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Mein Schatz hat’s Grün so gern

Endlich kommt die Zeit für Frühlingslieder. Auch wenn manche davon jetzt sehr irritieren.

© plainpicture/Jessica Prautzsch

Keine andere Jahreszeit wird so viel besungen wie der Frühling. Fast 200 Lieder reimen grün auf blüh’n, Feld auf Welt und den männlichen Quell auf silberhell. Das fing im 13. Jahrhundert an. Doch die meisten dieser Lieder stammen aus dem 19. Jahrhundert. Damals entdeckten die Großstädter die Natur und den Picknickkorb. Die Damen legten ihren Brustpanzer ab, falteten die Unterröcke zusammen und drängten hinaus ins Freie. Wenn die Botanik aufbricht, will man dabei sein. In den Frühlingsliedern wird gejuchzt und gejubelt. Birkenzweige schwenken ihr Maiengrün. Goethe schickt eine junge Schäferin in den reinsten Frühlingsmorgen. Sie lässt sich von einem Flötisten küssen. Anderswo spielt ein Hirte auf seiner Schalmei einen dreistimmigen Kanon.

Wir würden ja gern mitdrängen und all die Blümlein bewundern, vor allem die meistbesungenen Veilchen auf grüner Heid und überall. Allein, man lässt uns nicht. Wer jetzt die alten und hochweisen Leute anspornt, es selbst zu versuchen im Frühtau zu Berge, der macht sich strafbar in dieser herrlichen Frühlingszeit. Außerdem brauchen die hochweisen Alten den Ansporn nicht. Sie waren noch nie so fit wie heute. Sie denken gar nicht daran, mit Sorgen zu Hause zu sitzen, wie der Dichter Emanuel Geibel um 1841 in seinem Lied „Der Mai ist gekommen“ vermutete. Dass die Bäume ausschlagen, hat noch keinen am Wandern gehindert, Risikogruppe hin oder her. Wohl dem, der die grüne Heid direkt vor der Tür hat, also outdoor. Der wird das absurd schöne Wetter nutzen. Die anderen müssen sich mit Ostergras aus der Konserve trösten. „Jetzt fängt das schöne Frühjahr an“, singt Peter Schreier.

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Als es noch richtige Winter gab

Aber das Volkslied ist sowieso nicht mehr das, was es mal war. Es ist nicht auf der Höhe der Zeit. Welcher Bauer spannt im Märzen die Rösslein an? Welcher Bauer freut sich über die Blümlein auf dem Feld in Weiß, Blau, Rot und Gelb, wenn er die Biomasse nicht subventioniert kriegt? Und welcher Bauer neigt zum fröhlichen Springen, wenn es von Mittag dauernd nur lau weht? Falls der Lenz uns grüßen will, dann sollte es hin und wieder auch tröpfeln. Regen aber ist in den klassischen Frühlingsliedern nicht vorgesehen.

Schnee schon. Offenbar gab es noch Winter. Deshalb darf Fritzchen nicht vor die Tür. Der Knabe spielt die überraschende Hauptrolle in einem der bekanntesten Frühlingslieder. Es beginnt mit der Zeile „Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün“. In der heute üblichen Fassung fehlt Fritz. Dabei passt er genau in die Zeit. Christian Adolf Overbeck hat ihn mehrfach in seine Gedichte geholt. Dieser Overbeck dichtete nicht nur, er machte Politik als Gesandter und als Bürgermeister von Lübeck. Ein poetischer Kopf wäre jeder Stadt herzlich zu wünschen. Für die Dresdner Overbeckstraße stand der Sohn Pate, ein damals berühmter Maler mit Namen Friedrich. Fritzchen war vor ihm da. Seine Eltern waren im Homeoffice sehr beschäftigt. Im Lied jedenfalls mault der Knabe. Er langweilt sich. Er bemitleidet sich. Er nennt sich einen Buben, der vor Ungeduld krank wird. Obendrein ist er angehalten, fleißig zu sein. Er soll Vokabeln lernen, dieses Wort verwendet er wirklich. Lernt er um 1776 mit Karteikärtchen? Viel lieber, sagt Fritz, würde er mit dem neuen Steckenpferd durch den Garten toben.

Doch da liegt noch der Schnee. Und Herumreiten in der Stube geht gar nicht. Der Grund lässt sich denken: „Im Zimmer ist’s zu enge, und stäubt auch gar zu viel.“ Jede Familie im Hausarrest kann das bestätigen. So viel Staub war nie. Die strenge Mama schilt aufs Kinderspiel. Das würden wir nie tun, nicht wahr?

Raritäten ins Lied geschmuggelt

Drei Jahre nach Overbeck druckte der Schriftsteller und Verleger Johann Heinrich Campe seine eigene Variation auf den Text, ohne Fritzchen und ohne Schimpfen, mit Blindekuh und Kartenspiel. Ein halbes Dutzend Komponisten vertonten den Text. Mozart setzte sich wie so oft durch.

Trotzdem steht auch dieses Lied quer zur Gegenwart. Bei Overbeck wie bei Campe wird der Mai gebeten, die Bäume grünen zu lassen. Am Bach sollen bitte die Veilchen blühen. So etwas findet heute im März statt, spätestens im April. Der Klimawandel schert sich nicht um das Volksliedgut. Das erklärt auch die ornithologische Fragwürdigkeit. Amsel, Drossel, Fink und Star sind schon da? Der Buchfink war nie weg. Die Amsel nur manchmal. Vorsichtige Liedermacher lassen sich gar nicht erst auf solche Details ein. Sie schwärmen von Vögelein ganz allgemein und von Waldvögeln im Besonderen. Die Frösche verstummen vor Lerchengesang. Lerche ist Pflicht. Kuckuck ist Pflicht. Nachtigall sowieso. Manchmal humpelt der Reim. So fern in jenem Tale, da singt Frau Nachtigalle … Das unterläuft selbst einem gewieften Dichter wie Hoffmann von Fallersleben. Er hat nicht nur auf den Klippen von Helgoland das Einheitslied der Deutschen verfasst. Er war auch unglaublich fleißig im Lenzbesingen. „So sei gegrüßt viel tausendmal, holder, holder Frühling“, „Der Winter ist vergangen“, „Trarira, bald ist der Frühling da“ oder „Kuckuck ruft’s aus dem Wald“, das ist alles von ihm. Er schafft es sogar, Raritäten wie Wiedehopf, Reiher und Strauß ins Lied zu schmuggeln, wenn der Frühling die Nachtigall zum Ball lädt.

Um die Tauben kümmert sich Georg Kreisler. Er fordert seinen Schatz auf, ins Grüne zu gehen, in den bunten Frühling hinaus: „Geh´mer Tauben vergiften im Park“. Aber bitte mit zwei Meter Abstand.

Frühlingslied

Der Frühling hat sich eingestellt;

Wohlan, wer will ihn sehn?

Der muss mit mir ins freie Feld,

Ins grüne Feld nun gehn.


Er hielt im Walde sich versteckt,

Dass niemand ihn mehr sah;

Ein Vöglein hat ihn aufgeweckt;

Jetzt ist er wieder da.


Jetzt ist der Frühling wieder da;

Ihm folgt, wohin er zieht,

Nur lauter Freude, fern und nah

Und lauter Spiel und Lied.


Und allen hat er, groß und klein,

Was Schönes mitgebracht,

Und sollt’s auch nur ein Sträußchen sein,

Er hat an uns gedacht.


Drum frisch hinaus ins freie Feld,

Ins grüne Feld hinaus!

Der Frühling hat sich eingestellt,

Wer bliebe da zu Haus?


Text: Heinrich Hoffmann von Fallersleben,

Melodie: Johann Friedrich Reichardt


So beginnen die schönsten Frühlingslieder

„Alle Vögel sind schon da, alle Vögel alle; Welch ein Singen, Musiziern, Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern!“

Text von Heinrich Hoffmann von Fallersleben nach einer niederösterreichischen Volksweise

„So sei gegrüßt viel tausendmal, holder, holder Frühling! Willkommen in unserm Tal, holder, holder Frühling!“

Text von Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Melodie von Robert Schumann

„Jetzt fängt das schöne Frühjahr an, und alles fängt zu blühen an auf grüner Heid und überall.“

Volkslied vom Niederrhein, um 1880

„Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus.“

Text von Emanuel Geibel, Melodie von Justus Wilhelm Lyra

„Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün, und lass uns an dem Bache,
die kleinen Veilchen blühn!“

Text von Christian Adolph Overbeck, verändert von Joachim Heinrich Campe, Melodie von Wolfgang Amadeus Mozart

„Frühlingszeit, Frühlingszeit, machst uns das Herz so weit! Frühlingszeit, Frühlingszeit, bringst und viel Freud!“

Böhmisches Volkslied in deutscher Nachdichtung von Franz Klein

„Nun will der Lenz uns grüßen, von Mittag weht es lau; aus allen Wiesen sprießen die Blumen rot und blau.“

Text von Karl Ströse nach einem Lied von Neithardt von Reuental aus dem 13. Jahrhundert, Melodie von Gustav Weber nach dem Geusenlied „Wilhelm von Nassauen“

„Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute, klinge, kleines Frühlingslied, kling hinaus ins Weite.“

Text von Heinrich Heine, Melodie von Felix Mendelssohn Bartholdy

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