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Mein Weg als Sterbebegleiterin

Sie war Miss Germany, doch ihr Glück hat sie woanders gefunden - im Hospiz. Warum, erklärt Manuela Thoma-Adofo hier.

Miteinander leben: Schwerkranke und Sterbende möchten mit ihren Angehörigen jede Stunde genießen.
Miteinander leben: Schwerkranke und Sterbende möchten mit ihren Angehörigen jede Stunde genießen. © 123rf/Andrey Popov

In einer Lebenskrise entschied sich Manuela Thoma-Adofo, mit ihrer Zeit mehr anzufangen, und nicht nur materielle Werte anzuhäufen. Seit 25 Jahren begleitet sie Menschen beim Sterben – als ehrenamtliche Hospizhelferin. Für sie der Beginn eines sinnerfüllten Lebens.

Frau Thoma-Adofo, wie viele Menschen haben Sie in den Tod begleitet?

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Ich habe sie nicht gezählt. In einigen Jahren waren es fünf bis sieben, in anderen zwei. Manchmal dauert die Begleitung nur wenige Stunden, manchmal Jahre. Bei einem Patienten waren es ganze sechs Jahre.

Das heißt, Sie richten sich nicht nach einem vorgegebenen Einsatzplan?

Nein. Ich betreue die Demenzstation in einem Seniorenheim. Wenn alles ruhig ist, bin ich ein-, zweimal die Woche dort. Ich rede mit den Patienten und frage, wie es ihnen geht. In akuten Sterbefällen bin ich bis zu 18 Stunden im Heim, fünf Tage lang. Ich besuche aber auch Sterbende zu Hause.

Wie bereiten Sie sich auf Einsätze vor?

So, dass ich länger bleiben kann: Mit bequemer Kleidung. Oft schiebe ich mir einen Sessel ans Bett. Rituale habe ich nicht.

Macht es für Sie einen Unterschied, wie alt die Sterbenden sind?

Ja. Bei Kindern würde ich jeden Tod mitsterben. Da habe ich Hochachtung vor meinen Kollegen, die diese Arbeit leisten. Bei mir muss die Lebens-Reihenfolge eingehalten sein. Meine jüngste Patientin war 69, die älteste 104. Damit kann ich leben.

Worauf kommt es aus Ihrer Sicht bei der Begleitung eines Sterbenden an?

Auf viel Ruhe. Ob das Zimmer unaufgeräumt ist, die Haare nicht gemacht sind oder das Glas vom Vortag dasteht, das ist in diesen Momenten völlig egal. Wichtig ist all das, was dem Sterbenden guttut.

Manuela Thoma-Adofo (52) ist Autorin und Model. 2018 wurde sie Miss 50+ Germany. Sie ist Mutter und Sterbebegleiterin. 
Manuela Thoma-Adofo (52) ist Autorin und Model. 2018 wurde sie Miss 50+ Germany. Sie ist Mutter und Sterbebegleiterin.  © Noemi Thoma

Sie schreiben, dass Sie viel Spaß bei Ihrer Arbeit haben, mit den Sterbenden scherzen. Geht es nicht eher um Trauer, Mitgefühl, letzte Wünsche?

Es geht um all das. Aber ja, wir haben Spaß. Sterbende sehen ihren eigenen Weg oft gar nicht so traurig, wie man meint. Wir reden über ihr Leben, lachen über ihre Eigenarten und darüber, was sie alles so angestellt haben. Hospizhilfe heißt: Leben bis zuletzt und nicht „Warten auf den Tod“. Das bedeutet Empathie und Mitgefühl höchsten Grades. Getrauert wird erst nach dem Sterben. Bis dahin zählt jede Lebensminute. Dabei werden Wünsche erfüllt. Ein Bier, eine Zigarette, ein Tropfen Wein auf die Lippen, Champagner aus der Schnabeltasse – oder die Auswahl eines Grabsteines.

Welche Beziehung bauen Sie zu den Menschen auf?

Manche kommen einem näher, so wie Elisabeth, eine ältere Dame mit einer himmelblauen Strickjacke. Ich hatte sie sofort in mein Herz geschlossen. Als sie nach einem Krampfanfall ins Krankenhaus musste, kämpfte ich um ihre Strickjacke, die die Sanitäter zum Blutdruckmessen zerschneiden wollten. Andere kommen mir nicht so nahe. Das ist im Sterben wie im Leben.

Sie sagen den Sterbenden, wie es um sie bestellt ist. Warum geben Sie ihnen nicht nur Lebensmut?

Das mache ich. Ich unterstütze sie dabei, das verbleibende Leben zu genießen. Ich werde aber niemals in ein Zimmer gehen und rufen „Na, das wird schon alles wieder“. Ich respektiere meine Patienten so wie sie sind und nehme sie ernst. Es hat keinen Sinn, Dinge zu beschönigen oder zu verklären. Die Patienten selbst wissen meist sehr genau, an welcher Stelle des Weges sie sich befinden.

Endet Ihr Einsatz mit dem Tod? Wie schaffen Sie es, Abschied zu nehmen?

Nach dem Tod helfe ich, den Verstorbenen herzurichten – kämmen, Hände waschen, Kerze anzünden. Ich betreue die Familien, wenn es nötig ist. Oft unterstütze ich Hinterbliebene bei den Vorbereitungen zur Beerdigung. Mein Abschied kommt dann, wenn ich als letzte des Trauerzuges am Grab stehe und „Gute Reise“ wünsche. Zu einigen wenigen Angehörigen bleibt der Kontakt. Wir schreiben uns zu Weihnachten und trinken mal einen Kaffee zusammen. Mehr nicht. Mit einer Ausnahme: Als im Dezember 2016 eine Frau in meinem Armen verstarb, lernte ich an ihrem Bett ihren Sohn kennen. Rudi und ich leben jetzt mit unseren insgesamt fünf Kindern als Patchwork-Familie.

Wie verarbeiten Sie die fast tägliche Begegnung mit dem Tod?

Ich trauere. Wie stark und wie lange hängt davon ab, wie nahe mir mein Patient stand. Auf manche bin ich stolz und bewundere, wie toll sie ihren Weg gemeistert haben.

Begegnen Sie dem Tod heute anders als noch vor 25 Jahren?

Ich bin ein bisschen ruhiger geworden. Und ich kann die Wünsche und Zeichen auf den letzten Metern besser lesen: Eine Falte zwischen den Brauen, die Schmerz zeigt. Ich merke, ob der Patient unruhiger oder sehr ruhig wird, welche Blässe Hände und Gesicht haben oder wie stark der Sterbende meine Hand hält.

Gehen die Sterbenden mit ihrem zurückliegenden Leben ins Gericht?

Ich habe nie erlebt, dass es zu einem „hätte ich doch“ oder „hätte ich nicht“ gekommen wäre. Diese Phase kommt sicher früher. Die Menschen, die ich begleitet habe, machten sich bereits auf den Weg. Das bedeutet nicht, dass sie bedingungslos mit dem Leben zufrieden waren.

Was gibt Ihnen die Arbeit als Sterbebegleiterin?

Ich liebe es, zu helfen und generiere daraus eigene Lebensenergie. Wenn andere Menschen glücklich sind, macht mich das auch glücklich. Als Schriftstellerin kann ich Beruf und Berufung gut verbinden. Zudem arbeite ich als Model. Die Oberflächlichkeit, die diesem Beruf gern attestiert wird, nutze ich für Positives. Als ich 2018 zur Miss 50 plus Germany gekürt wurde, konnte ich den Effekt der Anziehungskraft direkt auf mein Ehrenamt übertragen. Das halte ich für eine gute Sache, die mich oft schmunzeln lässt.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht in der Gesellschaft bei der Palliativ- und Hospizversorgung ändern?

Das Pflegepersonal müsste höher wertgeschätzt und besser honoriert werden. Die Menschen sollten besser aufgeklärt werden, dass es Hospizhelfer, gibt. Dass sie sich Hilfe holen können, wenn sie mit dem Sterben eines Angehörigen überfordert sind – kostenlos. Jeder, der über Hospiz- und Palliativhilfe berichtet, klärt da auf.

Das Gespräch führte Gabriele Fleischer.

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