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Mein Nachbar, der Amokfahrer

Recherchen am Heidenauer Wohnsitz des Attentäters von Münster und die Frage: Was wollte er in Sachsen?

© Daniel Schäfer

Von Jörg Stock und Daniel Förster

Fünfzehn Klingelknöpfe, fünfzehn Namensschildchen, schwarz auf weiß, so klar, so normal. Doch einer der Menschen, die an diesem Nachwendebau an Heidenaus Dresdner Straße angeschrieben sind, ist dafür verantwortlich, dass 560 Kilometer westlich, im westfälischen Münster, drei Leben ausgelöscht und mehr als zwanzig Menschen verletzt wurden. Es ist Jens R. gewesen, der Sonnabendnachmittag mit seinem Wagen in eine Menschenmenge fuhr und sich dann erschoss. Er war offenbar psychisch krank, soll sich verfolgt gefühlt, in einer Parallelwelt gelebt haben. War diese Welt hier? In Heidenau? Wer hat R.s Klingel gedrückt? Was tat er in dieser Wohnung, so weit weg von seiner Heimat Münster?

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In diesem Haus in der Dresdner Straße in Heidenau besaß Jens R. eine Wohnung ...
In diesem Haus in der Dresdner Straße in Heidenau besaß Jens R. eine Wohnung ... © Daniel Schäfer
... nebst Stellplatz für seinen VW Touran. Fotos: Daniel Schäfer
... nebst Stellplatz für seinen VW Touran. Fotos: Daniel Schäfer © Daniel Schäfer
Dass die tödliche Amokfahrt von Münster sein Werk war, kann sich in der Nachbarschaft niemand so richtig vorstellen.
Dass die tödliche Amokfahrt von Münster sein Werk war, kann sich in der Nachbarschaft niemand so richtig vorstellen. © Daniel Schäfer
Hier galt er – wenn er denn mal da war – als freundlicher Mitbürger.
Hier galt er – wenn er denn mal da war – als freundlicher Mitbürger. © Daniel Schäfer

Die Nachbarn könnten es wissen, denn R. soll die Wohnung in diesem Haus für längere Zeit genutzt haben, für anderthalb oder auch für zwei Jahre. Weiß Herr K. vielleicht was? Nein, er wisse nichts, sagt er kurz angebunden durch den Türlautsprecher. „Keine Auskunft.“ Der Nächste weiß gar nicht, worum es geht. „Nix deutsch!“ Alle übrigen Klingeln schweigen. Endlich öffnet ein Mann in weißen Klamotten. Aber das ist nur der Maler.

Zur Wohnung von Jens R. geht es aufwärts, durchs gelb getünchte Treppenhaus, glatter Stein, Edelstahl, und im Dachgeschoss den Gang hinunter bis ans Ende. Die Tür rechts ist am Schloss zersplittert, die Spur der Erstürmung durch sächsische Elitepolizisten. Zwei Siegel mit Polizeisternen drauf verwehren den Eintritt durch die schwer lädierte Pforte. Auf dem Fußabtreter steht groß und wie zum Trotz: „Zu Gast bei Freunden“.

Geklingelt wurde bei Jens R. in Heidenau wahrscheinlich äußerst selten. Nach allem, was man weiß, war der 48-jährige Industriedesigner, gebürtig im Sauerland, nur hin und wieder da. Nachbarn sahen ihn kaum. Die Wohnung war bis auf Tisch und Computer praktisch unmöbliert, heißt es. Es gab weder Gardinen an den Fenstern noch Blumen auf dem Balkon. Zu den wenigen, die R. aufsuchten, gehörte der Paketbote. Auch der traf ihn wiederholt nicht an. Die Pakete für ihn gab er, so ist es üblich im Haus, in einem Laden im Erdgeschoss ab, bei Geschenke-May.

„So oft war er ja nicht hier“, sagt Ladenchefin Monika May, auf Jens R. angesprochen. Aber ja, sie erinnert sich gut an ihn. „Er war ein sehr netter Mensch“, sagt sie. Wenn er mal eine Sendung zwei Tage nicht abgeholt hatte, da hat er sich entschuldigt, erzählt sie. Was das für Pakete waren, kann sie sich nicht denken. Jedenfalls waren es eher kleine Sendungen, nichts Besonderes. Von Leuten im Haus weiß sie, dass R. auch ihnen positiv in Erinnerung ist. Er sei gebildet gewesen, man habe sich gut mit ihm unterhalten können.

Dass die furchtbare Amokfahrt von Münster Jens R.s Werk sein soll, kann die Händlerin noch immer kaum fassen. „Das versteht man nicht, das kriegt man nicht auf die Reihe.“ Aber man steckt eben nicht drin in den Menschen, sagt sie. Wenn seine Psyche wirklich so kaputt war, dann hat er das offenbar gut kaschiert. Ihr ist jedenfalls nichts aufgefallen, sagt Frau May, keine komischen Sprüche, gar nichts.

So war die Nachbarschaft konsterniert, als Sonnabendnacht die Polizei mit einem Großaufgebot in ihrem Kiez anrückte. Seit dem späten Abend war das Haus observiert worden. Kurz vor Mitternacht umstellten die vermummten Elitepolizisten das Haus. Bewohner, die nach Hause oder in den Keller wollten, wurden vom Einsatzkommando abgefangen und zu ihren Wohnungen begleitet. Die Beamten, die Waffen schussbereit, hätten zunächst verdeckt agiert und seien bis zum Zugriff ziemlich leise gewesen, berichten Anwohner.

Zu den Augenzeugen gehören die hochbetagten Großmanns, Ursula, 90, und Helmut, 88 Jahre alt, die gegenüber vom Schauplatz in einem Bau aus den 1930ern wohnen. Ursula Großmann, die unter Schlafstörungen leidet, sieht nachts oft aus dem Fenster. In dieser Nacht sah sie „dunkle Gestalten“, die vor dem Haus auf der anderen Straßenseite hin und her liefen, auch mal am Briefkasten guckten, dann wieder Deckung hinter einem in der Nähe geparkten Lieferwagen suchten. Sie bekam Angst, vermutete Einbrecher und alarmierte ihren Mann. „Wir dachten, es wäre eine Bande“, sagt Helmut Großmann. Dass es sich um Polizisten handelte, sei nicht erkennbar gewesen. Um ein Haar hätten die beiden ihrerseits die Polizei gerufen.

Gegen 2 Uhr griff die Sondereinheit zu, rückten die vermummten Beamten mit einem Knall und Gepolter in die Wohnung ein. Doch niemand war zu Hause. Die Polizisten stellten zahlreiche Schriftstücke und anderes Material sicher. So sollen sie ein mehrseitiges Schreiben von Jens R. gefunden haben, das als Suizid-Ankündigung zu verstehen sei. Außer der Wohnung rückte auch der verstaubte VW Touran R.s in den Fokus der Ermittler, der in der Tiefgarage des Hauses, ausgerechnet auf dem Stellplatz mit er Unglückszahl 13, geparkt war. Nachbarn beobachteten, wie die Beamten die Kennzeichen des Autos abmontierten und mitnahmen. Der Wagen war offenbar seit Monaten nicht bewegt worden.

Wie lange Jens R. tatsächlich in Heidenau war, weiß keiner so genau. Ein Monteur, der einen Auftrag ausführen sollte, kann sich daran erinnern, vielleicht vor anderthalb oder zwei Jahren in der bewussten Wohnung gearbeitet zu haben. Nach seinen Angaben war die Wohnung zu diesem Zeitpunkt schon relativ leer, was möglicherweise als ein Zeichen für den Einzug eines neuen Mieters zu deuten wäre.

Die Adresse in Heidenau, so hatten die Ermittler beim Durchsuchen von R.s Wohnung in Münster festgestellt, war nicht der einzige Wohnsitz R.s in der Sächsischen Schweiz. Auch in Pirna, in der siebzehnten Etage eines Hochhauses im Stadtteil Sonnenstein, hatte er zeitweise gelebt. Die Staatsanwaltschaft Münster, die nach R.s Amokfahrt einen terroristischen Hintergrund nicht ausschloss, ordnete auch hier die Durchsuchung an. In tiefer Nacht, parallel zum Einsatz in Heidenau, setzte die Polizei zum Sturm an.

Das Bersten der Tür seiner kleinen Einraumwohnung riss Karl Hans-Joachim Kunze, 64, ehemaliger Vollmatrose und Sicherheitsmann, mitten aus dem Schlaf. Vier Beamte des Einsatzkommandos und zwei Frauen vom Landeskriminalamt standen in voller Montur mit Maschinenpistole vor dem Rentner. „Ich musste meine Hände auf den Rücken nehmen“, erzählt er, „dann haben sie mir Handschellen angelegt und mich vor die Tür gebracht.“

Zunächst war ihm völlig unklar, was die Ursache für den Aufruhr sein könnte. Kunze hatte die Wohnung etwa vor Jahresfrist von der Genossenschaft gemietet und wusste natürlich nicht, dass Jens R., der Amokfahrer von Münster, sein Vormieter gewesen war, der hier für einige Zeit seinen amtlich angemeldeten Nebenwohnsitz genommen hatte. „Dass er etwas mit der Wohnung zu tun gehabt hat, das konnte ja niemand ahnen“, sagt Kunze.

Etwa eine halbe Stunde durchstöberten die Beamten des Sonderkommandos Karl Kunzes Wohnung. Zum Schluss klärten sie den Überrumpelten darüber auf, wieso sie mit der Tür ins Haus gefallen waren, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Amokfahrt in Münster und Kunzes vier Wänden. Gefunden und mitgenommen haben sie von dort nichts. Karl Kunze blieben, als Andenken an seinen stürmischen Besuch, die Fragmente seines Türschlosses.