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Matrosen im besonderen Einsatz

In der ASG Vorwärts Stralsund spielten ausschließlich Angehörige der Seestreitkräfte – und das richtig gut, wie auch Dynamo zu spüren bekam.

© Robert Michael

Von Daniel Klein

Eine steile, dunkle Holztreppe führt hinauf in ein Zimmer, in dem die Tradition an den Wänden hängt und hinter Glasvitrinen steht. Sonst erinnert in der Primus Immobilien Arena, wie das einstige Stadion der Freundschaft jetzt heißt, nichts mehr an den Verein, der vor mehr als 40 Jahren für zwei Spielzeiten der Fußball-Oberliga und damit der höchsten Klasse in der DDR angehörte. Die Armeesportgemeinschaft Vorwärts Stralsund gibt es schon längst nicht mehr. Inzwischen spielt hier der FC Pommern, doch auch das nicht mehr lange. Im September wird erneut fusioniert, dann entsteht der TSV 1860, der in der sechsten Liga antritt.

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Beim Heimspiel 1974 gegen Dynamo fängt Stralsunds Torwart Dieter Schönig den Ball vor Klaus Sammer. Vorwärts gewinnt sensationell 2:1.
Beim Heimspiel 1974 gegen Dynamo fängt Stralsunds Torwart Dieter Schönig den Ball vor Klaus Sammer. Vorwärts gewinnt sensationell 2:1. © Archiv
Keine Lücke mehr auf den Rängen und ein Matrose behält im Jubel den Überblick.
Keine Lücke mehr auf den Rängen und ein Matrose behält im Jubel den Überblick. © Archiv

Günter Baltrusch kehrt nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder an seinen alten Arbeitsplatz zurück und erkennt ein Detail wieder – die Holzbänke in der Umkleidekabine. „Es sieht noch genauso aus wie damals“, sagt der 76-Jährige und schmunzelt. Beim Blick über die Traversen, die nach dem ersten Aufstieg 1971 extra erhöht worden waren, kehren auch die Erinnerungen zurück an die Zeiten, als sich hier 12 000 Zuschauer auf den Rängen drängelten, um Dynamo Dresden oder den großen Rivalen Hansa Rostock zu sehen.

Auch die ASG Vorwärts spielte bis 1967 noch in Rostock, dort jedoch war die Konkurrenz mit dem SC Empor, der BSG Schiffahrt Hafen und Motor Warnowwerft Warnemünde zu groß. Der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung und der Chef der Volksmarine beschlossen kurzerhand den Umzug nach Stralsund. „Das ging ratzfatz“, erinnert sich Baltrusch. Zu dieser Zeit war das gängige Praxis im DDR-Fußball, Mannschaften wurden nach dem Willen der Funktionäre quer durch die Republik verschoben. Während sich anderenorts schon mal Widerstand formierte, blieb an der Küste alles ruhig. „Wir wurden von den Stralsundern sofort angenommen, da gab es keinerlei Vorbehalte“, sagt Baltrusch. „Die Leute haben gesehen, dass in der Mannschaft viel Potenzial steckt.“

Dabei war die Zuneigung nicht so selbstverständlich, schließlich dienten alle Spieler bei der Nationalen Volksarmee (NVA), waren Angehörige der Seestreitkräfte. Und den bewaffneten Organen brachten die DDR-Bürger meist wenig Sympathien entgegen. Die Vorwärts-Kicker mussten zu den Spielen in Matrosenuniform ins Stadion kommen, das war Vorschrift – und doch eher Folklore. „Unser Dienst bei der Marine bestand aus einer Schießübung pro Saison – also nicht mit den Füßen, sondern richtig“, erzählt Günter Sens, der einstige Außenstürmer. „Das war es schon. Ansonsten waren wir komplett für den Fußball freigestellt.“

Und das zahlte sich aus. Am Ende der ersten Oberliga-Saison 1971/72 fehlten lediglich zwei Punkte zum Klassenerhalt. Schmerzlich vermisst wurde der Torschützenkönig der Aufstiegssaison. Peter Zierau wurde nach Frankfurt delegiert. An der Oder war der Armeesportklub stationiert, die anderen Vorwärts-Vereine in Kamenz, Löbau, Neubrandenburg und vor allem Stralsund sollten ihre besten Spieler dorthin schicken. „Sie gingen mehr oder minder freiwillig, aber gezwungen wurde niemand“, erklärt der 78-jährige Sens. Das gilt auch für Bernd Wunderlich, den berühmtesten Fußballer der Stadt, der ebenfalls nach Frankfurt ging und ein A-Länderspiel für die DDR absolvierte.

Die Lücken wurden mit Talenten aus dem eigenen Nachwuchs gefüllt. Oder mit frisch rekrutierten Matrosen, die in Stralsund ihren Dienst leisteten. „Da wurden extra Sichtungsturniere veranstaltet, um herauszufinden, ob unter den Soldaten welche sind, die mit dem Ball umgehen können“, erzählt Hartmut Stuhr, der die Geschichte des Stralsunder Fußballs in zwei Büchern aufgeschrieben hat.

Für einen längerfristigen Aufenthalt in der Oberliga reichte das aber nicht. Auch nach der zweiten Saison im Oberhaus stiegen die Stralsunder ab. Die Spielzeit 1974/75 blieb trotzdem in Erinnerung, was vor allem an zwei Heimspielen lag. Nach einem 0:2-Rückstand gewann die Matrosenelf noch 3:2 gegen Dynamo, Stralsunds Torwart Dieter Schönig parierte dabei einen Elfmeter von Dixie Dörner. „Das ist ein Datum für die Stralsunder Sportgeschichte“, findet Stuhr. Noch dramatischer verlief das Saisonfinale gegen den Nachbarn vom FC Hansa. Den Rostockern genügte ein knapper Sieg für den Klassenerhalt, die ASG Vorwärts war nicht mehr zu retten. „Viele haben gedacht, dass wir die Punkte herschenken. Aber wir haben uns gesagt: Wir Kleinen zeigen es denen mal“, erinnert sich Baltrusch. „Es war vorher kein Funktionär in der Kabine, es gab keinerlei Absprachen.“ Und so lief dann auch das Spiel. Rostock lag kurz vor dem Ende mit 0:1 hinten, als Joachim Streich zum Strafstoß antrat – wieder parierte Schönig. Zwar traf Gerd Kische doch noch zum Ausgleich, doch das 1:1 reichte nicht, Hansa stieg zusammen mit Stralsund ab und Streich wechselte nach Magdeburg.

Danach schafften es die Matrosen vom Strelasund noch dreimal in die Aufstiegsrunde, scheiterten aber stets. In der ewigen Tabelle der zweiten DDR-Liga steht Stralsund auf Platz vier. „Wir haben uns hier immer wohlgefühlt, es war sehr familiär“, sagt Sens. „Verdient haben wir aber keinen Pfennig mehr als die anderen Soldaten bei den Seestreitkräften. Als Maat bekam ich zum Beispiel 399 Mark im Monat – und Prämien gab es überhaupt keine.“

Das Ende kam dann abrupt und unerwartet. Im Sommer 1989, noch vor dem Zusammenbruch der DDR, wurde die Auflösung des Marinestandortes Stralsund zum Jahresende befohlen. Das traf auch die Fußballer, die Planstellen fielen weg, die meisten Spieler wechselten zum Ortsnachbarn Motor. „Im Januar 1990 versammelten sich 1 500 Menschen auf dem Marktplatz bei der größten Fußballdemonstration in der Geschichte der Stadt. Sie kämpften für den Erhalt der Zweitklassigkeit“, erzählt Stuhr. Doch das half nichts. Der FC Pommern spielt jetzt vor 150 Zuschauern in der Verbandsliga Mecklenburg-Vorpommern. Und an die ASG erinnert fast nichts mehr.