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Leben und Stil

Meine Eltern werden dement - was tun?

In Selbsthilfegruppen lernen Angehörige, mit der Situation umzugehen. Etwa 70 gibt es in Sachsen – ein Beispiel aus Bautzen. 

Entlastung durch Gespräche: Einmal im Monat treffen sich Angehörige von Demenzkranken bei der Volkssolidarität Bautzen. Mit dabei Karin Bobsin, Renate Schlager und Joachim Reinsch, begleitet von Sozialarbeiterin Manuela Strack (v. l.).
Entlastung durch Gespräche: Einmal im Monat treffen sich Angehörige von Demenzkranken bei der Volkssolidarität Bautzen. Mit dabei Karin Bobsin, Renate Schlager und Joachim Reinsch, begleitet von Sozialarbeiterin Manuela Strack (v. l.). © Ronald Bonß

Joachim Reinsch sorgt sich um seine Eltern. „Vor sieben Jahren habe ich gemerkt, dass mit ihnen nicht mehr alles stimmt, dass beide vergesslich werden“, sagt er. 

Dreieinhalb Jahre lang habe er sich um sie gekümmert, sich mit Bruder, Schwägerin und Schwester abgewechselt. Dann einigte sich die Familie, einen Pflegedienst um Hilfe zu bitten. „Doch die Pflegekräfte waren meist nur eine Stunde da, viel zu viel Zeit ging dabei für Schreibarbeit drauf“, sagt der Bautzener, der auch schon 68 Jahre alt ist. Also übernahm die Familie die Pflege wieder selbst. Eine Aufgabe, die Joachim Reinsch manchmal überforderte. Über eine Anzeige in der Zeitung fand er zu einer Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige von Demenzkranken. Einmal im Monat trifft er sich nun bei der Volkssolidarität in Bautzen, um sich mit anderen auszutauschen.

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Solche Selbsthilfegruppen wie in Bautzen gibt es laut Pflegedatenbank etwa 70 in Sachsen. Der Freistaat fördert sie jährlich mit 200.000 Euro. Sozialarbeiter wie Manuela Strack begleiten die Gruppen. Das heißt dann auch, Kaffee und Gebäck für die Treffen bereitzustellen und Referenten einzuladen. „Manchmal wollen die Angehörigen aber einfach nur ihre Sorgen teilen und Rat bekommen“, sagt Strack. Sie selbst hat mehr als drei Jahre ihre demenzkranke Mutter gepflegt und bringt ihre Erfahrungen mit ein. 10 bis 15 Angehörige sitzen in Bautzen regelmäßig in der Runde, die meisten davon Frauen.

Joachim Reinsch möchte die Treffen nicht mehr missen. Manuela Strack riet ihm schließlich zu einem Heimplatz für die Eltern. Denn Reinsch ist selbst herzkrank, die Pflege wurde immer beschwerlicher. Jetzt weiß er die 94-jährige Mutter und den 97-jährigen Vater im Pflegeheim in Niesky in guten Händen. Dass er sie regelmäßig besucht, ist für ihn selbstverständlich. Die Sozialarbeiterin hat ihm auch geholfen, seine Patientenverfügung richtig auszustellen. Ein wichtiges Papier, auf das Strack immer wieder hinweist. Nicht immer aber ist es Angehörigen möglich, Zeit für die Zusammenkünfte aufzubringen, wenn sie Partner, Eltern oder Kinder zu Hause pflegen. Viele wünschen sich dann mehr Entlastung.

Auch für Karin Bobsin ist die Gruppe ein wichtiger Anlaufpunkt. Sie merkte bei ihrer Mutter die beginnende Demenz daran, dass sie nur noch Dinge einkaufte, die sie aus ihrer Kindheit in Mühlhausen kannte: Pflaumenmus, Zuckersirup. „Das, was ich ihr besorgte, rührte sie nicht an“, sagt die Tochter. Das Problem: Die Mutter lebt in Berlin. Einmal im Monat fuhr die Bautzenerin ein verlängertes Wochenende hin, um nach dem Rechten zu sehen. Dank ihrer Altersteilzeit konnte sie das. 

Ihre Geschwister, mit denen sie sich die Wochenenden teilen wollte, hätten den Ernst der Situation leider nicht erkannt. Als irgendwann nur noch eine Tüte Zucker als einzig Essbares zu finden war, meldete Bobsin ihre Mutter bei einer Tagespflege in der Nähe an. Kein leichter Schritt, weil die über 80-Jährige zunächst nicht wollte. Und so ging die Seniorin erst einen Tag, später zwei, schließlich fünf Tage dorthin. Als sie aber merkte, dass sie dort nicht mehr einsam ist, war die Tagespflege für sie in Ordnung. Als die unterstützende Betreuung durch die Tagespflege nicht mehr reichte, weil die Mutter immer vergesslicher wurde, versuchte die Tochter, einen Heimplatz zu bekommen. Manuela Strack half ihr dabei. Der Platz in Bautzen war so gut wie sicher, als wegen Personalnotstands ein Aufnahmestopp verhängt wurde. Später klappe es dann in Berlin. Mit dem Heim ist Tochter Bobsin zufrieden.

Renate Schlager erzählt von ihrem Mann, der mit der Krankheit aggressiv wurde und sie geschlagen hat. Damit umzugehen, hat die 79-Jährige in der Selbsthilfegruppe gelernt. Heute weiß sie, dass ihr Mann nicht böse war, sondern seine Krankheit die Aggressivität auslöste. Nach fast 60 Jahren Ehe fällt es Renate Schlager schwer, zu akzeptieren, dass die Demenz bei ihrem Mann immer mehr voranschreitet. „Es gibt Tage, da erkennt er mich nicht mehr.“ Erst holte sie sich Hilfe bei der Tagespflege. Seit Dezember 2018, als es zu Hause gar nicht mehr ging, ist ihr Mann im Pflegeheim.

„Durch den Erfahrungsaustausch lernen Angehörige von Demenzkranken, sich selbst besser zu organisieren“, sagt Strack. Viele würden sich schlecht fühlen, wenn sie ihre Partner in ein Heim geben müssen. „Diese Schuldgefühle möchte ich ihnen nehmen.“ Und auch über die Gesprächsrunden hinaus könnten sich die Angehörigen an sie wenden, wenn sie Hilfe brauchen. Manchmal kommen sie auch dann noch, wenn der Partner schon gestorben ist. Einfach, weil sie allein sind.

Gut zu wissen

• Ansprechpartner für Selbsthilfegruppen pflegender Angehöriger sind die Sozialämter und Pflegekoordinatoren sowie die Kontakt- und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen der Landkreise und kreisfreien Städte.

• Eine Förderung der Gruppen ist laut sächsischem Sozialministerium aus dem regionalen Pflegebudget der Landkreise und kreisfreien Städte und über das Ministerium möglich.

www.pflegenetz.sachsen.de


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