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Bautzen

„Masern sind nicht harmlos"

Ulrike Menzel vom Gesundheitsamt warnt: Auch im Landkreis Bautzen nimmt die Anzahl der Impfskeptiker zu.

Für viele Eltern ist es selbstverständlich, ihre Kinder vom Arzt gegen gefährliche Krankheiten wie Masern impfen zu lassen. Aber die Zahl der Impfskeptiker wächst.
Für viele Eltern ist es selbstverständlich, ihre Kinder vom Arzt gegen gefährliche Krankheiten wie Masern impfen zu lassen. Aber die Zahl der Impfskeptiker wächst. ©  dpa

Kamenz. Die Zahl der Masernfälle steigt. Das Ziel, den Virus vollständig auszurotten, rückt damit wieder in die Ferne. Dabei können Masern gefährliche Folgen für den Einzelnen und die Gruppe haben. Darauf weist Ulrike Menzel vehement hin. Weshalb sie dennoch eine differenzierte Meinung zur Impfpflicht hat, erklärt die Sachgebietsleiterin des Jugendärztlichen Dienstes im Landratsamt im Gespräch mit der SZ.

Frau Menzel, die Zahl der Masernfälle in Sachsen steigt. Aktuell berät die Bundesregierung über die Einführung einer Impfpflicht. Ist das der richtige Weg?

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Ich habe kein Problem mit einer Impfpflicht. Ich denke aber, es ist besser, wenn die Menschen sich alleine für eine Vorsorgeimpfung entscheiden. Ein positives Bekenntnis ist nachhaltiger als ein Zwang.

Warum ist eine Vorsorgeimpfung vor Masern so wichtig?

Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit! Es ist falsch, bei der Diskussion den Fokus nur auf Kinder zu legen. Längst nicht alle Erwachsenen sind vollständig geschützt. Hier wiegen sich noch zu viele in Sicherheit. Insbesondere im Alter wird das Immunsystem durch Vorerkrankungen schwächer. Eine Maserninfektion kann dann zu einer Hirnhautentzündung oder gar zum Tod führen. Aktuell haben wir es zudem mit einem sehr aggressiven, hochansteckenden Masernstamm zu tun. Eine Grundimmunisierung im Kindesalter schützt nach jetzigem Kenntnisstand für das ganze Leben vor dem Erreger.

Was empfehlen Sie Erwachsenen, die unsicher über ihren Impfstatus sind?

Wer sich sicher ist, dass er beide Schutzimpfungen erhalten hat, braucht sich nie mehr um eine Auffrischung kümmern. Was aber nicht schwarz auf weiß im Impfausweis steht, kann nur über eine Blutuntersuchung geprüft werden. Wer das nicht möchte, kann sich trotzdem bedenkenlos erneut impfen lassen. Ein Zu-viel-Impfen gibt es nicht. Die erneute Impfung hat auch dann keine negativen Auswirkungen, wenn der Schutz bereits gegeben war.

Wie wirkt der Masern-Impfstoff und welche Nebenwirkungen sind möglich?

Seit 2017 gibt es in Deutschland keinen Einzelimpfstoff gegen Masern mehr. Geimpft wird mit einem kombinierten Wirkstoff gegen Masern, Mumps und Röteln. Dabei wird Lebendimpfstoff gespritzt. Der Körper muss sich dann selber kümmern und Antikörper bilden. Es kann, wie übrigens bei jeder anderen Impfung auch, vorkommen, dass man Fieber bekommt. Auch eine Schwellung oder Rötung an der Einstichstelle ist eine normale Reaktion. Aber auch Impfmasern können die Folge einer Impfung sein. Das ist eine leichte Form der Krankheit, die aber nicht ansteckend ist.

Welche Bedeutung hat die Herdenimmunität für Risikogruppen?

Wie der Name schon sagt, geht es bei dem Begriff der Herdenimmunität um die Immunisierung innerhalb einer Region. In gewisser Weise sorgt man also mit der eigenen Immunisierung auch für diejenigen, für die eine Impfung nicht möglich ist. Damit das gewährleistet ist, muss die Durchimpfungsquote mindestens 95 Prozent betragen. Das ist im Landkreis Bautzen aktuell gerade noch gewährleistet. Wenn die Zahl der Impfskeptiker aber zunimmt, bekommen wir das Problem, dass diese Herdenimmunität nicht mehr gegeben ist. Dann drohen bei uns Masern-Epidemien, wie es sie in anderen Landkreisen im Freistaat bereits wieder gibt.

Wer kann sich nicht gegen die Masern impfen lassen?

Man impft nicht in der Schwangerschaft, weshalb Frauen mit Kinderwunsch empfohlen wird, sich zuvor um ihre Immunisierung zu kümmern. Das Neugeborene ist dann in den ersten Lebensmonaten durch die Immunität der Mutter ebenfalls geschützt. Außerdem impft man nicht bei bekannter Immunschwäche oder akuten Erkrankungen. Für davon betroffene Menschen ist die Herdenimmunität besonders wichtig. Ganz klar muss man auch sagen, dass Impfskeptiker momentan von der Impffreudigkeit anderer Eltern profitieren.

Was tut der Freistaat, um die Durchimpfungsquote wieder zu erhöhen?

Die erste Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln findet in aller Regel im 13. Lebensmonat statt. Lange Zeit wurde in Sachsen empfohlen, die zweite Impfung im sechsten Lebensjahr durchführen zu lassen. Inzwischen wird geraten, diese zweite Schutzimpfung bereits im vierten Lebensjahr durchzuführen und bestenfalls mit einer U-Untersuchung zu verbinden. Damit wird vermieden, dass die zweite Impfung zu lange herausgezögert und vielleicht vergessen wird. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es durch die vorzeitige zweite Impfung im kommenden Schuljahr bei den Schulaufnahmeuntersuchungen einen höheren Anteil vollständig immunisierter Kinder geben wird als in den vergangenen Schuljahren.

Welche Konsequenzen hat es, wenn ein ungeimpftes Kind in Kontakt mit einem Erkrankten kommt?

Angenommen, es gibt in einer Schule oder in einer Kindereinrichtung einen Masernfall und ein Kind oder ein Schüler ist nicht geimpft, dann darf das Kind für einen Zeitraum von 21 Tagen nach dem Kontakt mit dem Erkrankten die Einrichtung nicht besuchen. Für die Eltern bedeutet das schlimmstenfalls den Wegfall der Lohnfortzahlung. Da bei dem Kind bis zum Ausbruch der Krankheit nur der Verdacht auf eine Ansteckung besteht, ist der Arzt nicht verpflichtet, es krankzuschreiben.

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Wohin wendet man sich mit Fragen zu Schutzimpfungen?

Erster Ansprechpartner ist in aller Regel der Hausarzt. Aber auch das Gesundheitsamt des Landkreises informiert und impft. Wer auf dem Laufenden über Änderungen bleiben will, erfährt diese aus dem ständig aktualisierten Impfkalender.

Die Fachärztin für Kinderheilkunde Ulrike Menzel leitet den Jugendärztlichen Dienst
des Landkreises.
Die Fachärztin für Kinderheilkunde Ulrike Menzel leitet den Jugendärztlichen Dienst des Landkreises. © Foto: SZ/Uwe Soeder

Befunde aus der 6. Klasse

Im vergangenen Schuljahr wurde landkreisweit der Masern-Impfstatus von 2 500 Sechstklässern geprüft.

Bezogen auf alle Untersuchten lag der Anteil grundimmunisierter Schüler bei 78,2 Prozent.

Über keinerlei Impfschutz verfügte 1 Prozent der Schüler.

18 Prozent der Untersuchten konnten keinen gültigen Impfausweis vorlegen. (Quelle: Gesundheitsamt des Landkreises)

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