merken
PLUS Meißen

"Die Manufaktur hat jetzt eine Perspektive"

Geschäftsführer Tillmann Blaschke sieht Meissen nach der Konsolidierung gut aufgestellt. Auf dieser Basis lasse sich aufbauen.

Nach oft unrealistischen Prognosen steht das Traditionshaus Meissen nach Ansicht seines Chefs Tillmann Blaschke jetzt auf einem sicheren Fundament.
Nach oft unrealistischen Prognosen steht das Traditionshaus Meissen nach Ansicht seines Chefs Tillmann Blaschke jetzt auf einem sicheren Fundament. © Archivfoto: Sven Ellger

Meißen. Die Zahlen der kürzlich veröffentlichten Bilanz des Jahres 2018 für die Porzellanmanufaktur Meissen lesen sich wenig erfreulich. Erneut schloss das Geschäftsjahr mit einem erheblichen Minus von knapp neun Millionen Euro. Der Umsatz blieb mit rund 37 Millionen Euro laut Bilanz elf Prozent hinter den Erwartungen zurück. Es handelt sich um das siebente hohe Jahres-Minus in Folge. Auch das abgelaufene Jahr 2019, in dem die jüngste Reorganisation auf den Weg gebrachte wurde, wird nicht gut ausfallen.

Geschäftsführer Tillmann Blaschke betont, dass dieses Ergebnis in einen größeren Rahmen eingeordnet werden müsse. Der Meissen-Chef ist für eine grundlegende Analyse die Zahlen der Jahresabschlüsse der Manufaktur in den Jahren seit der Wende durchgegangen. Seine Einschätzung: Über drei Jahrzehnte hinweg seien die Prognosen größtenteils zu optimistisch ausgefallen und regelmäßig von der tatsächlichen Lage auf dem Porzellanmarkt überholt worden. 

Anzeige
Gepflegte Weihnachten
Gepflegte Weihnachten

Bei allem Trubel sollte die Weihnachtszeit auch Gelegenheit bieten, sich auf sich selbst zu besinnen, sich etwas Gutes zu tun.

Dass kaum noch umfangreiche Services gekauft werden, da es immer weniger Großfamilien mit der bürgerlichen Esskultur des 20. Jahrhunderts gibt, ist dabei ein in der Vergangenheit schon häufig angeführter Grund. Hinzu kommt der rasante Zuwachs an Porzellan-Importen aus China. Dieser Punkt sei in der Öffentlichkeit weniger bekannt, so der studierte Volkswirtschaftler. Doch sei die chinesische Marktmacht wesentlich verantwortlich für die zahlreichen Insolvenzen, welche die Branche in den vergangenen Jahren registrieren musste. Das Sterben der Fachgeschäfte in den Innenstädten bildet einen weiteren Faktor. 

Der Unternehmenschef kennt die Hintergründe auch aus europäischer Perspektive. Diese fällt ähnlich negativ aus wie das deutsche Bild. Seit vergangenem Jahr steht er dem europäischen Branchenverband FEPF vor und vertritt dessen Interessen.

Markenbild jetzt stimmiger und jünger

Trotz des schwierigen Umfelds sieht Blaschke für seine Gesellschaft Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Die Investitionen in den letzten Jahren sollten sich in naher Zukunft positiv auszahlen. Das Markenbild sei überarbeitet worden und insgesamt stimmiger und jünger geworden. Gleiches gilt für Vertrieb und Marketing. „Wir haben damit die Grundvoraussetzungen geschaffen, um eine jüngere Käuferschaft zu erschließen“, so Blaschke.

Mithilfe der Mittel des Freistaates sei es darüber hinaus gelungen, einen weit zurückreichenden Investitionsstau aufzuarbeiten. Sehr viel wurde in neue Anlagen investiert. Nadelöhre in der Produktion, welche zu einem Rückstau in vielen Bereichen führten, sind beseitigt. Die Quote an Ausschuss und Nacharbeiten sank nachhaltig. Rund ein Drittel der Mitarbeiter hat auf unterschiedlichen Wegen das Unternehmen verlassen. Künstlerische Bereiche, die unmittelbare Produktion und besonders die Ausbildung seien dabei bewusst geschont worden, so der 56-Jährige. Die Zahl der betriebsbedingten Kündigungen fällt gegenüber dem Ausscheiden aufgrund Erreichen des Rentenalters mit Altersteilzeit und ähnlichen Gründen vergleichsweise gering aus.

In der Folge dieses Bündels an Maßnahmen hat die Manufaktur aus Sicht ihres Geschäftsführers wieder eine Perspektive erhalten. „Wir blicken jetzt der Realität ins Auge und haben das Wunschdenken abgelegt.“ Er gehe davon aus, dass sich mit der derzeitigen Mitarbeiterzahl von gut 400 Angestellten in den nächsten Jahren ein Umsatz von knapp über 30 Millionen Euro erzielen lässt. Gleichzeitig könne die Manufaktur ihren Qualitätsanspruch und die Marktführerschaft etwa bei Kunstexponaten und Figuren behaupten.

Folgen der Corona-Krise noch unbekannt

Baustellen bleiben weiterhin die Kosten sowie die Innovationskultur im Unternehmen selbst. Im hauseigenen Kaolinbergwerk muss ein weiterer Schacht aufgefahren werden, um neue Schichten mit dem für die Porzellanmasse wichtigen Rohstoff zu erschließen. Herausfordernd ist zum jetzigen Zeitpunkt die Corona-Krise mit großteils noch unbekannten Auswirkungen auch auf die wichtigen Märkte in Japan, Taiwan sowie das aufstrebende China-Geschäft. Nach Stabilisierung des Unternehmens müsse man zukünftig weitere Auslandsmärkte, etwa den arabischen Raum, in den Blick nehmen. Um dort erfolgreich einzusteigen, bedürfe es allerdings immer eines zuverlässigen Partners vor Ort. Nur mit Insidern, welche sich mit der Kultur und den besonderen Umständen des jeweiligen Landes auskennen, könne ein solches Engagement erfolgreich sein. Der in der jüngsten Vergangenheit nicht nachhaltig betriebene Aufbau eines internationalen Franchise-Systems erschwere dieses Vorhaben.

Erfolgreich entwickelt sich dem Unternehmenschef zufolge das Geschäft mit im Handdruck-Verfahren dekorierten Geschirren. Die Meinungen etwa über das Dekor Collage gingen zwar auseinander, jedoch bilde die neue Linie eine Einstiegsmöglichkeit für jüngere Kunden und Verbraucher, welche nicht die hohen Preise für Handmalerei zahlen, aber trotzdem auf Meissen nicht verzichten möchten.

Kunstvolle Handmalerei ist das Markenzeichen der Porzellanmanufaktur Meissen und gleichzeitig ein schützenswertes Kulturgut. Dieses Argument könnte auch bei einem EU-Prüfungsverfahren für staatliche Zuschüsse zählen.
Kunstvolle Handmalerei ist das Markenzeichen der Porzellanmanufaktur Meissen und gleichzeitig ein schützenswertes Kulturgut. Dieses Argument könnte auch bei einem EU-Prüfungsverfahren für staatliche Zuschüsse zählen. © Claudia Hübschmann

Weiterführende Artikel

Neuer Chef für Manufaktur-Aufsichtsrat

Neuer Chef für Manufaktur-Aufsichtsrat

Ein Verwaltungsspezialist folgt in Meissen dem Aufbaubankchef Stefan Weber nach.

Eine Unsicherheit besteht unterdessen durch das bei der EU in Brüssel laufende Verfahren zur Prüfung der in den letzten Jahren geflossenen Staatsmittel. In der Bilanz 2018 wird durch die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young von einem „bestandsgefährdenden Risiko“ gesprochen. Vermutlich konzentriert sich das Verfahren auf die zu einem Gesamtdarlehen von 22 Millionen Euro zusammengefassten Teilkredite des Freistaates sowie die 2017 gezahlten 28 Millionen Euro zur Stärkung des Eigenkapitals. Weniger kritisch dürfte die Ausgliederung des Museumsbetriebes sein, welche nach einem langen und intensiven Bewertungsprozess erfolgte.

Im Umkreis der Staatsregierung wird dabei darauf gezählt, dass in Brüssel die Bedeutsamkeit Meissens als europäisches Kulturerbe beim Prüfen der Zuschüsse eine wichtige Rolle spielen dürfte.

Mehr zum Thema Meißen