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Mehr Arbeitslose: So trifft Corona die Oberlausitz

Innerhalb weniger Tage hat sich bei der Arbeitsagentur in Bautzen die Zahl der Anrufe verzehnfacht - das Vorzeichen einer Krise.

Die Arbeitsagentur in Bautzen ist derzeit für den Besucherverkehr gesperrt. Dennoch haben die Mitarbeiter deutlich mehr als sonst zu tun.
Die Arbeitsagentur in Bautzen ist derzeit für den Besucherverkehr gesperrt. Dennoch haben die Mitarbeiter deutlich mehr als sonst zu tun. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Der bisher schlimmste März datiert aus dem Jahr 2003. Damals berichtete die Arbeitsagentur Bautzen von 77.731 Oberlausitzern ohne Job. Seitdem ging die Zahl stetig nach unten. Im März 2019 waren in den Landkreisen Bautzen und Görlitz noch 19.468 Menschen arbeitslos gemeldet. Weniger als 20.000 hatten in einem März seit 1990 noch nie in der Statistik gestanden.

Und im Corona-März 2020? Die genauen Zahlen verkündet die Arbeitsagentur zwar erst am 31. des Monats, aber Sprecherin Dana Kostroa baut schon mal vor: „Wir gehen von großen Auswirkungen aus – insbesondere auf Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld.“ Vor allem bei Kurzarbeit dürfte es einen gewaltigen Anstieg geben.

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Die Bundesregierung rechnet mit mehr als 2,3 Millionen Berufstätigen, die deutschlandweit in den nächsten Wochen nur noch verkürzt arbeiten.

Beziffern kann die Bautzener Agentur das noch nicht, zumal sich die Zahlen praktisch stündlich ändern. Denn in den jüngsten Wochen haben sich die Anrufe bei der Agentur verzehnfacht. Nicht erst seit Mittwoch, als der Besucherverkehr komplett eingestellt wurde und die Agentur nur noch über ihre Service-Nummern erreichbar ist. 

Stellen fallen weg

Sowohl Arbeitgeber als auch Beschäftigte rufen an. Erstere, um Personalabbau oder Kurzarbeit anzuzeigen. Letztere, um sich arbeitslos oder zumindest arbeitssuchend zu melden. Die wenigsten Anrufer dürften wohl freie Stellen melden. Das war vor Jahresfrist ganz anders. Im März 2019 signalisierten Arbeitgeber in den Landkreisen Bautzen und Görlitz Bedarf an 933 neuen Mitarbeitern. Insgesamt konnten die Jobvermittler der Bautzener Agentur damals auf 4.574 freie sozialversicherungspflichtige Jobs zurückgreifen.

Zu den Branchen mit den meisten freien Stellen gehörte seinerzeit der Handel. Nun gilt als sicher, dass im Handel, aber auch in der Gastronomie und im Hotelwesen Stellen wegfallen oder zumindest auf Kurzarbeit gesetzt werden. Denn alle Geschäfte, die keine Lebensmittel, Arzneien und andere täglich notwendige Waren verkaufen, bleiben vorerst geschlossen.

In der Arbeitsagentur hat die sprunghaft gestiegene Zahl der Anrufe inzwischen das Netz überlastet. „Wir bitten darum, Anrufe auf Notfälle zu beschränken“, sagt deshalb Pressesprecherin Dana Kostroa. „Wir nutzen in der aktuellen Situation alle elektronischen und technischen Hilfsmittel, um mit unseren Kunden sowie Partnern in Verbindung zu bleiben. Alle Kundenanliegen werden bedient.“ Die Agentur unternehme „alles Notwendige“, um die Geldleistungen sicherzustellen.

Forscher wagen Prognose

Auf den steigenden Beratungsbedarf sei die Agentur vorbereitet, versichert die Sprecherin. Wenn nötig, würden andere Arbeiten zurückgestellt. Zudem würden sich die verschiedenen Bereiche der Arbeitsagentur personell gegenseitig unterstützen. Dafür gebe es Notfallkonzepte, die dann zur Anwendung kommen.

Um diese Konzepte mit den Mitarbeitern durchzugehen, hastet die amtierende Agenturchefin Ilona Winge-Paul in diesen Tagen von einer Beratung zur anderen. Auch sie wird erst am 31. März Zeit finden, die aktuellen Zahlen zu bewerten. Zahlen, die derzeit noch keiner kennt. Aber so niedrig wie im März 2019 werden sie nicht mehr liegen. So hoch wie im März 2003 hoffentlich auch nicht.

Der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber rechnet schon mit steigender Erwerbslosigkeit und hohen Kurzarbeiter-Zahlen in Deutschland. Dies sei nicht mehr zu verhindern, sagte der Experte des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) jetzt vor Journalisten.

„Bei monatelangen Einschränkungen kann es schlimm kommen – das Risiko liegt auf dem Tisch“, so Weber. Konkrete Zahlen nennt auch er vorerst nicht. Das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit (BA) will in den nächsten Tagen eine Prognose vorlegen.

Nachbarland legt vor

Weber zufolge war der deutsche Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren „in guter Form“ und habe lange konjunkturellen Schwankungen widerstehen können. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt in der Oberlausitz, den die Agentur in den jüngsten Jahren wiederholt als „robust“ bezeichnete.

Diese Robustheit zahlt sich jetzt aus, sonst würden die Arbeitslosen- und Kurzarbeiterzahlen noch drastischer nach oben schnellen. Je länger die Coronakrise andauere, desto stärker würden jedoch die Arbeitgeber unter Druck geraten. „Weltweit fallen Wirtschaftstätigkeiten zeitweise komplett aus“, warnt Weber.

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Während die Arbeitsagenturen in Deutschland vor dem 31. März keine konkreten Zahlen nennen werden, hat das Nachbarland Österreich vorgelegt. Die dortige Arbeitsverwaltung berichtet von fast 49.000 neuen Erwerbslosen. Davon kämen rund 20.000 aus Beherbergung und Gastronomie, 4.500 vom Bau und 3.900 aus dem Bereich Zeitarbeit. Neben bisher Beschäftigten, von denen sich die Unternehmen nun trennten, kämen noch Personen dazu, die ihre Arbeit nicht wie geplant aufnehmen können. 

Die Arbeitsagentur hat eine zusätzlich lokale Hotline eingerichtet: Telefon 03591 662222

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