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Warum Impfen nicht schadet

Einen Corona-Impfstoff gibt es noch nicht, da macht die AfD schon gegen angebliche Impfpflicht mobil. Dabei zeigt das Beispiel der Masern, wie wichtig eine Impfung ist.

Kümmels Karikaturen in Coronazeiten.
Kümmels Karikaturen in Coronazeiten. © Kümmel

Die ganze Welt hofft auf eine Impfung gegen das Coronavirus. Die ganze Welt? Nein, es gibt eine kleine, aber laute Gegnerschaft auch in Deutschland. Politisch angeführt wird sie von der AfD. Tino Chrupalla, Bundestagsabgeordneter aus dem Landkreis Görlitz,  wendet sich gegen eine Impfpflicht, die von der Bundesregierung gar nicht geplant wird. Er twitterte schon mal vorsorglich: "Schon jetzt denkt Markus Söder an Zwangsimpfungen, auch wenn noch gar kein zuverlässig geprüfter Impfstoff in Sicht ist. Wenn es soweit ist, muss gelten: Freiheit statt Zwang!"

Das ist nicht weiter überraschend, seiner Impfskepsis hatte der AfD-Bundessprecher bereits bei der Masern-Impfpflicht Ausdruck verliehen. Ihn habe niemand darum gebeten, der Impfpflicht gegen Masern im Bundestag zuzustimmen. Chrupalla hatte nach eigener Aussage dafür gesorgt, dass es eine namentliche Abstimmung gibt, damit "jeder nachvollziehen kann, wer für eine Impfpflicht und gegen unsere Grundrechte gestimmt hat." 

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Weil die Impfung nicht allein gegen Masern gerichtet ist, sondern der Wirkstoff auch gegen Mumps und Röteln und der Vierfach-Impfstoff zusätzlich gegen Varizellen wirkt, nannte Chrupalla die Impfpflicht schon im Vorjahr als ein "Geschenk an die Pharmaindustrie".  Diese habe also mit ihren  Kombinationsimpfstoffen maßgeblichen Einfluss darauf, welcher Cocktail geimpft werde, hatte Chrupalla geäußert.

Impfpflicht gegen Pocken führte zu deren Ausrottung

Dabei zeigt die Geschichte der Masern-Impfung, dass sie erfolgreich sein kann. In der Zeit vor 1970 sind die meisten Kinder an Masern erkrankt - viele auch mit Komplikationen - und haben so einen Immunschutz aufgebaut. Die größten Impflücken bei Masern bestehen  bei Männern und Frauen, die nach 1970 geboren sind.  Erst später wurden Kinder zweimal gegen Masern geeimpft und sind damit vor dieser Erkrankung geschützt. Eine Erkrankung gilt wegen der seinerzeit deutschlandweiten Impfpflicht sogar als ausgestorben: die Pocken.

Durchimpfungsrate reicht nicht aus

Auch wenn sich das Görlitzer Gesundheitsamt derzeit auf die Corona-Pandemie und deren Bekämpfung konzentriert, liegen der Behörde die aktuellen Daten zur Durchimpfung im Landkreis Görlitz vor. Zum Stand Ende des Jahres 2019 sind 70,6 Prozent der Mädchen und Jungen in Kitas untersucht worden. Für 91,7 Prozent dieser Kinder wurde ein Impfausweis vorgelegt, erklärt Landkreissprecherin Julia Bjar. Die Impfquote, bezogen auf die Kinder mit Impfausweis, betrage demnach immerhin 97,2 Prozent.

Anders sieht es bei schulpflichtigen Kindern aus. Für jedes Kind ist eine Schulaufnahmeuntersuchung Pflicht. Das sieht das Gesetz so vor. Dabei wird auch der Impfstatus des jeweiligen Kindes  festgestellt. Aber nicht alle Eltern bringen einen Impfausweis mit. Letztes Jahr waren das nur 91,4 Prozent. Die Masern-Impfquote lag bei 75,6 Prozent.  

Obwohl es tatsächlich noch Lücken in der Impfquote gibt, liegen dem Landkreis keine Meldungen vor, dass in der Zeit vom 1. März bis zur coronabedingten Schließung der Kitas Kinder wegen fehlendem Masernschutz vom Besuch der Kita ausgeschlossen wurden. Doch Eltern müssen Impfungen bei ihren Sprösslingen nachholen. Das wird von den Leitern der Einrichtungen kontrolliert. Als Nachweise gelten der Impfausweis, ein ärztliches Zeugnis über die Immunität gegen Masern oder ein ärztliches Attest, dass eine Impfung aus medizinischen Gründen nicht möglich ist.

Ohne Masern-Impfung künftig nicht in die Kita

Allerdings wirkt die Impfpflicht schon jetzt: Wer seit 1. März neu in einer medizinischen Einrichtung arbeitet, musste einen Impfnachweis vorlegen. Das gilt auch für Kinder, die neu in Schulen oder Kitas aufgenommen werden. Liegt keine Immunisierung gegen Masern vor, sind sie vom Besuch der Einrichtung ausgeschlossen. Wer vor dem 1. März 2020 bereits in den Einrichtungen war, muss den Impfnachweis erst bis Ende Juli 2021 erbringen.

Wie wichtig Impfungen gerade gegen die Masern sind, hatte der Görlitzer Kinderarzt Hans-Christian Gottschalk mehrfach gegenüber der Sächsischen Zeitung erklärt. "Es gibt weltweit keine medizinische Maßnahme, bei der das Nutzen-Risiko-Verhältnis so günstig ist wie beim Impfen." Die Fälle von Impfschäden seien verschwindend gering. Auf der anderen Seite stehen als mögliche Folgen gerade von Masern eine Hirnhaut- oder Lungenentzündung, Hörsturz, eine bleibende geistige Behinderung oder sogar der Tod.

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Dass ausgerechnet der gebürtige Weißwasseraner Tino Chrupalla so skeptisch gegen das Impfen ist, überrascht. Schließlich ist der 45-Jährige in der DDR aufgewachsen, wo die Impfskepsis niedriger lag als im Westen. Aber mittlerweile ist er eben Bundessprecher einer Partei, die in ganz Deutschland gewählt werden will. 

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