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Meißen bekommt weitere Stolpersteine

Die Messingtäfelchen erinnern an vier Menschen, die einst hier wohnten. Als Juden waren sie in den Tod getrieben worden.

Dass hier einst Menschen lebten, mit ihren Familien, die sich freuten und sorgten, die ihren Alltag bestritten, mitten in der Stadt – auch daran wollen die Stolpersteine erinnern, die der Kölner Künstler Gunther Demnig mehrere zehntausend Mal in Deutschland und weitern Ländern verlegt hat. Die in den Boden vor den früheren Wohnhäusern eingelassenen zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtäfelchen künden auch vom Schicksal, das diesen Menschen widerfuhr. Sie wurden gedemütigt, ihrer Würde und ihres Besitzes beraubt, viele von ihnen ermordet oder in den Tod getrieben – weil sie Juden waren.

Der Schöpfer des weltweit größten dezentralen Denkmals hatte im vorigen Jahr die ersten beiden Stolpersteine in Meißen verlegt, die Leo und Regina Mosszizki gewidmet sind. Am 5. Dezember ist er wieder in der Stadt. Am Roßplatz, in der Großenhainer Straße sowie in der Hafenstraße bekommt die Stadt vier weitere Stolpersteine, wie Sabrina Fichter gestern informierte. Die Studentin spricht für eine Initiative, in der sich Meißner Bürger über parteiliche und konfessionelle Grenzen hinweg zusammen gefunden haben, um das Wachhalten der Erinnerung an das jüdische Leben auch in Meißen zu unterstützen.

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Gestützt auf Forschungen des Meißner Stadtchronisten Gerhard Steinecke hatte Sabrina Fichter weitere Fakten zum Lebensweg der einst in Meißen lebenden jüdischen Bürger zusammengetragen, Angehörige ausfindig gemacht und Spuren verfolgt. So gelang es ihr Kontakt mit Ari de Levie aufzunehmen. Der in New York lebende Psychologe ist Neffe der Eheleute Bernhardt und Frieda de Levie, die bis zu ihrer Flucht nach Amsterdam in Meißen gelebt hatten und die 1942 in Auschwitz ermordet wurden. Ari de Levie, der in Palästina aufwuchs, wird am 5. Dezember in Meißen als Gast erwartet. Am Abend des Tages wird er im Haus für Vieles aus der Geschichte seiner Familie berichten.

Die Stolpersteine, für deren Anfertigung und Verlegung die Initiative Spenden gesammelt hat, sollen auch an Rosa Cohn erinnern, die am Roßplatz ein Bekleidungsgeschäft hatte und die 1944 im elsässischen Konzentrationslager Stutthof umkam. Marie Moskowitz, der ein weiterer Stolperstein gewidmet ist, wohnte in der Hafenstraße, wo sie 1942 im Alter von 79 Jahren den Freitod wählte.

Die Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938, die den Beginn der systematischen Ausrottung der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich markiert, jährt sich in wenigen Tagen zum 75. Mal. Aus diesem Anlass hat die Initiative ein Erinnerungsprogramm vorbereitet, das gestern vorgestellt wurde. So lädt die Initiative am 9. November um 15 Uhr zu einem Rundgang „Auf den Spuren jüdischer Bürger in Meißen“ ein. Um 18 Uhr beginnt im Dom ein Buß- und Gedenkgottesdienst, danach um 19.30 Uhr in der St. Afra-Kirche das Klezmer-Konzert „Lieder von Krieg und Frieden“. „Die Zeiten ändern sich nicht?“ ist ein Praxistag für Demokratie überschrieben, der am 11. November an der Evangelischen Akademie stattfindet. Über jüdisches Leben in Sachsen heute informiert der Dresdner Verein Hatikva am 19. November im Haus für Vieles. (SZ/da)

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