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Matschehosen und Gummistiefel sind Pflicht

Gerade mal zehn Minuten war der kleine Erik an der Luft. Jetzt steht er im Flur mit Dreck verschmiertem Gesicht und nassem Schneeanzug. Mit Lust und Wonne hat er sich in dem wundervollen Garten seiner Kita einen Hügel herunterkullern lassen.

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Von Christine Gruler

Gerade mal zehn Minuten war der kleine Erik an der Luft. Jetzt steht er im Flur mit Dreck verschmiertem Gesicht und nassem Schneeanzug. Mit Lust und Wonne hat er sich in dem wundervollen Garten seiner Kita einen Hügel herunterkullern lassen. Sich nur mal kurz zeigen, mit seiner verschmierten Schnute, so dachte er sich wohl. Denn flugs macht sich der Dreijährige wieder auf den Weg nach draußen, wo es offensichtlich am schönsten ist.

Es ist tatsächlich ein Paradiesgarten für Kinder dort, hinter dem ehemaligen Schulhaus in Kleinnaundorf, in dem jetzt die „Wurzelzwerge“ residieren. Weitläufig und hügelig ist das Areal, bestanden von Apfelbäumen, die ihre kahlen Zweige jetzt in den Winterhimmel recken. „Im Herbst haben wir gemeinsam Apfelernte gemacht“, erzählt Heike Liebhold, „in zwei Stunden war es geschafft. Die Männer haben die Äpfel geschüttelt, Frauen und Kinder aufgelesen, und wir haben den Saft pressen lassen.“ Heike Liebhold ist die Leiterin der Kindertagesstätte, die ihre Kinder nicht nur mit jährlich 400 Litern Saft aus Eigenproduktion versorgt.

Naturnähe und Freies Spiel

In einem Gewächshaus werden im Sommer Gurken und Tomaten gezüchtet, und selbstverständlich darf, wer arbeitet, auch von der Ernte profitieren. In der Erntezeit greifen die Kinderhände dann auch besonders gern in die Beerenhecke, die mit ihren Früchten zum unmittelbaren Verzehr einlädt.

Mutter Natur ist die große Protagonistin im Konzept des Vereins Lebensbaum, der die Kindertagesstätte trägt. Und sie hält neben Essbarem noch weitaus mehr Vergnügungen bereit. Wasser und Erde, die beiden Elemente, sorgen allein schon für viele Stunden fröhlichen Plantschens und Matschens im Garten. So entstand etwa an der alten Wasserpumpe eine Matschstrecke aus ausgehöhlten Baumstämmen. Aus Baumstämmen geformt ist auch ein Klettergerüst, das aussieht wie eine riesige Wurzel und gleichzeitig als Wahrzeichen fungiert. Sommers wie winters können die „Wurzelzwerge“ hierauf ihre Balance trainieren, sie können sich im Weidenlabyrinth verstecken und aus einem Bauwagen Spielzeug organisieren – ganz wie es ihnen beliebt. „Das Spiel steht als Methode zum Erreichen unserer Ziele im Mittelpunkt unserer pädagogischen Arbeit“, ist auf der Website zu lesen.

Der Bauwagen übrigens dient, anders als in den immer populäreren Waldkindergärten, die auch für die Kleinnaundorfer Elterninitiative Modell waren, nur als Schuppen. Schutz finden die 40 Kinder der Einrichtung in zwei ehemaligen Klassenzimmern der ersten Etage. Die beachtliche Raumhöhe ist für eine zweite Ebene genutzt. Über eine Leiter geht es hinauf in eine hölzerne Burg, im anderen Raum wartet das „Baumhaus“ als Rückzugsort zur Entspannung oder zum Puppenspiel.

„Baumhäusler“ und „Burggespenster“, wie sich die „Wurzelzwerge“ intern selbst nennen, bleiben zum Morgenkreis, zum Essen und beim Mittagsschlaf unter sich. Ansonsten dürfen sich die Kinder nach Herzenslust gegenseitig besuchen. Kerstin Neumann, Mutter der vierjährigen Alexandra, schätzt neben dem Konzept der offenen Gruppen vor allem die Altersdurchmischung. „Zweieinhalb bis Sechsjährige spielen miteinander, es ist wie eine große Familie“, sagt sie.

Und dann wären da noch die kleinen Wesen mit den langen Beinen und andere lebendige Tierchen, die irgendwie auch mit zur Familie gehören. Alexandra trägt eine Spinne im Glas vorbei.

Am beliebtesten sind solche Erkundungen aber doch an der frischen Luft. Im Frühling werden Kaulquappen aus dem nahe liegenden Teich examiniert, überhaupt wird die nähere Umgebung ausführlich erkundet. Ein wöchentlicher „Waldtag“ ist fest im Programm verwurzelt. Und einmal jährlich, meist im Mai, gibt es sogar eine ganze „Waldwoche“.

Geringer Krankenstand

Im Sommer unter freiem Himmel mittags schlafen, unter Blätterdächern essen, Bäume betasten und allerlei Getier beobachten – die Eindrücke sind vielfältig und auch auf Papier festgehalten. Heike Liebhold zeigt zwei von 40 „Waldbüchern“, die von dem Erlebten künden.

Das beste Zertifikat für die von ihr geleitete Einrichtung ist aber sicherlich der geringe Krankenstand: „Wir haben immer volles Haus,“ sagt sie, „die Kinder sind alle abgehärtet vom Aufenthalt draußen.“

Erik tobt auch schon wieder im Garten. Von einem bisschen Schneematsch gemischt mit Erde lässt sich schließlich kein Wurzelzwerg abschrecken.