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Mehr als nur eine Kaffeekannen-Sammlung

Die Seniorenbegegnungsstätte Trachenberge ist die älteste Dresdens. Seit einem Jahr weht dort ein neuer Wind.

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© André Wirsig

Von Kathrin Kupka-Hahn

Kaffeetrinken ist hier Nebensache, obwohl ausreichend Kannen dafür vorhanden sind. Die rund 25 Gefäße, hergestellt unter anderem in Kahla, Colditz und Ilmenau, gehören zu einer Sammlung in der Volkssolidarität-Begegnungsstätte Trachenberge. Die Senioren haben sie im Lauf der Jahre zusammengetragen. Keine wertvollen Stücke, dafür aber Schätze mit Geschichte. Normalerweise stehen die Kannen etwas abseits in einer Vitrine im großen Saal. Doch da auch diese einmal entstaubt werden muss, durften die kostbaren Gefäße ausnahmsweise ihren angestammten Platz verlassen.

Bei den Senioren löst der Vitrinenputz sofort Freude aus. „So eine Ähnliche aus Weimar habe ich auch in meinem Wohnzimmerschrank. Die muss ich unbedingt mitbringen“, sagt Sonja Schmidt. Die 79-Jährige kommt, seitdem ihr Mann und ihre Mutter vor eineinhalb Jahren verstorben sind, regelmäßig in die Begegnungsstätte auf der Trachenberger Straße 6. Neu ist ihr der Treff jedoch nicht. Sie war früher viel mit ihrer Mutter hier. „Schon damals gab es einen guten Zusammenhalt“, sagt Schmidt. Am liebsten sind der ehemaligen Lehrerin die Nachmittage im Lesecafé. Das hat Birgit Claus, die Leiterin der Einrichtung, vor etwa einem Jahr eingeführt.

Rund 15 Senioren treffen sich dafür einmal im Monat und beschäftigen sich mit einem Schriftsteller oder anderen Künstler, lesen Auszüge aus seinen Werken und aus seiner Biografie vor. Doch die Texte und Beiträge sucht nicht etwa Birgit Claus heraus. „Das müssen die Senioren schon selber tun“, sagt die Sozialpädagogin. Und genau das gefällt Sonja Schmidt. Sobald das Thema des nächsten Treffs feststeht, machen sie und ihre Mitstreiter sich auf den Weg und suchen Informationen, forschen in Bibliotheken und Archiven. Zuletzt galt die Aufmerksamkeit dem Schriftsteller Theodor Storm. „Da ich nur wusste, dass er den Schimmelreiter geschrieben hat, bin ich zu meiner Tochter und habe mir was aus dem Internet suchen lassen“, erklärt Sonja Schmitt. Birgit Claus freut es, dass ihr Lesecafé so gut angenommen wird. „Wichtig ist dabei, dass die Senioren selbst aktiv werden und sich mit Dingen befassen, die nicht zu ihrem Alltag gehören.“ Aber nicht alle Besucher der Begegnungsstätte sind noch so geistig und körperlich fit.

Zwischen 700 und 800 Senioren besuchen den Treff der Volkssolidarität jeden Monat. Die 60- bis 90-Jährigen nehmen an Gymnastik- und Computerkursen, an den Tanznachmittagen, an Konzerten oder an den verschiedenen Kaffeenachmittagen teil. Stärker gefragt sind aber auch die Beratungen. „Die meisten Rentner brauchen Hilfe bei Anträgen, bei Bescheiden von Ämtern oder wenn es um die Pflege geht“, erklärt Claus. Viele Senioren kommen auch regelmäßig zum Essen auf die Trachenberger Straße. Damit sie nicht alleine zu Hause sitzen müssen. Außerdem gibt das ihrem Tag Struktur.

Die Versorgung von Bedürftigen mit Essen war der ursprüngliche Zweck der Volkssolidarität, die sich aus den Suppenküchen der Nachkriegszeit entwickelt hat. 1958 wurde das Haus auf der Trachenberger Straße von dem Verband übernommen. „Damals wurde es noch als Veteranenclubheim bezeichnet“, so Claus. Seither ist es der Seniorentreff schlechthin und auch der älteste in Dresden.

Im vergangenen Jahr hat Birgit Claus die Leitung übernommen und auch gleich die ersten Bewährungsproben bestehen müssen, wie etwa die Feierlichkeiten zum 55-jährigen Bestehen. „Die Feste sollten ausgerechnet in der Woche, als das Junihochwasser Dresden in Atem hielt, gefeiert werden“, erzählt sie. Doch sämtliche Veranstaltungen konnten stattfinden und waren gut besucht. Auch die im Gebäude untergebrachten Evakuierten aus dem Konkordienhaus fühlten sich wohl.

Nun hofft Birgit Claus auf ein ruhigeres Jahr. Sie möchte die Senioren noch intensiver in die Planungen der Veranstaltungen einbeziehen. Dafür gibt es den Clubrat. „Die Leute sollen mitentscheiden dürfen. Manche müssen es noch lernen“, sagt sie. Auch ein neues Angebot wird es ab Februar geben – das Klatsch- und Tratschfrühstück. Dazu sollen Autoren eingeladen werden, die aus ihren Werken vorlesen. Die Senioren können dann in launiger Runde darüber diskutieren. Sonja Schmidt hat ihr Kommen bereits angekündigt. „Aber nur, wenn es nicht vor zehn Uhr morgens stattfindet“, sagt sie mit einem Schmunzeln.