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„Mein Konto war nur ein einziges Mal sechs Euro im Minus“

Christel Haupt musste immer mit wenig Geld haushalten. Heute hat sie eine Rente von 818 Euro und träumt von einer Reise nach Griechenland.

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Auf dem Tisch steht Kaffee in geblümten Tassen und ein Teller mit Keksen. In der Küche tschilpt Wellensittich Hansi, neben dem Sofa liegt die aktuelle Zeitung, die die Rentnerin gleich noch fertig lesen will. Christel Haupt macht es sich gern gemütlich. Die Tage dürfen Rituale haben – aber bloß nicht zu viele. „Sonst wird man nur lethargisch“, sagt die 77-Jährige.

Auch deshalb ist Christel Haupt an vielen Nachmittagen für die Volkssolidarität unterwegs, organisiert ehrenamtlich Vorträge und Ausflüge. Leben kann und muss sie von dieser Aufgabe nicht. Sie bekommt eine Rente von 818 Euro und 13Euro Wohngeld. Christel Haupt ist geschieden und hat zwei Söhne.

Fühlen Sie sich arm oder reich?

Reich fühle ich mich nicht gerade. Ich würde sagen, ich liege etwas über der Armutsgrenze.

Wie verlief Ihr Berufsleben

bis zur Rente?

Ich war Lagerarbeiterin, erst im Großhandel Textil- und Bekleidung, später im Centrum Warenhaus. Ich habe nie ausgesetzt. Nur fünf Jahre habe ich mal halbtags gearbeitet, der Kinder zuliebe, weil sie Schwierigkeiten in der Schule hatten. Als 1989 die Wende kam, hieß es, wer in diesem Jahr 55 wird, muss in den Vorruhestand gehen. Eigentlich sollte man das freiwillig entscheiden. Man hat mich angesprochen und erst wollte ich nicht, aber die Chefs haben mich ziemlich unter Druck gesetzt. So bin ich doch in den Vorruhestand.

Sind Sie zufrieden

mit Ihrer Rente?

Die Rente entspricht wohl meinem Verdienst. Im Handel hat man ja weniger verdient als in der Produktion. Ich hatte immer 500 bis 600Mark brutto. Zum Sparen bin ich auch nicht groß gekommen, denn ich bin viermal in meinem Leben umgezogen. Da musste man sich immer mal etwas Neues anschaffen. Da passte die Auslegeware nicht mehr, man brauchte neue Gardinen und so weiter.

Hat Sie Ihr Rentenbescheid

überrascht?

Das kann man schon sagen. Als junger Mensch macht man sich ja keine Gedanken über die Rente. Das kam erst, als ich in den Vorruhestand ging. Etwas mehr hatte ich mir schon versprochen. Nicht unbedingt über 1000 Euro, aber 100 mehr wären schon schön gewesen. Zumal das Leben ja teurer wird. Bis ich 64 wurde, habe ich noch ein bisschen nebenbei gearbeitet. Als Zustellerin für Zeitschriften und als Hilfskraft für Haushalt und Kinderbetreuung. Da habe ich bei verschiedenen Familien geholfen, das war eine wahre Wonne und brachte auch ein paar Pfennige Geld. So etwas würde ich auch heute gern noch machen, aber ich habe nicht mehr so viel Zeit, weil ich an den meisten Nachmittagen ehrenamtlich bei der Volkssolidarität arbeite.

Worauf verzichten Sie?

Nachmittags gemütlich einmal einen Kaffee trinken gehen, das gibt es bei mir nicht. Bei Verabredungen mit Bekannten, die das gern machen, ist das manchmal schwierig. Die gehen dann lieber mit anderen weg. Karten für die Oper kann ich mir auch nicht leisten, nur für die Operette. Aber ich war jedes Jahr im Urlaub. Mit dem Reisebus eine Woche ins Ausland, das habe ich mir geleistet. Viel mehr geht nicht.

Haben Sie sich in Ihrem Leben häufig um Geld gesorgt?

Ich habe eigentlich immer wenig gehabt. Auch, weil ich geschieden war und mich allein um meine beiden Kinder gekümmert habe. Aber früher war manches einfacher, weil die Verlockungen nicht so stark waren. Man sieht heute mehr, das Angebot ist größer. Da muss man sich schon ein bisschen am Riemen reißen.

Was reizt Sie denn besonders?

Ich würde mir gern mal etwas Modernes, Flottes zum Anziehen kaufen. Es muss nicht super sein, aber eben ein bisschen was anderes. Wenn ich mir etwas kaufe, dann mal ein T-Shirt für fünf, sechs Euro. Etwas Billiges, das hält aber nicht ewig. Und das Wohnzimmer würde ich gern neu machen, das hat schon zwei, drei Umzüge hinter sich. Und ein neuer Computer wäre auch schön. Den alten hat eine Firma aussortiert, mein Sohn hat ihn mir vor sieben Jahren mitgebracht.

Wofür geben Sie das meiste

Geld im Monat aus?

360 Euro für die Miete. Dann kommen noch Versicherungen dazu und alles, was man sonst zum täglichen Leben braucht. Und ich habe Zeitungs-Abos, die würde ich nicht einfach so aufgeben.

Sparen Sie bei Lebensmitteln?

Beim Essen bin ich bescheiden. Und ich weiß, wo ich zum Einkaufen hingehen muss. Freitags bin ich zum Beispiel immer auf dem Wochenmarkt auf der Lingnerallee. Da habe ich meine Lieblingsstände. Bei einem Händler gibt es das Kilo Äpfel für einen Euro. Da weiß ich, die kommen nicht aus China und sind trotzdem billig und gut.

Was war die größte Summe,

die Sie je besessen haben?

Einmal habe ich im Lotto gewonnen. Das war genau in dem Monat, in dem es die letzte D-Mark gab. Da hatte ich plötzlich 3000 oder 4000Mark. Davon habe ich die Küche gekauft. Meine Jungs hatten außerdem noch kleine Schulden bei mir, die habe ich ihnen erlassen.

Gibt es einen Wunsch,

den Sie sich noch nicht

erfüllen konnten?

Eine Reise nach Griechenland, davon träume ich schon seit meiner Kindheit. Vom antiken Griechenland habe ich immer in Büchern gelesen. Zu DDR-Zeiten durfte da niemand hin, da war es leichter. Jetzt ist es möglich, aber ich kann es mir nicht leisten. Aber vielleicht gewinne ich ja noch mal im Lotto. Ich bin auch noch nie richtig geflogen. Zu meinem 70. Geburtstag haben die Kinder zusammengelegt und mir einen Rundflug über Dresden geschenkt, damit ich überhaupt mal in ein Flugzeug steige. So etwas wäre noch mal schön. Aber sonst fehlt mir eigentlich nichts.

Waren Sie in Ihrem Leben

jemals unglücklich, weil

Sie wenig Geld hatten?

Unglücklich nicht, denn ich bin es nicht anders gewohnt. Ich hatte eben immer wenig Geld.

Denken Sie, dass sich die

Leute heute mehr Sorgen

um Geld machen?

Ja, vor allem die Leute, die eigentlich genug Geld haben, machen sich Sorgen und versuchen zu tricksen. Die Menschen können nicht genug bekommen. Manchmal wäre es gut, wenn diese Leute mal vier Wochen von dem Geld leben, das ein normaler Rentner hat.

Wofür würden Sie nie

Geld ausgeben?

Für Zigaretten oder Drogen würde ich keinen Pfennig hergeben, auch wenn ich noch so viel hätte.

Haben Sie je Schulden gehabt?

Ich mache keine Schulden. Mein Konto war nur ein einziges Mal sechs Euro im Minus, da habe ich nicht genau gerechnet. Einen großen Kredit habe ich noch nie gehabt, allerdings habe ich immer mal Sachen auf Raten gekauft, ein Stuben-Buffet zum Beispiel. Demnächst kommt auch wieder eine größere Sache, denn ich brauche zwei neue Hörgeräte. Die Krankenkasse gibt etwas dazu, den Rest muss man selbst zahlen. Das letzte Mal vor fünf Jahren hat mich das jeweils 500 Euro gekostet. Die Summe musste ich beim Hörgeräte-Laden auf Raten zahlen, sonst hätte ich das nicht machen können.

Machen Sie sich Gedanken

über die Renten der nächsten

Generationen?

Mein ältester Sohn hat sich das vor ein paar Jahren mal ausrechnen lassen, damals wäre er auf 500 Euro gekommen. Und zu meinen Enkeln sage ich immer: Ihr braucht euch noch gar keinen Kopf machen. Entweder ihr bekommt mal Tausende oder gar nichts mehr. Das ändert sich doch schnell in der Politik.

Gespräch: Doreen Reinhard