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„Meine Risikobereitschaft hat sich gewandelt“

Den Schweizer Stephan Siegrist zieht es auf unbestiegene Gipfel. Und er hat ein ungewöhnliches Kontrasthobby.

© visual impact gmbh, p.o., 3800

Von Jochen Mayer

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Zwischen Himmel und Erde sucht Stephan Siegrist seine Herausforderungen. Der Schweizer Extremkletterer gilt als einer der vielseitigsten Bergsteiger der Welt, der an Felsen, in der Höhe oder im Eis spektakuläre Routen meisterte. Im vergangenen Jahr gelangen dem 42-Jährigen drei Erstbesteigungen an 5 000ern in Kashmir. Einer davon war der bereits mehrmals versuchte und technisch anspruchsvolle 5 895 Meter hohe Kishtwar Shivling. Am Sonntag kommt der Alpinist nach Dresden. Vor seinem Auftritt sprach er im Interview mit der Sächsischen Zeitung über seine Gefühle auf den Gipfeln und im Tal, über Erfahrungen mit uralter Kletter-Ausrüstung an der Eiger-Nordwand und die Besonderheiten in der Sächsischen Schweiz.

Stephan Siegrist, warum zieht es Sie immer wieder zu unbestiegenen Bergen?

Das hat wohl was mit Pioniergeist zu tun. Ich finde es spannend, in unbekannte Gebiete zu reisen. Man muss sich darauf lange vorbereiten, ist dafür aber dann dort ganz alleine unterwegs. Wir sahen dort in Kashmir weder Touristen noch andere Bergsteiger. Unbestiegene Berge verschaffen einem besondere Gefühle, weil man weiß: Da stand noch kein Mensch. Keinen der Steine hat da oben je einer angefasst. Das ist schon sehr speziell.

So war es in den Alpen vor 150 Jahren?

Ja, so fühlten wir uns. Früher muss es in den Alpen so gewesen sein, als sich die Ersten getraut haben, auf die hohen Berge zu steigen. Damals zog es sie auch dorthin, weil noch niemand da oben war.

Wie sind Sie auf Kashmir gekommen?

Ich war vor drei Jahren schon einmal dort. Eine beeindruckende Region, in der es kaum westliche Einflüsse gibt. Das Gebiet war fast 20 Jahre gesperrt. Die Einheimischen freuen sich jetzt über jeden Touristen. Manche von ihnen sahen noch nie ein Bleichgesicht. Das ist ein enormer Unterschied zu den stark begangenen Routen in Nepal, wo schon vieles zum Geschäft wurde und die Ursprünglichkeit verloren ging.

Sind Sie in der Zwickmühle, weil unberührte Ecken durch Ihre Auftritte plötzlich indirekt beworben werden?

Ich habe manchmal meine Zweifel bei meinen Vorträgen. Einerseits möchte man alles unberührt lassen. Aber andere wollen auch diese Erlebnisse haben. Ich mache es mir nicht einfach dabei.

Ist es dort gefährlich?

Pakistan ist nicht weit entfernt, im Grenzgebiet zu Kashmir gibt es vereinzelt Konflikte. Spannend war das Tal unserer Expedition. Dort leben Menschen aus drei Religionen friedlich zusammen: Hindus, Moslems und Buddhisten. Sie respektieren sich. Für mich war es sehr schön zu sehen, dass das geht.

Kommt bei solchen Begegnungen der Glaube an die Vernunft zurück?

Das beschäftigt einen in der heutigen Zeit, und man fragt sich, warum das woanders nicht funktionieren soll. Ich bin kein Weltverbesserer. Aber ich versuche, meine Eindrücke unter die Leute zu bringen, und erzähle, dass das Leben ohne Fanatismus gut funktionieren kann.

Zurück zum Klettern. Was zieht Sie immer wieder zum Eiger?

Ich wohne nur eine halbe Stunde entfernt in Ringgenberg. Der Eiger ist mit seinem Fels und Eis eine wunderbare Spielwiese für Alpinisten. Für mich wurde dieser Gipfel ein idealer Trainingsberg. Ich bin schon mehr als 30-mal durch die Nordwand und vielleicht 70- oder 80-mal oben gewesen.

Sie sind auch in der Ausrüstung der Erstbesteiger durch die Nordwand. Was war das für ein Gefühl?

Das war ein spannendes Projekt. Wir haben zuvor noch die Erstbesteiger Anderl Heckmair und Heinrich Harrer besucht. Sie erzählten, wie es bei ihrem Gipfelversuch 1938 war. Wir konnten uns in ihre Zeit versetzen – tatsächlich auch mit dem alten Material von damals. Ich kam mir damit vor wie ein Tollpatsch. Wir hatten Riesenrespekt vor der Leistung der Alten, wie sie mit Hanfseil und Nagelschuhen durch die Wand gestiegen sind. Wir mussten damit extra trainieren.

Ging es Ihnen dabei um eine Bewahrung der Tradition?

Zum einen, aber auch, um zu zeigen, welche Leistungen früher möglich waren. Heute werden auch tolle Projekte umgesetzt, doch die erscheinen einem nicht mehr in so grellem Licht beim Vergleich mit den Alten. Und wir sehen, welche gewaltige Entwicklung bei der Ausrüstung inzwischen passiert ist. Zum Glück bin ich nicht in das Hanfseil gefallen.

Sie sind gelernter Zimmermann. Hat Ihnen dieser Beruf als Kletterer geholfen?

Ich weiß, wie man Dachstühle baut und musste auch durch das Gebälk. Die dafür nötige Balance hilft mir heute am Berg. Und das Hämmern auf Neutouren funktioniert auch noch ganz gut, wenn ein Haken sein muss. Die Muskeln haben wohl einen Memory-Effekt.

Extremkletterer treibt die Unrast. Sind Sie mit inzwischen 42 Lebensjahren nun zur Ruhe gekommen?

Nein, ich bin zwar Familienvater, habe zwei Kinder. Aber es treibt mich immer wieder in die Berge und zu Projekten, bei denen man Kultur und Sport verbinden kann. Aber mit Familie hat sich meine Risikobereitschaft im Gebirge gewandelt. Wenn die Verhältnisse nicht stimmen, drehe ich eher um als vor 20 Jahren. Ich kann auch mit Misserfolgen besser umgehen.

Warum begeben Sie sich als Basejumper in Lebensgefahr?

Auch Tiefseetauchen ist gefährlich, aber ich will es gar nicht schönreden. Das Springen ist natürlich nicht ohne Risiko, ich will es minimieren, meide jeden Druck. Es ist ein guter Kontrast zum Klettern, besonders in der Kombination. Ich war mal lange am Eiger unterwegs, um oben sofort umzuschalten und zu springen. Das verlangt eine enorm starke Konzentration.

Spielt da Angst eine Rolle?

Es ist eher Respekt. Ich will in heiklen, schwierigen Situationen kühlen Kopf bewahren, richtige Entscheidungen treffen, um nicht in Stresssituationen zu geraten.

Waren Sie schon an Felsen in der Sächsischen Schweiz?

Ja, dreimal. Für mich ist es die ehrlichste und reinste Art, mit Seil zu klettern. Obwohl ich nach einer Woche ziemlich zerstört war, weil ich es nicht gewohnt bin mit den Knoten und Schlingen. Da wird schnell eine unscheinbare Route sehr anspruchsvoll, weil man nicht ins Seil fallen will. Die Landschaft ist toll, und die Leute leben das Klettern. Leider ist die Sächsische Schweiz etwas weit weg von meiner Schweiz.

Stephan Siegrist „Faszination Bergsteigen“, Livereportage in der Reihe „Bilder der Erde“ über Besteigungen in Kirgisien, Kashmir, Patagonien und am Makalu. Sonntag, 17 Uhr, im Dresdner Filmtheater Schauburg. Vorverkauf:

www.bilder-der-erde.de

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