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Meißen ohne Plumpsklos

Nach 30 Jahren ist die Stadt fast durchsaniert. Wächst jetzt die Gefahr von Bausünden?

Freuen sich über eine gelungene Bilanz zur Stadtsanierung: Planer Claus-Dirk Langer, Gestalter Lars Ditscherlein, Architekt Georg Krause und OB Olaf Raschke.
Freuen sich über eine gelungene Bilanz zur Stadtsanierung: Planer Claus-Dirk Langer, Gestalter Lars Ditscherlein, Architekt Georg Krause und OB Olaf Raschke. © Claudia Hübschmann

Meißen. Das mit der Schreibmaschine getippte Schriftstück nennt dramatische Zahlen. 20 Prozent der Meißner Altstadthäuser seien abbruchreif. Weitere 25 Prozent befänden sich in einem schlechten Zustand. Bei 40 Prozent wird die Lage mit der beschönigenden Formulierung "sehr mäßig" beschrieben. 

Interessant an dieser knappen Analyse: Sie stammt bereits von 1960. Zu finden ist sie in einer am Montagvormittag vorgestellten Broschüre mit dem Titel "30 Jahre Sanierung der historischen Altstadt". Das 141 Seiten umfassende Heft zieht ein Fazit der Aufbauarbeiten seit der Wende. Zwei Seiten weiter zeigt sich, wie die SED das Problem zumindest teilweise zu lösen gedachte. Eine Skizze - vermutlich vom Anfang der 1970er Jahre stammend - verrät, dass der südliche Teil der Altstadt einschließlich der Triebischvorstadt abgerissen und mit Neubaublöcken locker bebaut werden sollte. Lediglich eine kleine Altstadtinsel um den Markt wäre, als eine Art mittelalterliches Disneyland, für die Touristen erhalten geblieben.

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Dank des Mangels an Baukapazität blieben diese Pläne in der Schublade. Der Sozialismus konservierte die mittelalterlichen Zustände in der Stadt bis zum Jahr 1990. Noch vor dreißig Jahren mussten sich die Bewohner einer Mehrzahl der Häuser in der Innenstadt mit einem Plumpsklo begnügen. 

Puppenhäuser auf der Burgstraße

Diese Zustände gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Drei Jahrzehnte Sanierung der Altstadt sind dem Rathaus Anlass gewesen, bei Stadtplaner Claus-Dirk Langer eine Zusammenfassung zu dem Thema in Auftrag zu geben. Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) nutzt einen Pressetermin am Montagvormittag, um das Werk der Öffentlichkeit zu präsentieren. 

Das Treffen findet in der Roten Schule statt, die beispielhaft für die Rettung so vieler Gebäude steht. In diesem Fall sei es die Stadt gewesen, welche dem alten Gemäuer eine Zukunft gab, so Raschke. Genau so wichtig sei das Engagement der privaten Investoren gewesen. Er erinnere sich noch an den Zustand einiger Häuser auf der Burgstraße, deren hintere Mauern zusammengebrochen waren, so dass sich ein Anblick wie bei einer Puppenstube bot. Nach und nach sei eine Ruine nach der nächsten in Angriff genommen worden. Dem OB zufolge sind seit der Wende insgesamt rund 72 Millionen Euro in die Sanierung der Altstadt geflossen.

Gestandene Spezialisten mussten umlernen

Was hinter den Zahlen steckt, machen die Geschichten des früheren Hochbauamtschefs Georg Krause klar. Er erinnert am Montag daran, wie schwierig es war, als mit dem 3. Oktober 1990 ein neues Baurecht galt. Gleichzeitig hätten sich die Normen und Bezeichnungen für viele Materialien geändert, so der Architekt. Gestandene Bau-Spezialisten mussten umlernen. Alle wollten schnell loslegen, doch zunächst hätten Aufträge ausgeschrieben, Angebote eingeholt und Arbeiten vergeben werden müssen - ein in der DDR völlig unbekanntes Vorgehen. "Bei den ersten Angeboten habe ich schnell gemerkt, dass die Firmen einfach nur die Preislisten aus dem Westen abgeschrieben hatten", erinnert sich Krause. Er habe sich das durchgelesen und einen Nachlass von drei Prozent ausgehandelt. Damit seien alle zufrieden gewesen.

Gleichzeitig warnt Krause, alles Neue von Anfang an in Bausch und Bogen zu verdammen. Er verweist darauf, dass richtigerweise von Stadtsanierung und nicht Rekonstruktion gesprochen werde. Ausschlaggebend dafür, ob ein Bauwerk vor der Zukunft bestehen könne, sei vor allem die Qualität der Architektur, nicht eine bestimmte Form.

Keine Bausünden zulassen

Mahnend bringt sich Linken-Stadtrat Ingolf Brumm ein. Für ihn sei mit der Rettung Meißens ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. Besonders stolz mache ihn, dass es aus verschiedenen Gründen gelungen sei, Bausünden wie in anderen Städten größtenteils zu vermeiden. Die neu entstandenen Wachstumschancen wecken in seinen Augen gefährliche Begehrlichkeiten. "Wir müssen darauf achten, dass unsere unbebauten Hügelrücken, welche das Stadtbild prägen, auch unbebaut bleiben", sagt der Bauunternehmer. 

Gegen Ende der Präsentation holt Stadtplaner Langer ein bereits vor längerer Zeit erschienenes Heft über 40 Jahre Innenstadtsanierung in Regensburg hervor. "Eine Zwischenbilanz" - heißt es in der Unterzeile. Dies gelte ebenso für Meißen. Die Sanierung werde nie vollständig abgeschlossen sein.

  • Die Broschüre ist im Bauverwaltungsamt in begrenzter Stückzahl erhältlich.

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