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Meißen freut sich auf die Stärksten der Welt

Nie war das legendäre Gewichtheber-Turnier der Blauen Schwerter besser besetzt. Der Grund dafür: unschöne Umstände.

101 Heber aus 20 Ländern haben sich zur 30. Auflage des Turniers der Blauen Schwerter in Meißen angesagt. Längst ist die finale der sieben Veranstaltungen am Sonnabend restlos ausverkauft.
101 Heber aus 20 Ländern haben sich zur 30. Auflage des Turniers der Blauen Schwerter in Meißen angesagt. Längst ist die finale der sieben Veranstaltungen am Sonnabend restlos ausverkauft. ©  Claudia Hübschmann (Symbolbild)

Gewichtheber sind handfest. So will es ihr Sport. Sie müssen zupacken, wenn sie sich den Lasten scheibchenweise so lange nähern, bis nichts mehr in die Höhe geht. Jürgen Grellmann ist ein echter Gewichtheber, der auch im richtigen Leben zupackt und nicht lange drumherum redet. Dem 74-Jährigen sieht man an, dass er mal als Leichtschwergewichtler auf den Heberbühnen gestanden hat.

Jetzt ist der Meißner der Organisations-Chef des Turniers der Blauen Schwerter. Dieses stieg zu einer der weltweiten Olympia-Qualifikationen für Tokio 2020 auf. Deshalb kommen diese Woche von Donnerstag bis Sonnabend so viele Heberinnen und Heber von Weltklasse wie bei keiner der vorherigen 29 Auflagen.

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Gewichtheben und Meißen gehören zusammen. Diese Tradition personifiziert Grellmann. Wie selbstverständlich nahm er als Jugendlicher die Hanteln in die Hand. Es gehörte sich einfach, es mal zu probieren. „Wir wollten doch alle stark werden“, sagt er und beschreibt sich selbst in der Jugend als „körperlich schwachen und schmächtigen Typen. Aber das Krafttraining schlug ruckzuck bei mir an. Es gab schnell Anerkennung, ich hatte Ehrgeiz, lernte zügig die Technik.“ Als Jugendlicher war er kaum zu schlagen, holte später Einzeltitel bei den Erwachsenen, hob im Nationaltrikot, bestritt Länderkämpfe. Meißen war eine Macht.

Jürgen Grellmann kann zwar nicht mehr mit beiden Händen anpacken, aber er hilft dennoch – auf seine Art.
Jürgen Grellmann kann zwar nicht mehr mit beiden Händen anpacken, aber er hilft dennoch – auf seine Art. © Ronald Bonß

Mit dem Heben als Leistungssport machte Grellmann 1971 Schluss. „Als ich ausgewachsen war, zeigte sich, dass ich nicht das große Talent bin“, sagt er ohne Frust. „Nur mit Willen und Disziplin sind keine Wunder möglich.“ 

Er machte weiter als Freizeitsportler und Übungsleiter in Garsebach, heute Ortsteil von Klipphausen. „Da kam ein Talent nach dem anderen zu mir, richtige Wirbelwinde waren das“, erzählt er und wie sie bei einer Spartakiade, dem Nachwuchs-Kräftemessen des DDR-Sports, mal alle Heber von den Klubs aus den Großstädten geschlagen hatten. Darauf ist er immer noch stolz. „Als Garsebacher“, betont er, „war das damals ein ganz großes Ding.“ Sein Bester schaffte es sogar bis zur Junioren-EM.

„Disziplin ist den meisten zu anstrengend"

Als Grellmann mit dem Leistungssport Schluss gemacht hatte, gab es das erste Turnier. Seit 1973 war er als Helfer dabei. „Alle Hände wurden gebraucht“, erinnert er sich. Das änderte sich in Wendezeiten, als das Traditionsturnier zum Sachsenpokal schrumpfte, die Porzellanmanufaktur als Namensgeber absprang. Und das Interesse am Gewichtheben ließ auch nach. „Es lebt bei uns inzwischen nur noch von den alten Namen. Die Jugend geht heute anders ran.“

Das Problem kennen viele Sportarten: „Die meisten Jugendlichen kommen mal vorbei, dann wieder nicht“, beklagt er die heutigen Verhältnisse. „Disziplin ist den meisten zu anstrengend. Mal in Linie antreten, das nervt schon. Das Training scheint vielen einfach zu hart. Oft fehlt die Unterstützung der Eltern, die gar nicht ahnen, was der Sport bieten könnte. Dabei haben wir jetzt in Meißen super Bedingungen mit der modernisierten Halle.“

Grellmann ist Realist, der seinen Optimismus aber nicht aufgeben will. Wenn er sich in Rage redet, dann fährt auch mal seine rechte Hand durch die Luft. Der Stumpf fällt auf, die Finger fehlen. Der Zimmermann hatte als 43-Jähriger einen Arbeitsunfall an der Kreissäge. Von einer Sekunde zur anderen geriet sein Leben aus den Fugen. „Damals war das eine Katastrophe für mich“, gibt Grellmann zu und erzählt vom Berufswechsel, von der Umschulung auf Betriebswirtschaft. Dafür musste er „noch mal die Birne anstrengen“. Auf eine Prothese verzichtete er, lernte, mit dem Handicap zu leben, und haute trotz der Behinderung weiter auf den Tisch, wenn es sein musste.

Dass da einer geradeheraus redete, kam in Wendezeiten bei den Geldgebern an. Grellmann hatte eine neue Arbeit gefunden im Meißner Plattenwerk, das sich schon zu DDR-Zeiten einen Namen mit Fliesen und Kacheln gemacht hatte. Der Umsteiger organisierte in der Marktwirtschaft den Vertrieb. In Bautzen päppelte er später eine neue Firma mit auf, die ebenfalls mit Fliesen handelte.

Der spätere Bundestrainer Manfred Nerlinger hob 1990 in Meißen. Danach pausierte der Blaue-Schwerter-Pokal für 22 Jahre. 
Der spätere Bundestrainer Manfred Nerlinger hob 1990 in Meißen. Danach pausierte der Blaue-Schwerter-Pokal für 22 Jahre.  © SZ-Archiv

Auch das Pokalturnier wurde wiederbelebt. „Der Wunsch war immer da“, erzählt er. Ein erster Versuch war 2007 das Karl-Bräuer-Turnier. „Das war schon mal ein Anfang, wenn auch noch nicht der große Reißer“, bekennt Grellmann, der seit 2010 Rentner ist. Für 2012 ließ er alte Kontakte spielen, bekam vom deutschen Verband Unterstützung zugesagt und ging ernsthaft auf Sponsorensuche.

Die entscheidende Zusage kam von der Porzellan-Manufaktur. „Wir wussten, dass wir den Namen Blaue Schwerter brauchen“, sagt Grellmann. „Dann haben wir uns jedes Jahr gesteigert, sind besser geworden, bekamen größere Resonanz. Und das nächste Turnier soll ein Höhepunkt werden.“

101 Heber aus 20 Ländern

Dabei ist das eigentliche Organisationsbüro ein eher älteres. Von den zehn Mitgliedern sind nur noch zwei berufstätig. Doch Grellmann sagt: „Ich arbeite gerne mit ehrenamtlichen, alten Leuten, die mit Herz und Seele bei der Sache sind.“ Inzwischen kamen mit Michael Hennig und Frank Mavius zwei Dresdner Ex-Auswahl-Heber mit ins Team, über die Grellmann schwärmt, weil sie „ähnliche Typen“ sind wie er und seine Mitstreiter. „Wir ticken alle gleich“, vermutet er. „Wenn wir uns auf eine Sache einlassen, dann packen wir zu, wie wir es beim Gewichtheben eben immer gewöhnt waren.“

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101 Heber von Format aus 20 Ländern haben sich zur 30. Auflage angesagt. Längst ist die finale der sieben Veranstaltungen am Sonnabend restlos ausverkauft. Dafür hat der Freitag einiges zu bieten: Am Vormittag Publikumsliebling Max Lang, der schon dreimal die Porzellan-Trophäe gewann, danach die spanische Olympiasiegerin Lidia Valentin, die einen kompletten Olympia-Medaillensatz besitzt. Grellmann wird dann im Hintergrund agieren – und vor allem zupacken.

Weitere Informationen zum Pokal der Blauen Schwerter finden Sie hier.

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