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Meißen wird zum Altenheim

Überall in der Stadt entstehen neue Seniorenresidenzen. Werden sie wirklich alle gebraucht?

© hübschmann

Von Jürgen Müller

In Meißen, so scheint es, werden nur noch Seniorenresidenzen gebaut. Im Katharinenhof auf dem Plossen sollen in einem Nebengebäude zwei Ein-Raum-Appartements und acht Zwei-Raum-Appartements als betreutes Wohnen eingerichtet werden. Im Hauptgebäude entstehen im Erdgeschoss eine Intensiv-Pflege-Wohngemeinschaft für acht Patienten und im ersten Obergeschoss eine Tagespflegeeinrichtung für insgesamt 25 Gäste. Im zweiten Obergeschoss und im Dachgeschoss findet je eine Wohngruppe für Demenzkranke mit acht Zimmern Platz. Mitten im Zentrum Meißens baut die Volks- und Raiffeisenbank die Neumarktschule für altersgerechte Wohnungen, Tagespflege, Demenz-Wohngruppe sowie Dienstleistungsangebote um. Erst kürzlich hat sich Carpe Diem erweitert. Für den Hamburger Hof ist ebenfalls eine Nutzung in dieser Richtung im Gespräch.

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Stritzke: Projekte ungeeignet

Da stellt sich die Frage, ob diese Angebote überhaupt gebraucht werden. Ja, sagt Katharina Reso, die Sprecherin der Stadtverwaltung Meißen. „Grundsätzlich kann man sagen, dass der Bedarf besteht und wächst, nicht nur anhand der Bevölkerungsentwicklung der Stadt Meißen, sondern auch im Hinblick auf die umliegenden Regionen, wo sich die Versorgungssituation in den nächsten Jahren eher noch verschlechtern wird.“

Als Mittelzentrum werde Meißen den dadurch entstehenden Bedarf ebenfalls abfangen müssen. Wettbewerb sei dabei an sich kein Problem. Das sieht auch Frank Stritzke, Geschäftsführer der Volkssolidarität Elbtalkreis Meißen so. Aber er schränkt ein. „Es ist schon verwunderlich, dass viele private Anbieter derartige Einrichtungen bauen wollen. Das ist kritisch zu beobachten, denn die wollen vor allem eines: viel Geld verdienen“ sagt er. Alle geplanten Projekte bis auf den Katharinenhof seien auch der Volkssolidarität angeboten worden. Doch die hat abgelehnt. Die Neumarktschule sei für ein solches Projekt zum Beispiel völlig ungeeignet. Die großen, ehemaligen Schulräume müssten mit großem Aufwand umgebaut werden. Vor allem aber: Die Neumarktschule liegt im Überflutungsgebiet. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Bewohner dann nasse Füße bekommen“, so Stritzke.

Für absolut ungeeignet hält der Chef der Volkssolidarität Elbtalkreis den Hamburger Hof. „Dieses Haus war mal ein richtiges kulturelles Zentrum, wie es die Stadt Meißen heute nicht mehr hat. Das sollte es wieder werden. Die Stadt setzt hier die falschen Prämissen“, sagt er. Wichtig sei, dass die Bewohner nicht nur sicher, sondern in einem Umfeld in Würde, aber nicht abgeschnitten leben könnten. Dies sei hier nicht der Fall.

Die Volkssolidarität, die 300 Plätze für betreutes Wohnen in Radebeul, Coswig und Meißen anbietet, will weiter ausbauen. 200 Anträge liegen vor, die Wartezeit für altersgerechte Wohnungen im Sophienhof beträgt zwischen fünf bis acht Jahre. „Der Bedarf ist auf alle Fälle da und er wird noch weiter wachsen. Fast 40 Prozent der Meißner Bevölkerung ist 70 Jahre und älter“, so Stritzke. Die Volkssolidarität setzt dabei auf altersgerechtes Wohnen, weniger auf betreutes Wohnen. „Das ist in Zukunft schlicht zu teuer, wenn man die Altersarmut, die auf große Teile der Bevölkerung zukommen wird, berücksichtigt“, glaubt er. Stritzke geht es dabei vor allem um hohe Qualität. „Beim betreuten Wohnen sind wir die Einzigen in Sachsen, die zertifiziert sind“, sagt er.

Sechs Monate Wartezeit

Pro Civitate hingegen setzt ausschließlich auf vollstationäre Betreuung, also auf Pflegeheime, sagt deren Chef Steffen Kummerlöw. Auch er hält den künftigen Bedarf für riesig. „Jeder Platz, der gebaut wird, wird auch dringend gebraucht. Wir haben Wartezeiten von im Schnitt sechs Monaten“, sagt er. 85 Plätze bietet pro Civitate in Meißen an, weitere 68 in Großenhain. „Unser Ding ist die vollstationäre Pflege. Betreutes Wohnen kann bestimmte Sachen nicht leisten, weil sie von den Kassen nicht bezahlt werden“, sagt Kummerlöw. Wie schwer es ist, in Meißen einen Platz in einem Pflegeheim zu finden, hat Kummerlöw erst kürzlich am eigenen Leib erfahren, als er einen Platz für seinen Schwiegervater brauchte. Für ihn eine neue, wichtige Erfahrung. „Da habe ich erst einmal gemerkt, welche Probleme die Leute haben, einen geeigneten Platz und dann auch noch recht schnell in einem Pflegeheim zu finden“, sagt er.