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Mehr Herz- und Krebstote wegen Corona befürchtet

Eine Befragung unter Ärzten und Kliniken zeigt: Aus Angst vor einer Infektion gehen selbst Schwerkranke in Sachsen seltener zur Untersuchung.

Ärzte in Sachsen berichten, dass viele Patienten ihre Vorsorgeuntersuchungen verschoben haben. Auch wurden weniger Menschen mit Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht.
Ärzte in Sachsen berichten, dass viele Patienten ihre Vorsorgeuntersuchungen verschoben haben. Auch wurden weniger Menschen mit Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht. © dpa

Dresden. Etwa 300.000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen Herzinfarkt – 50.000 sterben daran. Damit der Infarkt nicht lebensbedrohlich wird, muss schnell gehandelt werden. Doch nach einer Analyse der DAK unter ihren Versicherten sind im März 25 Prozent weniger Menschen wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus eingeliefert worden als im gleichen Monat 2019 und 2018. Die Krankenkasse fürchtet, dass Patienten mit Herzinfarktsymptomen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht den Notruf wählen.

Professor Stefan G. Spitzer, Chef der Praxisklinik für Herz und Gefäße, macht ähnliche Erfahrungen. „In unserer Praxis wurden im März 30 Prozent weniger Infarkte diagnostiziert, bei Kollegen bis 50 Prozent.“ Auch mit Herzrhythmusstörungen oder verengten Gefäßen gingen Patienten derzeit seltener zum Arzt. Verschleppte Herz- und Gefäßerkrankungen hätten aber Herzschwäche zur Folge, die sich erst nach Jahren zeige. Zudem könnten Fälle von plötzlichem Herztod steigen.

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Auch Diabetologen bleiben Patienten weg. „Schlecht eingestellte Diabeteserkrankungen können Nierenschäden, Herzinfarkt oder Schlaganfall zur Folge haben“, sagt der Chef der Deutschen Diabetesgesellschaft in Sachsen, Dr. Tobias Wiesner.

Vorsorgeuntersuchungen abgesagt

Sachsens Onkologen wiederum fürchten eine Welle zu spät diagnostizierter Krebserkrankungen. „Die Hälfte unserer Patienten hat ihre Termine für Abklärungsuntersuchungen und Hautkrebsoperationen abgesagt oder auf Herbst verschoben“, sagt Professor Stefan Beissert, Direktor der Uni-Hautklinik Dresden. Selbst auf die Entfernung des gefährlichen Schwarzen Hautkrebs hätten Patienten aus Angst vor Corona verzichtet. „Das ist tragisch“, so Beissert, „denn beim Melanom entscheiden nur wenige Millimeter Größenwachstum über die Überlebenszeit der Patienten.“

Mit Sorge sieht auch die Direktorin der Dresdner Uni-Frauenklinik, Professorin Pauline Wimberger, dass bei niedergelassenen Kollegen Untersuchungen auf Brust- und Gebärmutterhalskrebs verschoben werden. Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping bittet die Bevölkerung, medizinische Behandlungen weder im Krankenhaus noch ambulant aufzuschieben. „In allen Kliniken, Arzt- und Zahnarztpraxen werden höchste hygienische Standards eingehalten“, so die Ministerin.

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Der Chef des Hartmannbundes Sachsen, Dr. Thomas Lipp, sieht in den gesunkenen Behandlungszahlen aber auch ein Zeichen für Überdiagnostik und Übertherapie. „Bei uns werden Normabweichungen und keine Krankheiten behandelt“, sagt er. Das Gesundheitswesen pathologisiere den Menschen. Das müsse man kritisch prüfen.

Aktuelle Informationen rund um das Coronavirus in Sachsen, Deutschland und der Welt lesen Sie in unserem Newsblog.

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