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Hier können die Döbelner ab Juli sparen

Die meisten Händler in der Region ziehen bei der Senkung der Mehrwertsteuer als Reaktion auf die Corona-Krise mit. Doch der Aufwand dafür ist immens.

Viele Döbelner Händler haben schon jetzt die Preise reduziert. Die Senkung der Mehrwertsteuer um drei Prozent wollen auch die meisten an ihre Kunden weitergeben, wie eine Umfrage von Sächsische.de ergab.
Viele Döbelner Händler haben schon jetzt die Preise reduziert. Die Senkung der Mehrwertsteuer um drei Prozent wollen auch die meisten an ihre Kunden weitergeben, wie eine Umfrage von Sächsische.de ergab. © Norbert Millauer

Mittelsachsen. Die Küche, die Jeans, der Fernseher – und das alles knapp drei Prozent günstiger. So will es die Bundesregierung ab 1. Juli. Und so werden es die meisten Döbelner Händler auch an ihre Kunden weitergeben, wie eine Umfrage von Sächsische.de ergeben hat. Doch das, was die Wirtschaft eigentlich ankurbeln sollte, ist eine Herausforderung für die Händler vor Ort.

Denn der Aufwand für die Senkung der Mehrwertsteuer ist immens, die Zeit bis zur Umstellung kurz und der Nutzen fraglich – das ist der Tenor derjenigen, die Sächsische.de befragt hat. Die befristete Mehrwertsteuer-Absenkung ist für die Wirtschaft mit einem erheblichen Mehraufwand an Zeit und Kosten verbunden. Dies betrifft durchgängig alle Unternehmen, zum Beispiel auch das produzierende Gewerbe oder die Dienstleistungswirtschaft“, sagt Dr. Annette Schwandtke, die Geschäftsführerin der Regionalkammer Mittelsachsen der IHK Chemnitz.

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Schließlich müssen durch Buchhaltungssystem gleich zweimal innerhalb eines Jahres umgestellt werden. „Lieferungen und Leistungen, die im zweiten Halbjahr 2020 erbracht werden, müssen zeitlich abgegrenzt und mit dem niedrigeren Steuersatz berechnet werden. Dies ist in vielen Fällen verbunden mit zum Beispiel . vertraglichen Änderungen, zusätzlichen Vereinbarungen oder Rechnungskorrekturen“, führt Schwandtke auf.

Systeme müssen umgestellt werden

„Sämtliche Kassen- und Rechnungssysteme müssen umgestellt werden. Und am Jahresende geht es erneut in die andere Richtung“, bestätigt Holger Wetzel, Sprecher der Porta Unternehmensgruppe, zu der SB Möbel gehört, die auch in Döbeln einen Standort haben.

Die Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 16 Prozent werde eins zu eins an die Kunden weitergegeben. Zum Teil würden die Produkte mit neuen Preisschildern versehen, sagt Wetzel. „Die günstigen Preise werden für den Kunden ersichtlich sein.“ Doch der Aufwand der Umstellung sei enorm. Zehn Tage lang würde diese dauern.

Kleinen Händler nicht gefragt

Grit Neumann, die Vorsitzende des Döbelner Stadtwerberings, blickt noch weiter. Auch für die Steuerbüros entstehe durch die Änderung ein erheblicher Mehraufwand. Am Ende werde sich die Aktion kaum rechnen, befürchtet Neumann.

Sie kritisiert, dass die Senkung der Mehrwertsteuer von oben herab entschieden worden sei, ohne im Vorfeld mit den Handwerkskammern, der Industrie- und Handelskammer (IHK) oder den Händlern und Handwerkern an sich gesprochen zu haben. Mit der Systemumstellung hat die Betreiberin des City Haarstudio in Döbeln einen eher geringen Aufwand.

Doch das ist längst nicht überall so. Manche Systeme lassen sich über Fernwartung ändern, für andere muss ein Spezialist vor Ort kommen, um die Systeme umstellen. Hier entstehen nicht nur extra Kosten für den Händler. Fraglich ist auch, ob die Umstellung fristgerecht bis zum 1. Juli erfolgen kann. Denn die Kapazitäten der Dienstleister sind ebenfalls begrenzt.

Bei Neuwagen fällt Steuer ganz weg

Im Autohaus Köhler in Waldheim sind die Rechnungs- und Kassensysteme schon umgestellt worden. Dies konnte hausintern geregelt werden, sagt Patrick Wien. „Zum Glück konnten wir das schon vorbereiten.“ Dennoch seien im Zuge der Steuersenkung viele Detailfragen zu klären, sagt der Werkstattleiter und Prokurist.

Die Autohersteller haben ebenfalls schon reagiert. Sowohl Opel als auch VW haben Programme aufgelegt, bei denen den Kunden die komplette Mehrwertsteuer beim Kauf eines Neuwagens erlassen wird. Für einen neuen Opel Astra Edition können das schon mal bis zu 3.500 Euro sein, die der Kunde spart. Ein gewisser Kaufanreiz besteht schon. „Der Grundgedanke ist ja nicht schlecht. Die Leute schlagen bei großen Investitionen nun vielleicht eher zu“, sagt Patrick Wien.

Auch Matthias Eismann, Niederlassungsleiter vom Autohaus Mäke in Waldheim geht davon aus, dass es einen Mitnahmeeffekt geben wird. Bis Ende September gewährt VW den Nachlass der Mehrwertsteuer. Inwiefern dass das Geschäft belebe, sei aber Kaffeesatzleserei. „Da spielen viele Faktoren eine Rolle“, meint Eismann.

Symbolbild: Ab Juli soll der Standard-Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent auf 16 Prozent, der ermäßigte Satz von 7 Prozent auf 5 Prozent gesenkt werden. Doch nicht alle geben die Senkung an den Kunden weiter.
Symbolbild: Ab Juli soll der Standard-Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent auf 16 Prozent, der ermäßigte Satz von 7 Prozent auf 5 Prozent gesenkt werden. Doch nicht alle geben die Senkung an den Kunden weiter. © dpa/Oliver Berg

Abzug an der Kasse

Vor allem bei größeren Investitionen gebe es schon einen Kaufanreiz, sagt auch Torsten Hamann, Vorstand der RHG Raiffeisengenossenschaft. Zugleich befürchtet er jedoch, dass die Leute ihre Käufe nur vorziehen, das Problem sich demnach nur verschiebt. Zum 1. Juli werden auch bei der RHG die Preise sinken.

Abgezogen wird der Nachlass an der Kasse. Eine Neugestaltung der Preisauszeichnung, wie es sie zum Beispiel seit Montag beim Discounter Lidl gibt, soll es nicht geben. „Wir kommunizieren die Änderung in der Werbung sowie im Markt“, sagt Hamann.

Die systemtechnischen Voraussetzungen seien bereits geschaffen worden. Ob der Aufwand allerdings für das halbe Jahr gerechtfertigt sei, bezweifelt der RHG-Vorstand. Zugleich sei für ihn kaum vorstellbar, dass Unternehmen die Senkung nicht weitergeben beziehungsweise im Vorfeld die Preise anheben. „Den Imageschaden kann sich derzeit keiner leisten. Das Thema ist so sensibel, da glaube ich nicht, dass sich da jemand dran bereichern wird.“

Schon jetzt sparen können die Kunden im Kauf- sowie im Möbelhaus von Henwi in Döbeln. „Wir haben schon jetzt eine 20-Prozent-Aktion, die bis zum 2. Juli laufen wird“, sagt Henwi-Chef Ralf Hensgens. Hintergrund sei, der Kaufzurückhaltung zu entgehen, die bis zum 1.Juli entsteht.

Mit jener hat derzeit Klaus Vester von Vepo Polster in Ostrau zu kämpfen. „Bevor die Senkung bekanntwurde, haben wir gut verkauft. Danach gab es einen Abbruch. Viele warten jetzt bis zum 1. Juli“, berichtet der Geschäftsführer, der die Senkung der Mehrwertsteuer ebenfalls an seine Kunden weitergeben wird. 

Darauf zu verzichten, um das eigene Unternehmen mit den Mehreinnahmen zu stärken, stand für ihn nie zur Debatte. „Wir sind gut aufgestellt“, begründet Vester. Die Weitergabe der Steuersenkung tue der Firma nicht weh. Doch auch bei Vepo Polster sei der Aufwand, der deswegen betrieben werde, groß.

Buchhandel an Verlage gebunden

Wie sich die Senkung auf den Buchmarkt auswirken wird, kann Lisa Panke-Deutscher von der Döbelner Buchoase noch nicht absehen. Nur von einem Verlage sei diesbezüglich bisher eine Mail eingegangen. An deren Preise sei die Buchhandlung gebunden. „Ich denke, das wird bei uns nicht viel ausmachen“, sagt Lisa Panke-Deutscher.

Das Echo zur Steuersenkung ist geteilt. „Ob die Maßnahme die geplante Wirkung entfaltet, wird skeptisch gesehen. Die Kaufentscheidung für eine Tasche oder eine Hose wird kaum von der Absenkung der Mehrwertsteuer abhängig gemacht, sondern viel mehr, ob nach vier Monaten Kurzarbeitergeld und Unsicherheit, Geld für den Konsum im Portemonnaie ist.“

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