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Dresden

"Meinen Bruder durfte ich nie kennenlernen"

Der Krieg riss Monika Hasch aus ihrer Kindheitsidylle. Ihre Mutter und ein Baby verschollen auf mysteriöse Weise.

Monika Hasch heute: Die 85-Jährige hat trotz des frühen Schicksalsschlages ein erfülltes Leben geführt
Monika Hasch heute: Die 85-Jährige hat trotz des frühen Schicksalsschlages ein erfülltes Leben geführt © Sven Ellger

Sie hat ihr Haar fein zurechtgemacht. Gleich will Monika Hasch noch in die Stadt. Am Tisch blättert sie in einem alten Fotoalbum voller Schwarz-Weiß-Bilder. Die mit diesem damals so typischen gezackten Rand. Fast zu jedem Foto fällt der 85-Jährigen eine Geschichte ein. Gern denkt sie zurück an die Zeit, als sie noch Monika Garth hieß und in Naußlitz und Reick eine zunächst unbeschwerte Kindheit erlebte.

Vor einigen Jahren hat sie einige dieser Gedanken bereits in den Computer eingetippt. So eine ehemalige Verwaltungsangestellte fuchst sich eben schnell mal in neue Technik rein. Später einmal sollten nicht nur die alten Fotos von ihr bleiben, das war ihr wichtig, sondern auch die Geschichten. Geschichten wie diese hier.

Für die Schule angemeldet worden war die kleine Monika noch in Naußlitz. Nach dem Umzug der Familie nach Reick besuchte sie dann aber von 1940 bis 1948 die 45. Volksschule, das heutige Hülße-Gymnasium. „Das tolle neue Schulgebäude hatte unter dem Flachdach einen schönen Kinosaal, eine Turnhalle und einen großen Schulhof“, erinnert sie sich. Zur Schuleinführung hatte ihre Mutter für sie ein weinrotes Samtkleid mit bunter Blümchenbordüre nähen lassen und ihr einen flotten Kurzhaarschnitt verpasst.

„Schwere Bomberverbände im Anflug auf Dresden“

Der Krieg, der in diesen Wochen bereits in der Welt tobte, schien lange Zeit einen großen Bogen um diese Idylle zu machen. Oft und gern spielte Monika Hasch mit den vielen Nachbarskindern und ihrer vier Jahre älteren Cousine Hannelore. „Wir liebten es, uns anzuscheuseln und Hochzeit zu spielen. Auf der Straße malten wir Huppekästchen und ließen den Kreisel drehen.“ War das Wetter mal schlecht, spielten sie drinnen „Name, Stadt, Land“.

Im Februar 1945 erwartete die Mutter ein Geschwisterchen für sie. Nur noch wenige Tage blieben, bis es zur Welt kommen sollte. Doch dann kam er: Der schlimmste Tag in Monika Haschs bis dahin so sorgloser Kindheit, der ihre Familie mit einem Schlag auseinanderreißen sollte.

Dresden nach den Bombenangriffen von 1945
Dresden nach den Bombenangriffen von 1945 ©  SZ-Archiv

Dabei war der Faschingsdienstag immer ein so schöner und lustiger Tag für die Kinder gewesen. „Ich lag schon im Bett und musste gegen 21 Uhr so schnell wie möglich wieder aufstehen und mich anziehen. Mürrisch und sehr müde.“ Eine Stimme aus dem Mende-Radio verkündete: „Schwere Bomberverbände im Anflug auf Dresden.“ Bis dahin hatten solche Nachrichten die Familie selten in Panik versetzt, aber diesmal war es ernst.

„Wir hatten den Keller noch nicht erreicht, da flog uns schon die Kellertreppentür durch den starken Luftdruck hinterher“, sagt sie. Erst versteckte sie sich in einer Holzwaschwanne unter der Treppe, dann unter dem Balkon bei den Kaninchen. Es krachte. Kaum 300 Meter vom Haus entfernt traf eine Bombe eine Häuserzeile. Die nächste fiel in eine nahe Gartenanlage und hinterließ einen Bombentrichter. Einer der Splitter verletzte ihre hochschwangere Mutter an der Schläfe. Sie blutete. Als sie glaubten, das Schlimmste sei vorbei, lief die Mutter zu ihrem Hausarzt.

Mutter Helene und Vater Herbert mit der kleinen Monika. Ihren Bruder durfte das Mädchen nur einmal kurz sehen. 
Mutter Helene und Vater Herbert mit der kleinen Monika. Ihren Bruder durfte das Mädchen nur einmal kurz sehen.  ©  SZ-Archiv

Vergeblich wartete Monika darauf, dass sie zurückkam. Der Arzt hatte sie vermutlich in die Rettungsstelle geschickt, die nun in der Schule eingerichtet worden war. Doch der Weg dorthin war versperrt. Als am Tag darauf weitere Angriffe folgten, wollte ihre Oma nicht länger warten und flüchtete mit ihrer Enkelin ins Erzgebirge.

Doch was war mit Mama? Als sie zurück nach Dresden kamen, erfuhren sie von Nachbarn, dass die Mutter in einem Behelfskrankenhaus in Pirna am 15. Februar 1945 ein Kind entbunden hatte. Per Anhalter machten sich Monika Hasch und ihre Cousine auf die Suche und fanden tatsächlich ihre Mutter. „Ich saß auf ihrem Bett, doch sie hat uns nicht erkannt. Sie hatte ein sehr geschwollenes Gesicht. Vielleicht war es Kindbettfieber. Eine Krankenschwester zeigte uns dann ein kleines Bündel mit einem sehr niedlichen Kind mit blonden Löckchen.“

Wie sollte eine Wöchnerin das überleben?

Als Monika kurz darauf mit dem Vater erneut nach Pirna fuhr, war das gesamte Krankenhaus bereits wegen weiterer Luftangriffe geräumt worden. Alle Patienten seien mit Zügen nach Süddeutschland ausquartiert worden, hieß es. In diesen Zügen soll es sehr kalt gewesen sein, erfuhren sie später von einer Krankenschwester, die zum Begleitpersonal dieser Transporte gehörte. Es habe nur Strohlager gegeben und immer wieder Angriffe von Tieffliegern. Wie sollte eine Wöchnerin mit einem neugeborenen Baby das überleben?

Von ihrer Mutter und dem Kind gab es von da an keine Lebenszeichen mehr. Niemals sollte sie ihr kleines Geschwisterchen wirklich kennenlernen dürfen. 1947 ließ ihr Vater die beiden für tot erklären. Auf der Geburtsurkunde, die der Vater später bekam, stand der offizielle Name Herbert Roland Garth, auf den sich die Eltern schon vorher geeinigt hatten.

Monika Hasch als junge Frau
Monika Hasch als junge Frau ©  SZ-Archiv

Der Schicksalsschlag hat Monika Hasch ihre Liebsten genommen, den Lebensmut aber raubte er ihr nicht. Nach einer Lehre als kaufmännische Angestellte kam sie nach verschiedenen Stationen als Sekretärin zur Wasserwirtschaft nach Weixdorf. Dort lernte sie 1954 ihren Mann kennen und heiratete ihn kurz darauf. In den Jahren darauf schenkte sie selbst drei Kindern das Leben, die heute längst erwachsen sind. Ein Stück Idylle ist zurückgekommen. Und bis heute geblieben.

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