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Mehdorns Feuerwehrmann

Gicon-Chef Jochen Großmann muss mit seinem Dresdner Ingenieurbüro den Berliner Großflughafen retten.

Von Lars Radau

Die kleine Episode gefällt Jochen Großmann ganz offenkundig noch immer. Im vergangenen Frühherbst war der Gründer und Chef des Dresdner Ingenieurbüros Gicon nach Berlin geladen. Zum geheimen Krisentreffen eines nicht ganz unbedeutenden Projektes. Das aber so geheim nicht geblieben war: Am Treffpunkt lauerten einige Fotografen und Kamerateams auf die Politiker und Manager, die in ihren schweren Limousinen vorfuhren. Auch der große schwarze Audi, den Großmann unterwegs als mobiles Büro nutzt, rollte ins Blitzlichtgewitter. Das aber schlagartig erstarb, als statt der erwarteten bekannten Gesichter dem Fond nur ein schlaksiger Schnauzbartträger mit gebändigter Lockenmähne und kleiner Brille entstieg. Wenig später, sagt Großmann grinsend, dürften sich die Fotografen tüchtig geärgert haben. Ein findiger Boulevard-Reporter hatte offenbar den Kennzeichen des Audis nachgeforscht – und schrieb über Großmanns Foto: „Ich werde Mehdorns Feuerwehrmann“.

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Wegen der Entrauchungsanlage musste der Start des Airports Berlin Brandenburg International (BBI) schon mehrfach verschoben werden. Jetzt soll es Gicon richten.Foto: Günter Wicker/FBB
Wegen der Entrauchungsanlage musste der Start des Airports Berlin Brandenburg International (BBI) schon mehrfach verschoben werden. Jetzt soll es Gicon richten.Foto: Günter Wicker/FBB

Das Bild ist nur ein bisschen schief: Tatsächlich ist der promovierte Ingenieur schon seit Mitte 2013 weniger dafür zuständig, die Feuer auf der Baustelle des Berliner Großflughafens BER auszutreten. Vielmehr muss er die Probleme mit der Entrauchungsanlage in Griff bekommen, die die Eröffnung des Milliarden-Projekts bremsen. Dass das ein Marathon-Lauf werden kann, schreckt Großmann nicht. Nicht nur, weil der 55-Jährige in seiner Jugend als Leistungssportler ebenfalls gerannt ist – wenn auch über die Mittelstrecke. Sondern auch, weil Großmann und sein Team mit großen Schritten vorankommen. Das Lösungskonzept, das die Gicon vorgelegt hat, war nicht nur schnell vom Bauordnungsamt akzeptiert: Aus einem großen Entrauchungssystem machen die Gicon-Ingenieure mehrere kleine Anlagen. Mittlerweile ist Großmann, der am BER als Arbeitsgruppenleiter einstieg, zudem die für die Planungskoordination zuständige Nummer drei in der Hierarchie des „Sprint“-Krisenteams, das Flughafen- und Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn installiert hat .

Dass damit die Verantwortung dafür, dass aus dem pannengeplagten Großflughafen BER überhaupt noch etwas wird, nun zu großen Teilen auf seinen Schultern liegt, bereitet Großmann keine schlaflosen Nächte. Die, sagt der Gicon-Chef, dauerten ohnehin selten länger als fünf Stunden. Zudem sei das Thema Entrauchung jetzt „beherrschbar“, es gebe ein „gutes Konzept“.

Bei allen weiteren Fragen – etwa, wie lange er noch an mehreren Tagen in der Woche nach Berlin zu pendeln gedenke – wird der freundlich-verbindlich plaudernde Ingenieur indes äußerst schmallippig. Ganz sicher kennt Großmann, der auch Honorarprofessor an der Technischen Universität Cottbus ist, den derzeit geplanten Eröffnungstermin des Flughafens genau. Und ganz sicher wird er ihn noch eine ganze Weile für sich behalten. Schließlich sei es eines seiner Prinzipien, „nur Ansagen zu machen, die ich auch einhalten kann.“

Dabei mitunter¨– und nicht nur von Fotografen – unterschätzt zu werden, macht Jochen Großmann wenig aus. Inzwischen kokettiert er durchaus gerne damit: Das „mittelständische Ingenieurbüro“, das der gebürtige Dresdner 1990 gründete und aus dem 1994 die Gicon wurde, ist mittlerweile einer der größten konzernunabhängigen Spieler der Branche in Deutschland, wenn nicht gar in Europa. Zurzeit beschäftigt die Gicon-Firmengruppe, die ihren Hauptsitz in einem Villenensemble am Großen Garten in Dresden hat, rund 310 feste und 150 freie Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 30,5 Millionen Euro.

Die Bandbreite des Gicon-Angebots reicht von Brandschutz- und Sicherungstechnik über Altlastensanierung, Anlagen- und Genehmigungsplanung und Technische Informatik bis hin zur Planung und Optimierung von Biogas- oder Windkraftanlagen. Großmann beschreibt seine Firma gerne als „Kombination aus Dienstleister und Think Tank“ – und steckt bewusst jährlich einen festen zweistelligen Prozentsatz des Gewinns in Forschung und Entwicklung. Nur so, ist der Gicon-Chef überzeugt, könne sich sein Unternehmen erstens kontinuierlich so weiterentwickeln wie bisher – mit jährlichen Wachstumsraten zwischen zehn und 15 Prozent. Und zweitens noch sehr viel größere Hebel finden.

Einer davon könnte das „Schwimmende Offshore-Fundament“ sein, das die Gicon entwickelt hat. Mit Hilfe der schwimmenden Plattform können Windräder auf hoher See stabiler, umweltfreundlicher und effizienter installiert werden als bislang – und lassen sich zur Reparatur oder zum Austausch per Schiff schnell wieder in den Hafen ziehen. Großmann wittert in den kommenden Jahren einen „Milliardenmarkt“ - und ist tatsächlich weltweit unterwegs, um die Plattform vorzustellen. Nachdem alle Modell-Tests erfolgreich verlaufen sind und die Plattform noch einmal modifiziert wurde, wird die erste Pilotanlage im kommenden Jahr in der Ostsee in Betrieb gehen. Ein weiteres vielversprechendes Projekt ist die Nutzung von Microalgen als Rohstoff- und Energiequelle. Hier arbeitet Gicon mit der Hochschule im sachsen-anhaltischen Köthen zusammen. Forschungspartnerschaften gibt es aber noch mit mindestens acht weiteren Einrichtungen, darunter auch die TU Dresden und die Bergakademie in Freiberg.

Die stetige Weiterentwicklung ist etwas, das auch Großmann persönlich antreibt. Dabei hat der Einser-Abiturient, der auch sein Studium mit Bestnote abschloss, für sich ein abgewandeltes Konfuzius-Zitat zur Maxime erhoben: „Wenn du die Arbeit zum Hobby machst, ist es keine Arbeit mehr.“ Das, betont Großmann, gelte auch – oder erst recht – für Einsätze wie den als „Mehdorns Feuerwehrmann“.

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