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Leben und Stil

Meine Tochter ist verliebt in ihren Lehrer. Was nun?

Eltern können es meist nicht verstehen, wenn das eigene Kind eine Beziehung mit dem Lehrer hat. Wie sie sich verhalten sollten - abseits des gesetzlichen Verbots.

Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum
Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum © Matthias Rietschel

Von Prof. Veit Rößner

Unsere Tochter (16) hat scheinbar seit längerer Zeit eine Beziehung zu einem Lehrer. Ich hätte so etwas nicht erwartet und kann das einfach nicht akzeptieren. Sie will mit 18 bei ihm einziehen. Was raten Sie?

Nicht alle Leserfragen sind leicht zu beantworten, weil zum Beispiel wichtige Details fehlen. Ich möchte aber für den Fall der Lehrer-Schülerbeziehungen einige Anhaltspunkte und Rechtsgrundlagen erklären, die hoffentlich auch Ihnen weiterhelfen werden.

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Die Schule ist ein besonders geschützter Entwicklungsraum. Nicht zuletzt deswegen gelten Beziehungen zwischen Lehrern und – auch älteren – Schülern als tabu. Es herrscht das Abstandsgebot.

Sexuelle Handlungen zwischen Lehrern und Schülern sind generell strafbar. Im Strafgesetzbuch ist im Paragrafen 174 zum sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen unter anderem festgelegt: „Wer [...] sexuelle Handlungen vor dem Schutzbefohlenen vornimmt oder den Schutzbefohlenen dazu bestimmt, dass er sexuelle Handlungen vor ihm vornimmt, um sich oder den Schutzbefohlenen hierdurch sexuell zu erregen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Der Versuch ist strafbar.“

Generell ist es für Eltern dennoch schwierig, wie sie sich bei einem Verdacht oder eindeutigen Hinweisen verhalten sollen. Im Jugendalter sind Schwärmereien, erste sexuelle Beziehungen und Geheimnisse vor den Eltern normal. Eltern befürchten auch, dass, falls sie einschreiten, die Beziehung zum Kind leidet und ein Gespräch mit Dritten oder eine Anzeige eine Lawine ins Rollen bringt. Allerdings erinnere ich mich an Fälle, in denen das nun erwachsene Kind nach Jahren formuliert, dass es sich von seinen Eltern gewünscht hätte, dass diese damals (mehr) eingeschritten wären.

Denn im Gegensatz zu Ihrer noch sehr jungen Tochter wissen Sie und weiß insbesondere der erwachsene Lehrer bereits heute, was er tut und welche Folgen das haben kann. Er verletzt nicht nur das Abstandsgebot zwischen Lehrern und Schülern und damit die geistige und auch die körperliche Distanz zu seiner minderjährigen Schülerin aufs Gröbste. Auch psychisch ist eine Beziehung zu einer deutlich älteren Person eine Herausforderung für Heranwachsende und nicht entwicklungsgemäß. Die Jugendlichen tauchen verfrüht in eine völlig andere Lebenswelt ein, verpassen nicht selten wichtige, altersangemessene Entwicklungsschritte, die sie ohne diese Beziehung gemeinsam mit Gleichaltrigen machen würden. Es entstehen größere Abhängigkeiten und Machtgefälle, mit denen Jugendliche oftmals überfordert sind.

Daher sollten Sie als Eltern das unangenehme Thema nicht einfach totschweigen. So wie es klingt, hat Ihre Tochter die Beziehung bereits Ihnen gegenüber eingeräumt. Sie sollten nochmals thematisieren, dass vorübergehende Schwärmereien für einen Lehrer mitunter normal sind, dass es aber definitiv Grenzen gibt. Verweisen Sie auf gesetzliche und ethische Rahmen. Betonen Sie, dass sich der erwachsene Lehrer strafbar macht, wenn er die Liebe zu einer Minderjährigen erwidert. In einem weiteren Schritt sollten Sie bei entsprechender Reife auch gemeinsam mit Ihrer Tochter das Gespräch mit dem Lehrer suchen.

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Weil in Ihrer Anfrage viele, für den Fall maßgebliche Einzelheiten unklar geblieben sind, halte ich es für wichtig, dass Sie sich beispielsweise durch eine wohnortnahe Beratungsstelle mit entsprechender Expertise beraten und begleiten zu lassen.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]

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