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„Mein Kopf stand mir im Weg“

Camilla Weitzel wollte schon aufgeben. Doch nun ist ihre Lust auf Volleyball noch größer. Die 17-Jährige führt die VCO-Talente in die Zweitligasaison – und soll bald Profi werden.

© Robert Michael

Von Alexander Hiller

Es gibt nicht wenige Experten der deutschen Volleyball-Szene, die prophezeien der Wahl-Dresdnerin Camilla Weitzel eine großartige Zukunft – eine stringente Weiterentwicklung ihres Potenzials natürlich vorausgesetzt. Diese Vorhersage basiert auf mehreren Gründen. Weitzel besitzt mit 1,95 Meter Körperhöhe geradezu Idealmaß für ihre Position im Mittelblock. Zudem bescheinigen ihr die Trainer in Dresden eine schnelle Lernauffassung und gute technische Voraussetzungen.

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Tom Knobloch bleibt ein Eislöwe
Tom Knobloch bleibt ein Eislöwe

Das Personalkarussell bei den Eislöwen dreht sich weiter: Mit Tom Knobloch konnte ein weiterer Spieler in Dresden gehalten werden.

„Sie ist nicht nur groß, sondern technisch für ihr Alter sehr weit entwickelt. Sie besitzt außerordentlich koordinative Fähigkeiten, die es ihr ermöglichen, technische Abläufe schnell zu lernen“, sagt Alexander Waibl, Cheftrainer der DSC-Volleyballerinnen. Bei den Profis trainiert Weitzel, Kapitän der Ausbildungsmannschaft VC Olympia Dresden, seit den Sommerferien zweimal wöchentlich mit.

Dazu wäre es fast nicht gekommen. Die in Hamburg geborene und im südpfälzischen Landau aufgewachsene Blondine grübelte im Sommer, ob die persönlichen Investitionen in ihren Lieblingssport überhaupt noch Sinn machen. „Das hat sich so schleichend über die gesamte Saison gezogen. Ich kann nicht wirklich einen Auslöser dafür beschreiben“, sagt Weitzel.

Im Sommer 2016 wurde sie gleich von zwei deutschen Nachwuchsnationalteams in Anspruch genommen. „Ich hatte kaum Zeit für Zuhause, für meine Familie und für mich. Letzte Saison war ich vielleicht fünfmal zu Hause. Das war mir zu wenig. Ich habe überlegt, was andere Jugendliche in meinem Alter machen, wie viel Zeit die mit ihren Familien verbringen. Habe Für und Wider gegeneinander abgewogen – ob Volleyball mir wirklich so viel bedeutet“, erzählt die 17-Jährige. Sie gilt als nachdenklich und extrem selbstkritisch.

Für diese Entscheidung hat sich Weitzel sogar eine Pro-Contra-Liste angefertigt, wie bereits vor vier Jahren, als sie sich für den Bundesstützpunkt Dresden entschied. Diesen Zettel von damals fand sie im Sommer wieder. „Das war sehr interessant“, sagt sie lächelnd. Sie nahm sich Zeit, Vor- und Nachteile abzuwägen. Für diesen Prozess klinkte sich Weitzel im Sommer aus, verzichtete sogar auf die U-18-Weltmeisterschaft in Argentinien. „Ich war sechs Wochen mit der Familie zusammen, konnte Kraft sammeln. Der Plan ging auf“, sagt sie und atmet tief durch. „Ich habe neue Motivation gefunden, rücke Volleyball noch mehr in den Mittelpunkt meines Lebens, will alles danach auszurichten.“

Klingt nach einer Entscheidung mit Haut und Haaren. Obwohl die Pro-Liste nicht länger war. „Die Gründe waren aber triftiger“, sagt Weitzel. „Ich habe vier Jahre meines Lebens in den Sport investiert und dabei viel Freude gehabt. Ich will noch viel erreichen – und dafür alles tun, was möglich ist“. Ihr Plan A heißt Profivolleyballerin. „Ein anderer Plan ist nicht in Sicht“.

Das klingt kaum mehr danach, dass das Talent kurz davor war, den Volleyball ganz beiseite zu legen. Dabei spielte der freiwillige Verzicht auf die Juniorinnen-WM in Argentinien offenbar eine sehr wichtige Rolle. „Für mich stand fest: Entweder spiele ich die WM, habe noch ein megageiles Erlebnis und höre danach auf, weil ich nicht mehr kann“, schildert die Elftklässlerin, „oder ich lasse diesen Höhepunkt weg – und habe zehn, fünfzehn weitere schöne Volleyballjahre vor mir“, sagt sie. Ohne Weitzel wurden die Deutschen Sechste.

„Mein Kopf“, sagt sie nachdenklich, „stand mir im Weg. Manchmal muss man sich davon einfach freispielen, alles um sich herum vergessen. Das ist der Zustand, den ich anstrebe“. Nicht denken, nur spielen. Instinktiv, intuitiv, kreativ. Weitzel kann das alles. Auch, weil sie weiß, dass ihre Eltern jede ihrer Entscheidungen mitgetragen hätten. Die Weitzels haben sich in Striesen vor drei Jahren eine Wohnung gekauft, um dort mindestens einmal pro Monat Zeit mit Camilla zu verbringen. Sie kann dort später einziehen, im Moment ist es für die Internatlerin ein Rückzugsort, „wenn ich mal Abstand brauche.“

Möglicherweise sucht sie den immer weniger. Ihre Führungsposition als Kapitän des Zweitliga-Teams des VCO Dresden macht sie stolz. „Ich probiere, für andere da zu sein, uns anzuführen. Mir war nicht klar, dass meine Mitspielerinnen das so schätzen“, sagt sie strahlend. Geschätzt wird sie für ihre Fertigkeiten auch von Alexander Waibl, der die junge Frau lieber heute als morgen in seinem Profiteam sähe. „Ich bin enorm zufrieden mit ihrer Entwicklung. Das macht sie richtig klasse bei uns im Training. Ich würde sie jederzeit in die Bundesliga hochziehen, wenn sie sich selbst bereit dazu fühlt“, erklärt der 49-Jährige. Die so Gelobte klingt da viel dezenter. „Ich will keinem zur Last fallen, mich an das schnellere Spiel gewöhnen und ganz viel von den erfahrenen Spielerinnen lernen. Es gibt da auch Einheiten, wo ich denke: Dass die mich überhaupt ertragen …“

VC Olympia Dresden – OffenburgSo., 14.00 Sportschulzentrum am Messering