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Massenflucht nach US-Drohnenangriff

Viele Pakistaner fürchten sich vor Racheakten nach dem Tod des Taliban-Chefs. Politiker wettern, das Militär schweigt.

© dpa

Von Willi Germund, SZ-Korrespondent in Bangkok

Bis zu 80 000 Pakistaner sind aus der Umgebung der Stadt Miranshah in Nordwaziristan geflohen, seit eine ferngesteuerte Drohne des US-Geheimdienstes CIA am Freitag einschlug. Sie tötete den oft totgesagten Hakimullah Mehsud, den blutrünstigen und brutalen Chef der pakistanischen Taliban-Milizen (TTP) und mindestens drei Verwandte. Die Pakistaner fürchten nicht nur das Aufflammen von Kämpfen zwischen den extremistischen Gotteskriegern und Islamabads Militärs in der bergigen Region. Vor allem vertreibt die Flüchtlinge die Angst vor der Rache von Mehsuds Kampfgefährten. Sie durchkämmen seit der tödlichen Attacke aus der Luft die Gegend nach Spitzeln.

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Hakimullah Mehsuds Handlanger, ein Sammelsurium von rund 30 Gruppen aus allen Gegenden des Landes, verübten seit Jahren Selbstmordattentate auf religiöse Minderheiten. Sie waren für den Anschlag auf das 15-jährige Mädchen Malala Yussufzai im Swat-Tal verantwortlich. Mehsud schickte die Mörder los, die im Juni ein Dutzend ausländische Bergsteiger am Nanga Parbat töteten.

Chaudry Nisar Ali Khan, als Innenminister für Ruhe und Ordnung in Pakistan zuständig, schimpfte dennoch auf Washington: „Der Tod Mehsuds bedeutet den Tod jedes Friedensversuchs.“ Das Außenministerium bestellte Washingtons Botschafter ein.

Premierminister Nawaz Sharif und die Partei TPI des früheren Kricket-Stars Imran Khan hatten im Frühjahr während des Wahlkampfs mit Friedensangeboten an die Extremisten Stimmung gemacht. Am Sonnabend, einen Tag nach dem Tod von Mehsud, war ein Treffen zwischen Islamabad und dem Taliban-Chef geplant. Dabei hatte der langhaarige TTP-Chef erst vor zwei Wochen in einem seltenen Interview erklärt: „Pakistans System ist unislamisch. Diese Forderung wird nach dem Abzug der USA aus der Region fortbestehen.“

Beim öffentlichen Zorn des Innenministers und vieler anderer Politiker handelt es sich denn auch in erster Linie um Nebelkerzen im Propagandafeldzug für eine Bevölkerung, die auf Nationalismus und die Verteidigung des Islam gegen westliche „Ungläubige“ getrimmt wird. Aus dem Hauptquartier der mächtigen Streitkräfte in Rawalpindi kam dagegen kein Ton. Die Generäle hatten erst vor gut zwei Monaten in einem Papier für die zivile Regierung klargestellt, dass Verhandlungen mit den Streitkräften nur unter einer Bedingung zu haben seien: Es müsse mit „geeigneten Personen“ geredet werden.

Hakimullah Mehsud gehörte schon damals nicht zum Kreis dieser Auserwählten. Während die Generäle aus strategischen Gründen die afghanischen Taliban mit Samthandschuhen anfassen, unterschrieb Hakimullah Mehsud sein endgültiges Todesurteil mit dem Mord an einem pakistanischen General im Swat-Tal Anfang Oktober. Zudem machen die Generäle ihn für einen Teil der 4 000 toten Soldaten verantwortlich, die während der vergangenen Jahre neben 40 000 Zivilisten ums Leben kamen.

„Ein Glück, wir sind ihn los“

Auf die Liste der Todeskandidaten beim US-Geheimdienst CIA geriet Mehsud, der unter anderem einen Selbstmordattentäter auf den Times Square von New York schickte, bereits im Jahr 2009. Damals tauchte er im Abschiedsvideo des jordanischen Selbstmordattentäters auf, der in Afghanistan sieben CIA-Agenten mit in den Tod nahm, nachdem er sich das Vertrauen der Geheimdienstler erschlichen hatte. Es war die schlimmste Schlappe des Geheimdienstes seit einem Vierteljahrhundert. Um Hakimullah Mehsud, auf den ein Kopfgeld von fünf Millionen US-Dollar ausgesetzt war, zu erwischen, ignorierten die USA sogar die Gefühle ihres Verbündeten Afghanistan. Eine Spezialeinheit stoppte am 5. Oktober einen Konvoi von Kabuls Geheimdienst NDS, in dem der Stellvertreter des pakistanischen Taliban-Chefs saß. Die Drohnenattacke kam nun nach intensiven Verhören des Mannes.

Auf pakistanische Klagen angesichts der Attacke reagierte Washington betont kühl. Friedensbemühungen seien eine interne Angelegenheit Islamabads. Man teile aber mit Pakistan das strategische Ziel, den Terror zu bekämpfen. Das Schweigen von Pakistans Generälen zeigt, dass sie ausnahmsweise einmal die Meinung der liberalen Tageszeitung „Express Tribune“ teilte. Das Blatt jubelte unverhohlen: „Ein Glück, wir sind ihn los.“

Ob Mehsuds Nachfolger Khan Syed Mehsud alias Sajna einen besseren Ruf bei den Generälen genießt, ist zweifelhaft. Schließlich leitete er während der vergangenen sechs Monate die Ausbildung, Indoktrinierung und den Einsatz von Selbstmordattentätern.