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Mein zweites Mal

Immer mehr Fahrschüler verhauen ihren Praxistest. Kann es einer, der schon jahrelang auf Achse ist, besser?

Da geht’s lang: Der Pirnaer Fahrlehrer Hans-Jürgen „Hanni“ Schramm (63) nimmt SZ-Redakteur Jörg Stock probeweise die Praxisprüfung ab. Bundesweit gibt es immer mehr Misserfolge. Das liegt vor allem am Stress, sagt der Fachmann.
Da geht’s lang: Der Pirnaer Fahrlehrer Hans-Jürgen „Hanni“ Schramm (63) nimmt SZ-Redakteur Jörg Stock probeweise die Praxisprüfung ab. Bundesweit gibt es immer mehr Misserfolge. Das liegt vor allem am Stress, sagt der Fachmann. © Norbert Millauer

Den Fahrlehrer duzen? Bei Hans-Jürgen „Hanni“ Schramm kein Problem. Er bietet allen das Du an. Da ist das Verhältnis gleich viel entspannter, sagt er. Aber eigentlich müsste er mich siezen, und ich ihn auch, damit das Spiel echt wirkt. Er soll nicht mein Fahrlehrer sein, sondern mein Fahrprüfer. Das Kraftfahrtbundesamt meldet seit Jahren steigende Durchfallerquoten bei der Prüfungsfahrt. 2017 scheiterten in der Pkw-Klasse bundesweit 32 Prozent am Praxistest. Meine Fahrprüfung ist jetzt 25 Jahre her. Kann Routine auf der Straße eine taufrische Ausbildung aufwiegen?

Hans Jürgen Schramm, 63, ist ein Urgestein der Zunft in Pirna. Einst Fuhrparkleiter einer Gießerei, sattelte er anfangs der 1990er auf Fahrlehrer um. Wenn er sich erinnert, fiel damals vielleicht jeder Zehnte durch. Dass heute etwa ein Drittel die Praxisprobe verhaut, liegt seiner Ansicht nach am dichteren Verkehr und den komplizierteren Autos. Aber auch daran, dass die Fahrschüler jetzt viel gestresster sind. Die Jugend muss dauernd für irgendwas pauken und am Wochenende Party machen oder zu Konzerten gehen. An den Fahrstunden wird oft gespart und der Prüfer bestellt, selbst wenn Lehrer Schramm findet, dass es noch zu früh ist. „Und dann fallen sie haushoch durch.“

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Mein Test beginnt auf dem Fahrschulhof in Pirnas Süden. Für einen Augenblick klingt Hanni Schramm tatsächlich wie der Prüf-Ingenieur: „Ich sage Ihnen die Fahrstrecke an. Wenn nichts gesagt wird, geht es gerade aus.“ Schon meine Handhaltung des Steuers missfällt ihm. Die eine Hand soll das Rad zur anderen schieben. „Über Kreuz lenken gibt’s gar nicht!“ Aus der Einfahrt raus, und rauf auf die große Straße. Wo war denn der Schulterblick? „Dreimal vergessen, und du kannst an die Box fahren“, sagt Schramm trocken, sprich: durchgefallen.

Das Allerheiligste des Fahrlehrers ist sein Aktenkoffer mit der Kulikollektion.
Das Allerheiligste des Fahrlehrers ist sein Aktenkoffer mit der Kulikollektion. © Norbert Millauer

Am Kreisverkehr muss ich stoppen. Ein Glück, dass die Hinterräder des bulligen Volkswagens nicht auf dem Zebrastreifen stehenbleiben. Sonst wäre die Prüfung aus. Rüber über den Kreisel, diesmal mit Schulterblick. Macht sonst niemand. Weiß Herr Schramm auch. „Aber der Prüfer will das sehen.“ Es gibt solche und solche Prüfer, findet er. Manche sind fair, manche weniger. Wenn es ihm zu arg wird, beschwert sich Herr Schramm auch mal. Aber eigentlich werden die Fahrschüler nicht vom Prüfer, sondern von den eigenen Nerven aus dem Rennen geworfen. „Die wissen dann vor Aufregung nicht mal mehr, wo der Blinker ist, so ungefähr.“

Richtung Autobahn geht es links. Spiegel, blinken, Schulterblick, rüber in die linke Spur. Zuerst kommt die Mündung der Abfahrt. Hier ist mancher Prüfling schon eingebogen, als Geisterfahrer. Schramm stöhnt. „Eine Katastrophe.“ Beim Zurücksetzen schwitzt sogar der Fahrlehrer. „Und der Prüfer macht sich hinten ganz klein, aus Angst, einer donnert uns drauf.“

Das passiert mir nicht. Tausendmal bin ich hier abgebogen. Eine Überraschung gibt es trotzdem, als die vorausfahrende Limousine aus Österreich jäh wendet. Alltag für Hanni Schramm. Heute fahren die Leute kreuz und quer, sagt er. „Ein einziges Chaos auf den Straßen.“ Die Fahrschüler lassen sich davon anstecken. „Die sehen sowas und denken, sie dürfen das auch.“ Ein roter Laster zuckelt den Zubringer hoch. Ich muss überholen, Blinker raus. Im Rückspiegel saust ein Wagen heran. Also Blinker wieder rein. Doch das Auto bleibt zurück, lässt mich ausscheren. Wie nett! Herr Schramm grinst. „Die denken, du bist Fahrschüler und bringst das nicht, da lassen sie dich lieber rein.“ Beim Einscheren wieder den Schulterblick eingespart. Autos fallen doch nicht vom Himmel. Das stimmt, sagt mein Lehrer, und bleibt bei seinem Mantra: „Der Prüfer verlangt das.“

Wichtig in allen Lagen: ausgiebige Beobachtung des Verkehrsraumes.
Wichtig in allen Lagen: ausgiebige Beobachtung des Verkehrsraumes. © Norbert Millauer

Die nächste rechts. Nach Dohna. Ein gefährliches Pflaster für Prüflinge? Ganz gefährlich, sagt Hanni Schramm. „Da fliegt jeder zweite Fahrschüler durch.“ Erst letzte Woche ist hier, an der abbiegenden Hauptstraße, ein Mädchen gescheitert, wegen der schmalen Seitenstraße von rechts hinten. „Wenn da einer angerast kommt, siehst du den nicht“, warnt Schramm. Ich habe immerhin mal kurz in die Richtung geschaut. „Das war okay.“

Dohnas Mitte ist eng. Viele Stolpersteine in Form von Vorfahrtszeichen, Einbahnstraßen und Tempolimits. Glücklich umrunde ich den Markt, übersehe auch nicht, wie viele Anwärter, das kleine Zone-30-Schild und rolle sachte auf den Parkplatz vom Penny-Markt. Neben einem grünen Ford soll ich rückwärts einparken. Ein Prüfungsklassiker. Für den geübten Fahrer Pillepalle. Ich stell’ mich schräg vor die Lücke, so lässt sich das Heck leichter einfädeln. Hanni Schramm nascht entspannt Minitomaten aus einem Eimerchen in der Türablage. „So, jetzt bist du durchgeflogen.“

Durchgeflogen? Warum? „Weil du das Fahrzeug in die Gegenspur gesteuert hast.“ Man hält rechtwinklig zur Lücke an? Aber hier ist doch so viel Platz! „Und was, wenn jetzt ein Laster kommt und den Markt beliefern will?“ Ende der Diskussion. Das Einparken klappt immerhin. Dreimal korrigieren ist erlaubt, ich muss nur einmal nachbessern. Gibt es eine Faustregel, wie das Einparken gelingt? Da hat jeder Fahrlehrer seine Tricks, sagt Herr Schramm, abhängig vom Schulwagen. Bei ihm gilt: Das zweite Rücklicht des Nachbarfahrzeugs im kleinen Dreieckfenster des eigenen Wagens sehen, und sofort voll einschlagen. „Dann kommst du mit einem Zug rein.“

Runter vom Parkplatz. Während ich rechts und links den Verkehr beobachte, um in die nächste Lücke zu schnipsen, meldet Schramm ein neues Desaster: Schon wieder durchgefallen. Neben dem roten Penny-Schild steht noch ein rotes, das acht Ecken hat – ein Stoppschild. Nicht nur auf den Straßenverkehr hat man hier zu achten, sondern auch auf die Fußgänger. „Die hättest du jetzt weggeputzt.“

Auf der Rückfahrt fehlt zum dritten Mal der Schulterblick. „Da kam doch dieses Motorrad von hinten angesaust, das auch rüber wollte“, konstruiert Hanni das Szenario. Also Durchfaller Nummer drei. Wir lachen. In echt wäre das ein teurer Spaß. Ist die Prüfung verhauen, kostet der zweite Anlauf mit Zusatzstunden und Gebühren weit über 300 Euro. Aber die kann ich mir sparen. Meinen Führerschein habe ich ja zum Glück schon einstecken.

Dozent Schramm mag es persönlich. Seinen Spitznamen darf jeder wissen.
Dozent Schramm mag es persönlich. Seinen Spitznamen darf jeder wissen. © Norbert Millauer

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