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Mehr als ein Korb gehäkelter Blumen

Für Handarbeiten ist man nie zu alt. Das sagt Gerta Hänsel aus Bernstadt. Die 89-Jährige stellt jetzt im Heimatmuseum aus.

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Von Steffen Gerhardt

Bernstadt. Zum Abschied gibt es einen kleinen Fliegenpilz, als Anhänger für den Autospiegel oder für den Osterstrauß. Es macht Gerta Hänsel Spaß, wenn sie anderen eine Freude machen kann. Und so endet das Gespräch mit diesem kleinen Anhänger. Beim genaueren Betrachten ist es ein umhäkelter Sektkorken. „Ich habe bestimmt schon 500 davon gefertigt“, sagt die Seniorin. Dass sie dafür 500 große Sektflaschen austrinken musste, ist nicht erwiesen. „Ich sammle die Korken, wie auch andere kleine Behältnisse“, erklärt sie.

Handarbeit, das ist ihre Welt – und mit ihren Häkeleien macht sie etwas Besonderes. Dass die Bernstädterin im Januar 90 Jahre alt wird, das sieht und merkt man ihr nicht an. Nur mit dem Laufen ist es etwas schwierig, zumal wenn sie von der Stadt wieder auf den „Russenhügel“ muss. „Der Anstieg macht mir schon zu schaffen“, sagt sie. Deshalb ist sie froh, wenn sie ab und zu einen Chauffeur für die Stadt hat. Denn dort muss sie jetzt öfters hin, genauer ins Heimatmuseum. So auch am Tag des Gespräches mit der Sächsischen Zeitung. Da wartet schon eine mit gehäkelten Blumen gefüllte Klappbox auf den Transport ins Museum. „Ich habe noch etwas herausgesucht, dass ich unbedingt zeigen möchte.“

Mit dieser Kiste ist fast alles, was von ihren Handarbeiten die eigene Wohnstube ziert, ins Heimatmuseum der Stadt gewandert. Museumsleiterin Brigitte Lehmann freut sich, dass eine „Einheimische“ eine Ausstellung bestreitet. Für Gerta Hänsel ist es die erste große Schau, obwohl sie ihrem Hobby bereits als Kind nachging. Von der Mutter angeleitet, standen vorwiegend praktische Dinge im Mittelpunkt: „Müffel und Strümpfe habe ich beizeiten gestrickt, später kamen Pullover dazu“, erinnert sich die im benachbarten Kemnitz Geborene. Aber schon als Dreijährige zog sie mit ihren Eltern und den beiden größeren Geschwistern nach Bernstadt in das neue Haus. Seitdem lebt sie darin, jetzt mit Tochter und ihrer Familie. „Ich brauche meine Beschäftigung, ich muss was zu tun haben.“ Das sagt sie auch mit ihren 89 Jahren. Und falls es doch mal in den Handgelenken zwickt, „dann lese ich oder löse Kreuzworträtsel, so bleibt auch mein Geist frisch“.

Etwas Schönes aus Wolle oder Stoff zu schaffen, das begleitet die rüstige Seniorin ihr ganzes Leben. Auch beruflich blieb sie ihrem Hobby treu: „Ich lernte Textilfacharbeiterin und habe bis zu meiner Rente in der Textilfabrik in Bernstadt gearbeitet.“ Ein Berufsweg, den man sich heute nicht mehr vorstellen kann – ein ganzes Arbeitsleben in einem Betrieb. Den Spaß am Häkeln habe sie aber erst bekommen, als sie ihre Rente in Euros bekam. „In einer Handarbeitszeitschrift habe ich darüber gelesen und es selbst ausprobiert. Jetzt ist es meine Hauptbeschäftigung.“ Am liebsten häkelt Gerta Hänsel Blumen, der Jahreszeit entsprechend. Dann schaut sie, was in der Natur blüht und greift zu Nadel und Häkelgarn. Ihrer Fantasie setzt sie dabei keine Grenzen – und sucht sich neue Herausforderungen. Sie orientiert sich dabei auch am Zeitgeschmack. Auf die Idee, Handy-Hüllen zu häkeln, ist sie aber noch nicht gekommen. Aber das wäre für sie eine Marktlücke – und das nicht nur zum Verschenken.

Die erste Sonderausstellung 2015 im Heimatmuseum heißt: „Frühlingserwachen und Ostern“. Gerta Hänsel zeigt ihre Häkelarbeiten am Ostersonntag, von 14 bis 17 Uhr.