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Mein Papa, der säuft

Das Projekt „Fallschirm“ will Kindern suchtkranker Eltern helfen, mit ihrer Lebenssituation besser klarzukommen.

Von Jana Ulbrich

Sucht? Tom* weiß, was das ist. Klar weiß er das. „Das ist, wenn man immer säuft und nicht mehr aufhören kann“, erklärt der Zwölfjährige. „Dann ist man besoffen!“ Tom springt von seinem Stuhl auf, verdreht die Augen und torkelt durch den Raum. „So sieht das aus, wenn einer besoffen ist“. Tom kann das Torkeln perfekt nachahmen. Er erlebt das zu Hause. „Wisst Ihr, mein Papa, der säuft“, erklärt der Junge und schert sich kein bisschen um seine drastische Wortwahl.

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Paula*, die zuschaut, wie Tom da so schwankt, verzieht keine Miene. Auch wenn das womöglich ganz lustig aussieht, kann die Neunjährige über so etwas nicht lachen. Ein völlig betrunkener Vater, das ist auch ihr Bild vom Zuhause.

„Ist gut jetzt, Tom, setz Dich mal wieder!“ Aline Korbut bittet den Jungen freundlich, aber bestimmt auf seinen Stuhl zurück. Die Sozialarbeiterin leitet bei der Arbeiterwohlfahrt in Bautzen das Projekt „Fallschirm“. Jeden Montag- und jeden Dienstagnachmittag kommen Tom, Paula und noch ein paar andere Kinder zu ihr und ihrer Kollegin Martina Arndt. Sie kommen zum Spielen. Zum Plätzchenbacken. Vor allem aber kommen sie zum Reden.

Die Sieben- bis 14-Jährigen haben alle dasselbe Problem: Ihre Eltern sind suchtkrank und abhängig vom Alkohol, von Tabletten oder illegalen Drogen. Tom und Paula geht es da wie möglicherweise Hunderten Kindern im Kreis Bautzen. Wie viele Kinder und Jugendliche hier tatsächlich in Familien mit einem Suchtproblem leben, das weiß niemand so genau. In ganz Sachsen sollen es rund 7 000 sein. Aber die Dunkelziffer, vermutet Aline Korbut, die dürfte noch weitaus höher liegen.

Sie hat heute einen Alkomaten mitgebracht. Auch damit weiß Tom mit seinen zwölf Jahren schon etwas anzufangen. „Da muss man reinpusten und kann die Pullermille messen“, erklärt er den anderen wissend. Aline Korbut schmunzelt. Tom und die anderen pusten. Sie haben alle 0,0 Promille und freuen sich. Dann dürfen sie die großen Brillen aufsetzen, durch die sie ganz verschwommen sehen, und die ihnen so ungefähr das Gefühl vermitteln, wie das ist, wenn einer getrunken hat. Tom, der versucht, einen Schlüssel ins Schlüsselloch zu stecken, stochert ständig daneben. Paula, die einen Papierstern ausschneiden soll, schneidet Schlangenlinie. Und Laura*, die erst sechs Jahre alt ist, lacht sich kaputt. Sie versucht, Aline Korbut an der Nase zu fassen. Es gelingt erst beim dritten Versuch.

Für die Kinder in der Gruppe ist es neu, so offen und freimütig mit dem Thema umzugehen. Paula hat bisher noch nie jemandem erzählt, dass ihr Papa so oft trinkt. Sie schämt sich dafür und sie tut alles, dass möglichst niemand es merkt. Sie muss da schon sehr erwachsen sein manchmal mit ihren neun Jahren.

So wie Lukas*, der erst 13 ist. Lukas ist ein sehr zuverlässiger und verantwortungsvoller Junge. Viel zu ernst und viel zu verantwortungsbewusst für sein Alter. Wenn seine Mutter Drogen genommen hat, hat er sich eben um die jüngeren Geschwister gekümmert. Er hat sie morgens geweckt, hat ihnen zu Essen gemacht, wenn etwas zu Essen da war, hat etwas zu essen besorgt, wenn nichts mehr da war, hat die Wohnung aufgeräumt und den gröbsten Dreck weggewischt. Selber ist er dabei auf der Strecke geblieben. Irgendwann ist ihm die ganze Verantwortung über den Kopf gewachsen. Als er es nicht mehr geschafft hat, in die Schule zu gehen, ist endlich jemand aufmerksam geworden.

Jetzt, im Fallschirm-Projekt, hat er zum ersten Mal angefangen, über seine Lage zu reden. Und über seine Gefühle. Auch über ihre eigenen Gefühle zu sprechen, ist für die Kinder im Projekt eine ganz neue Erfahrung. Reden, sagt Aline Korbut, das ist der erste wichtige Schritt für die „vergessenen Kinder“, wie sie ihre Schützlinge nennt. Die Kinder Suchtkranker sind fast immer allein gelassen mit ihren Problemen, eben auch, weil sie sich von selbst niemandem anvertrauen, erklärt die 28-Jährige. Zudem sind die betroffenen Eltern meistens in dem Glauben, die Kinder würden von ihrem Suchtproblem gar nichts mitbekommen. Leider ein großer Irrtum, wie sich fast immer zeigt.

Heute will Aline Korbut den Kindern auch ihre Kollegin Susanne Hauffe vorstellen, die bei der Arbeiterwohlfahrt als Suchtberaterin arbeitet. „Kennen Sie meinen Papa?“, fragt Tom sie gleich. Susanne Hauffe erklärt ihm, dass Sie ihm das nicht sagen wird, weil sie jedem, der zu ihr kommt, zusichert, dass er anonym und unerkannt bleibt. Das ist sehr wichtig für ihre Arbeit. Tom ist zufrieden mit der Antwort. Er hat jetzt auch gar keine Lust mehr auf das Thema. Zurück im Gruppenraum haut er sich in den großen Sitzsack. Die Kinder können die Zeit im Fallschirm-Projekt auch mal ganz für sich nutzen. Paula hat ein Bild gemalt: einen Strand, blaues Wasser, ein Strichmännchen auf einem Badetuch, zwei Strichmännchen beim Ballspielen im Wasser – eine glückliche Familie im Urlaub. Was sie malt, macht sie glücklich. Die Kinder lernen in dem Projekt auch, Schutzmechanismen zu entwickeln und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Und sie dürfen hier ganz Kind und ganz unbeschwert sein. Nächste Woche wollen Aline Korbut und Martina Arndt mit ihnen ein Weihnachtsfest feiern. Im Frühjahr ist für alle ein Erlebniswochenende geplant. Die Stiftung Lichtblick wird beim Finanzieren helfen.

Die beiden Projektleiterinnen versuchen auch, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Paulas Papa holt das Mädchen heute ab. Er hat schöne Zweige zum Dekorieren für den Gruppenraum mitgebracht. Er hat nichts getrunken. Paula drückt ihn ganz fest.(*) Wir haben die Namen der Kinder geändert.