johann Lebsa selbst wird auch Müller. „Der Vater sagte: Lerne einen Beruf, von dem du leben kannst“, erinnert sich der 77-Jährige. Bis 1954 hat er in der Mühle gewohnt, in der Cunnewitzer Mühle hat er seine Ausbildung gemacht. Später arbeitet er in der Hammermühle in Bautzen und geht zum Studium der Lebensmitteltechnologie. In das Haus am Mühlteich zieht die Schwester ein, die dort bis vor fünf Jahren wohnte. Danach hat sich Peter Lebsa entschieden, dass „schön-schiefe und einzigartige Haus“ unter seine Fittiche zu nehmen, um ihm neues Leben einzuhauchen. Mit seiner Familie will er dort einziehen.

Keine rechten Winkel

Apropos „schön-schief“: Mit einem Musterbrett nimmt Zimmerer Hartmuth Vogel die Winkel für die nächste Fenstersäule. „Hier ist nichts in Lot und Waage, eben alles schräg. Es gibt hier keine rechten Winkel“, sagt er und überträgt mit einem dicken Zimmermannsbleistiftstummel, der zur Verlängerung in einem Gartenschlauch steckt, die Schablone auf das dicke Tannenholz. Er steckt sich wieder die Stöpsel in die Ohren, um das Kreischen der Handkreissäge ein wenig zu dämpfen. Wenige Augenblicke später fliegen schon die kleinen Holzspäne.

Sein Handwerk hat Hartmuth Vogel in der DDR gelernt. „Damals haben wir hauptsächlich Dachstühle für DDR-Eigenheime gebaut“, sagt er. Nach der Wende spezialisierte sich die Zimmerei Leuner auch auf die Restaurierung der typischen Umgebindehäuser in der Oberlausitz. Gefragt sind dabei vor allem die traditionellen Arbeitsweisen. Da kommen Zapfen und Holznägel aus Eiche zum Einsatz, werden stabile Schwalbenschwanzverbindungen gezimmert oder eben Fenstersäulen mit viel Augenmaß und Geschick zurechtgeschnitten. Noch einmal frisst sich die Handkreissäge durch das Holz.

In ein paar Tagen wollen die Zimmerleute ihre Arbeit an der Wassermühle beenden. Auf dem Hof liegen schon die Lehmziegel, damit das Fachwerk ausgemauert werden kann. Danach folgt der Innenausbau. Spätestens im kommenden Jahr will Familie Lebsa in die sanierte Wassermühle einziehen. Mit ihrer Sanierung kommt dann eine weitere Anekdote in der Geschichte des Hauses dazu. Vorerst aber kreischt noch die Säge. Die Schwalben drehen wieder ab Richtung Mühlteich in der Idylle von Schweinerden.