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Mehr Geld, mehr Bildung, früher in Rente

Die IG Metall hatte Freitagvormittag zum Warnstreik bei Bombardier aufgerufen. Allerdings nahmen weniger Arbeiter teil als erhofft.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ingo Kramer

Großes Glück kann so klein sein

Hellwach oder im lieblichen Schlummer zeigen sich die süßen Babys. In unserer Themenwelt Stars im Strampler gibt es den Nachwuchs zu sehen.

Die fünf, sechs jungen Männer sind guter Dinge. Fröhlich plaudernd schlendern sie am Freitagvormittag, sieben Minuten vor neun, als Erste durch das Bombardier-Werkstor nach draußen. Und entdecken den Kaffee- und Teestand, den die Catering-Firma Dussmann auf der Wiese schräg gegenüber aufgebaut hat. Die Arbeiter lassen sich nicht lange bitten. Bevor sich die Wiese mit Kollegen füllt, lassen sie sich die warmen Getränke schmecken.

Auch Uwe Garbe ist gut gelaunt. Der Gewerkschaftssekretär der IG Metall Bautzen gehört zu den Initiatoren des Warnstreiks, bei dem die Bombardier-Arbeiter aufgerufen sind, ihre Arbeit für eine halbe oder dreiviertel Stunde niederzulegen. „500 bis 600 Leute werden hoffentlich teilnehmen“, sagt Garbe. Nebenan dudelt Musik aus dem Lautsprecher und die Wiese gegenüber füllt sich mit Waggonbauern. Die IG Metall verteilt Fahnen, Plakate, Schals und natürlich Trillerpfeifen. Nur ein handgeschriebenes Schild fällt zwischen den durchgestylten Bannern auf. „Altersteilzeit“, hat jemand darauf geschrieben.

Warum das Wort wichtig ist, wird Anne Karl, Sekretärin der Bezirksleitung Berlin-Brandenburg-Sachsen der IG Metall, später noch berichten. Erst einmal hat der hiesige Betriebsratsvorsitzende Volker Schaar-schmidt das Wort. Nach SZ-Zählungen haben sich jetzt 250 bis 300 Kollegen auf der Wiese eingefunden – halb so viele, wie von Garbe erhofft. So ein Warnstreik, erklärt Schaarschmidt, sei aus Arbeitgebersicht ein unnötiges Ritual. Man könne doch über alles verhandeln, heiße es da immer. Er selbst sieht das anders. Und freut sich, dass die IG Metall am 12. Februar einen bundesweiten Aktionstag an allen deutschen Bombardier-Standorten plant. „Bitte bringt dann noch weitere Leute im Schlepptau mit, damit wir zeigen können, dass wir hinter den Forderungen der IG Metall stehen“, ruft Schaarschmidt den Kollegen zu. Auch er hatte am Freitag offenbar auf eine größere Beteiligung gehofft.

Die drei Kernforderungen der IG Metall erläutert anschließend Anne Karl. 5,5 Prozent mehr Lohn zum Beispiel. Bei der ersten Verhandlungsrunde am Donnerstag hätten die Arbeitgeber 2,2 Prozent angeboten. „Das ist weniger, als manche Institute als Inflation voraussagen“, ruft sie. Im Januar lag die jährliche Inflationsrate bei minus 0,3 Prozent. Doch genauso bedeutsam seien die anderen Forderungen. 92 Prozent der befragten Beschäftigten hätten vor Beginn der Tarifrunde angegeben, dass es ihnen wichtig ist, früher aus dem Berufsleben auszuscheiden. „Die Arbeitgeber hingegen wollen die Altersteilzeit um die Hälfte verkürzen“, sagt Anne Karl. Das sei eine Provokation. Und schließlich die Bildungsteilzeit. 70 Prozent hätten angegeben, dass ihnen Bildung wichtig ist. „Sie sind bereit, sich dafür zu engagieren – und das sollte belohnt werden“, ruft sie der trillernden Menge zu. Und sie versichert, für alle drei Punkte zu kämpfen: „Unsere Forderungen sind angemessen und gut durchdacht, keinesfalls realitätsfern oder ungerecht.“

Uwe Garbe erklärt hinterher, dass die 5,5 Prozent ein vernünftiger Mittelweg seien aus den weitaus höheren Forderungen der Leipziger Automobilbauer und den niedrigeren Ansprüchen etwa bei Bombardier Bautzen, wo die Auslastung derzeit nicht rosig aussieht. „Tarifforderungen und Auslastung muss man einfach trennen“, sagt Garbe. Er schließt sich der SZ-Zählung nicht an, sondern sagt, dass sich 420 Waggonbauer am Warnstreik beteiligt haben. Er sei sehr zufrieden, weil die Kollegen diesmal aus dem Betrieb heraus auf die Straße getreten sind: „Wenn man rausgeht, zeigt das die innere Stimmung.“

Kurz nach halb zehn gehen alle zurück an die Arbeit, die IG Metall räumt die Fahnen wieder ein und die Kollegen von Dussmann bauen den Kaffee- und Teestand ab. Am 12. Februar werden sie vielleicht wieder hier draußen stehen. Einen Tag später ist laut Anne Karl die zweite Verhandlungsrunde geplant: „Da werden wir vorher noch mal Druck machen und zeigen, dass unsere Forderungen kein Scherz sind.“

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