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So war die Albrechtsburg noch nie zu sehen

Dank einer technischen Revolution aus Paris können sich die Besucher in Meißen ganz neue Bilder von der Wiege Sachsens machen.

Verena Farrar war eine der ersten Testerinnen des Histopads auf der Albrechtsburg Meißen.
Verena Farrar war eine der ersten Testerinnen des Histopads auf der Albrechtsburg Meißen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Das soll die Große Hofstube sein? Mit der festlichste Raum des ersten deutschen Schlossbaus? Da muss es sich um einen Irrtum handeln. Das 3-D-Bild auf dem Histopad genannten kleinen Tablet zeigt wohl eher einen mit Bretterverschlägen unterteilten riesigen Keller, in den noch dazu Zwischenböden eingezogen wurden. Es stehen Eimer herum. Werkzeug und Produktionszubehör sind zu erkennen.

Ein Blick auf die Datierung der Szenerie klärt das Rätsel schnell auf. Die aufwendige Animation entführt die Gäste der Albrechtsburg in das Jahr 1840. Der Saal war damals nichts anderes als eine Art Fabrikhalle für das königliche Unternehmen. Der Umzug in die neuen Gebäude im Triebischtal erfolgte erst 1865.

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Einer, der die Zeitreise maßgeblich mit ermöglicht hat, ist der Chef des jungen französischen Technik-Unternehmens Histovery, Bruno de Sa Moreira. Die Besucher von Museen und Denkmälern bekämen mit dem Histopad ein Instrument in die Hände, mit dem sie sich im wahrsten Sinne des Wortes ein vollkommen neues Bild von der Geschichte machen könnten, sagt der Franzose am Donnerstagnachmittag bei der Präsentation des innerhalb von knapp einem Jahr mit dem Schlösserland Sachsen realisierten Projektes.

In einem aufwendigen Prozess schafft die interdisziplinäre Belegschaft von Histovery in Paris detailreiche 3-D-Szenen, welche geschichtliche Ereignisse für den Betrachter zum Leben erwecken. Gleichzeitig werden über eingeblendete Textboxen Wissen zu einzelnen Elementen wie Figuren oder Gegenständen vermittelt sowie Hintergrundinformationen gegeben.

Vor Ort in die Geschichte eintauchen

Ein entscheidender Punkt bei dieser Innovation sei, dass die Nutzer sich an dem Platz des Geschehens auf eine Zeitreise begeben könnten, sagt Bruno de Sa Moreira. Das schafft eine besondere Authentizität. Es geht eben nicht um das passive Erleben über Filmchen auf dem Handy oder Tablet zu Hause. Vor Ort taucht der Besucher in die Geschichte ein.

Dieses Prinzip macht es möglich, mit einem kurzen Tippen auf den Bildschirm eine weitere Zeitebene zu öffnen. Diesmal führt der Zeittunnel ins Jahr 1493. Zu Ehren des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen, eines besessenen Reliquiensammlers, wird ein Bankett gegeben. 

Parallel zur heutigen Raumstruktur zeigt das Histopad, wie der Saal zur damaligen Zeit ausgesehen haben dürfte. Aus Wärmebecken lodern Flammen und sprühen Funken. An den Wänden hängen Bahnen aus schwerem Stoff, um zu dämmen und unansehnliche Stellen zu verdecken.

Die Tafeln sind reichhaltig gedeckt, auch mit gebratenen Eichhörnchen, die zu jener Zeit gern gegessen wurden. Je nachdem, wohin man sich wendet, erschließen sich neue Situationen. Blaue Punkte zeigen an, wo es noch mehr Wissenswertes zu erfahren gibt.

Wird das Histopad auf den Kreis mit dem Bild gehalten, tut sich ein Zeittunnel auf, der den Betrachter in die Vergangenheit mitnimmt.
Wird das Histopad auf den Kreis mit dem Bild gehalten, tut sich ein Zeittunnel auf, der den Betrachter in die Vergangenheit mitnimmt. © Claudia Hübschmann

Alle diese Fakten sind nicht erfunden oder konstruiert. Intensiv haben die Franzosen in den vergangenen rund acht Monaten mit einem Forscherteam rund um die Historikerin Simona Schellenberger daran gearbeitet, jedes Detail so genau wie möglich zu rekonstruieren.

Historische Gemälde und Kupferstiche wurden herangezogen, ebenso die reichhaltigen Bestände der sächsischen Museen. Möbel aus dem 15. Jahrhundert wurden begutachtet, Gläser aus jener Zeit abfotografiert, Gewänder nachempfunden. Unzählige E-Mails gingen zwischen Sachsen und Paris hin und her, das Vorgehen wurde in Videokonferenzen diskutiert. Die Lichtstimmung der Szenen musste nachgebessert, das Design der Wappen angepasst werden.

Im Wettbewerb die Nase vorn

Ab diesem Wochenende haben die Gäste der Albrechtsburg Gelegenheit, das Ergebnis zu begutachten. 180 Histopads kommen erstmals zum Einsatz. Es gibt sie ohne Aufpreis zum Eintritt hinzu. Am Sonntag zum Familienfest mit zahlreichen Attraktionen sogar einmalig kostenlos. Die Technik eignet sich für alle Altersgruppen. 

Zehn Sprachen werden abgedeckt. Insgesamt acht historische 3-D-Nachbildungen und drei interaktive Gebäude gilt es auf zwei Geschossebenen der Albrechtsburg zu entdecken. Hinzu kommt für Kinder und Jugendliche eine Schatzsuche. Wer sie erfolgreich besteht, kann sich per E-Mail eine Urkunde zuschicken lassen.

Sachsens Kultur- und Tourismus-Ministerin Barbara Klepsch (CDU) sieht in dem Projekt, welches deutschlandweit das erste seiner Art ist, auch ein Signal in der Corona-Zeit. Das Urlaubsverhalten habe sich geändert. 

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