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Mehr als ein Spiel in Namibia

SZ-Reporterin Ulrike Keller lernt im Fußballstadion einiges über die Unabhängigkeit des Landes und die Folgen eines Fotos.

Diese Völkerwanderung kennt nur ein Ziel: die gut bewachten Stadioneingänge, vor denen sich die Menschenmassen stauen. Der guten Laune tut das keinen Abbruch. Warten gehört in Namibia quasi zum Kulturgut. Die Einheimischen haben dafür das Wort der „afrikanischen Zeit“ geprägt.

Ich halte mich an Martha und Robby, Freunde, die mich zu diesem Fußballereignis in Windhoek, der Hauptstadt, eingeladen haben. Gewöhnlich hält sich mein Interesse an der Balljagd in Grenzen. Doch jetzt treibt mich die Neugier auf einen historischen Schauplatz: Im Unabhängigkeitsstadion wurde am 21. März 1990 die Unabhängigkeit Namibias ausgerufen. Hier wurde vor mehr als 25 000 Zuschauern die südafrikanische Flagge eingeholt und die namibische gehisst, bevor Sam Nujoma als erster Präsident vereidigt wurde.

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Womit ich nicht gerechnet habe: Robby und ich sind weit und breit die einzigen Weißen. Wahrscheinlich kommt das dem Schwarz-Weiß-Verhältnis in der Bevölkerung recht nahe. Die Apartheid wurde 1978 offiziell abgeschafft. „Aber Fußball wird immer noch weitgehend getrennt gespielt“, sagt Robby. „Die Weißen haben sich auf einige wenige Clubs mit eigenem Platz verteilt.“ Auch gemischte Paare sind die Ausnahme, beobachten Martha und Robby. Häufiger findet sich ihre Konstellation: Einer stammt aus Namibia, der andere aus Europa – Robby kommt aus Deutschland, Martha aus dem Norden Namibias.

Die Sicherheitskontrolle dauert keine Minute. Ohne jedes Gedränge marschieren wir zur Tribüne. Erstmals wird gleich ein Cup ausgetragen, um den sich der fußballbegeisterte Premierminister Hage Geingob selbst bemüht hat. Er trieb Unmengen an Sponsoren-Geldern auf und engagierte die beste Mannschaft Südafrikas. Welches namibische Team gegen die Hochkaräter antritt, ließ er die hiesigen Fußballfans per SMS-Abstimmung entscheiden. Ausgewählt wurden die African Stars, ein gutes, wenn auch nach internationalem Maßstab noch nicht sehr gutes Team, erzählt Robby. Allerdings besteht es überwiegend aus Angehörigen der Herero-Volksgruppe. Diese vereint traditionell die meisten Fußballfans unter sich, obwohl der Stamm in der Bevölkerung nur eine Minderheit darstellt.

Hinsetzen, Durchatmen, Sicht genießen: Hinterm Stadion recken sich Berge in den hellblauen Himmel. Wegen dieses Blicks krame ich die Kamera aus dem Rucksack. Wo ich einmal beim Verewigen bin, frage ich drei junge Männer im T-Shirt mit Cup-Logo, ob ich sie fotografieren dürfte. Sie posieren bereitwillig. Hinter mir ruft es: Zwei junge Männer und eine Frau hätten ebenfalls gern ein Bild von sich. Ich knipse fleißig und notiere E-Mail-Adressen, wenngleich mir die Nachfrage ein Rätsel ist: Meine Technik – klein und alt – verspricht keine Profiaufnahmen. Aber Martha kennt den Grund: „Wenn ein Weißer Schwarze fotografiert, empfinden sie das als enorme Wertschätzung. Das kennen sie nicht. Sie fühlen sich dadurch wichtig.“

Ein bisschen Getröte, begeistertes Anfeuern, wenn die Namibier mal aufs gegnerische Tor losstürmen – an Geräuschkulisse ist das schon alles. Ich bin positiv überrascht, wie ruhig sich hier Fußball abspielt. Es scheint, als käme man ins Stadion, um Freunde zu treffen, zu reden und das Sportereignis gemeinsam zu genießen. Selbst als die Südafrikaner die Begegnung erwartungsgemäß für sich entscheiden, löst das auf der Tribüne keinerlei Frust aus. Martha und Robby kennen es nicht anders: „Die Namibier sind ein friedliches Völkchen“, sagen sie und witzeln. „Deshalb hat der Kampf um die Unabhängigkeit auch so lange gedauert.“Ulrike Keller