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Medizinischer Dienst: Corona-Antikörpertest ist überflüssig

Die Deutschen geben jährlich eine Milliarde Euro für Zusatzleistungen beim Arzt aus. Eine neue Studie sieht viele davon kritisch.

Automatische Analyse. Mit diesem Gerät können 96 PCR-Tests zum Nachweis einer frischen Coronainfektion gleichzeitig untersucht werden.
Automatische Analyse. Mit diesem Gerät können 96 PCR-Tests zum Nachweis einer frischen Coronainfektion gleichzeitig untersucht werden. © Soeren Stache/dpa

Viele Arztpraxen bieten Individuelle Gesundheitsleistungen an – die sogenannten IGeL, die selbst bezahlt werden müssen. Neu sind in diesem Jahr Antikörpertests auf Covid 19, mit denen die Wahrscheinlichkeit einer durchgemachten Infektion ermittelt werden soll. Viele erhoffen sich davon Aussagen über eine mögliche Immunität.

Doch bei der Vorstellung seines IGeL-Reports am Dienstag in Berlin warnte der Medizinische Dienst der Sozialversicherung (MDS) davor, sich nach einem positiven Antikörpertest in Sicherheit zu wiegen. „Wir haben 37 Studien und sieben Übersichtsarbeiten dazu ausgewertet. Sie kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass diese Tests vor allem wegen ihrer falsch positiven Ergebnisse kritisch zu sehen sind“, sagt Dr. Michaela Eikermann, Bereichsleiterin für evidenzbasierte Medizin des MDS. Das heißt, es werden Antikörper nachgewiesen, obwohl keine vorhanden sind. Oder Antikörper gegen andere Coronaviren, die beispielsweise nur einen harmlosen Schnupfen auslösen, könnten zu falschen Testergebnissen führen.

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Antikörper-Schnelltests noch fragwürdiger

Laut einer Internetrecherche des MDS haben Ende Juli von 50 zufällig ausgewählten Hausarztpraxen 26 einen Antikörpertest angeboten. Ihre Zahl steige ständig. Angepriesen wurden die Untersuchungen mit dem Versprechen, dass vorhandene Antikörper vor einer erneuten Infektion schützen. „Doch das ist wissenschaftlich nicht bewiesen“, sagt Eikermann. Solche Aussagen bergen die Gefahr, dass sich Menschen leichtsinniger verhalten und die empfohlenen Hygiene- und Abstandsregeln vernachlässigen.

Auch Professor Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Virologie an der Technischen Universität Dresden, sieht für den Einzelnen keinen Nutzen in selbst zu zahlenden Antikörpertests. „Sie sind geeignet, um in epidemiologischen Studien die Durchseuchung der Bevölkerung zu ermitteln. Doch Rückschlüsse auf das persönliche Verhalten erlauben sie nicht“, sagt er. Dazu sei die mögliche Immunität nach einer durchgemachten Erkrankung viel zu wenig erforscht. Bekannt sei, dass Antikörper Wochen nach der Erkrankung wieder verschwinden. Was das für die Immunität bedeute, sei ungewiss. Noch fragwürdiger seien sogenannte Antikörper-Schnelltests, sagt Eikermann. Sie funktionierten wie ein Schwangerschaftstest, nur mit einem Blutstropfen. Eine Farbskala zeige „positiv“ oder „negativ“ an. Aufgrund der hohen Fehlerquote raten Robert-Koch-Institut, Weltgesundheitsorganisation und Facharztverbände davon ab.

Der mögliche Schaden überwiegt den Nutzen

Zu ihren Erfahrungen mit Antikörpertests ließ der MDS rund 6.800 gesetzlich Versicherte befragen. Sechs Prozent hatten den Test angeboten bekommen oder selbst danach gefragt. Die Initiative ging dabei zur Hälfte von den Patienten aus. Zwischen 20 und 52 Euro plus rund zehn Euro für Blutentnahme und Beratung haben sie dafür bezahlt. Bei der Interpretation der Testergebnisse wurden sie aber häufig alleine gelassen. Nur zwei von drei Befragten seien über die unzureichende Aussagekraft informiert worden, kritisiert der MDS.

Gesetzlich Versicherte geben für IGeL jährlich etwa eine Milliarde Euro aus. Die TOP 10 der am meisten verkauften Selbstzahlerleistungen sind im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert geblieben. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 2.300 gesetzlich Versicherten. An der Spitze stehen nach wie vor die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung beim Augenarzt und der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung. „Bei beiden überwiegt der mögliche Schaden den Nutzen“, sagt MDS-Chef Peter Pick. Weiterhin dabei ist auch der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs, der nur sinnvoll sei, wenn entsprechende Symptome vorliegen. „Für den Verkauf von Selbstzahlerleistungen gelten verbindliche Regeln. Es muss gut informiert werden, und es darf kein Druck aufgebaut werden. Beides wird von Versicherten beklagt und muss sich ändern“, sagt Pick.

Die Corona-Tests:

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  • Für einen direkten Virusnachweis gibt es den PCR-Test. Mithilfe dieses Abstrichs von den Atemwegen wird das Erbgut des Virus nachgewiesen. Er hat dann eine hohe Aussagekraft, wenn genügend Virusmaterial entnommen werden kann, also heftig genug an der Schleimhaut gestrichen wird, sagt der Dresdner Virologe, Professor Alexander Dalpke. Im Schnitt liege die Trefferquote bei 70 bis 80 Prozent. Der Test kostet als IGeL zwischen 75 und 130 Euro, so der Medizinische Dienst.

  • Antikörpertests erfassen nicht das Virus selbst, sondern die Reaktion des Immunsystems darauf. Dalpke zufolge brauche der Körper bis zu zwei Wochen, um nach einer Infektion Antikörper zu bilden. Zur Akutdiagnostik seien diese Tests deshalb ungeeignet. Qualitativ gebe es große Unterschiede. Deshalb empfiehlt die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen, möglichst zwei Antikörpertests nacheinander durchzuführen – einen Suchtest und einen Bestätigungstest, um die Schwächen des einen beim anderen auszugleichen. Nur dann sei die Trefferquote hoch. Antikörpertests kosten zwischen 20 und 52 Euro plus Blutentnahme und Beratung. Die Kasse zahlt dafür, wenn ein PCR-Test trotz Krankheitssymptomen negativ war oder der Arzt ihn für erforderlich hält.

  • Schnelltests auf Antikörper funktionierten wie ein Schwangerschaftstest, nur mit einem Blutstropfen. Sie sind ungenau und werden nicht empfohlen.

Der Igel-Monitor des Medizinischen Dienstes

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