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Meißner Händler fühlen sich nicht mehr sicher

Die Inhaberin eines Weingeschäftes ist brutal überfallen worden. Wegen fünf Euro. Es gibt Probleme mit dem Notruf.

© hübschmann

Von Jürgen Müller

Die äußeren Wunden sind Annett Zeidler auch nach zehn Tagen noch anzusehen. Die 36-jährige Inhaberin von Nettes Weinhandlung wurde am 22. Oktober Opfer eines Überfalls. Es war gegen 21 Uhr an diesem Abend, als sie die Pflanzen vor ihrem Geschäft am Rossmarkt reinräumen wollte. „Als ich den zweiten Kübel in der Hand hatte, wurde ich von hinten angefallen und zu Boden geschleudert, so dass ich mit dem Kopf auf den Asphalt aufschlug“, erzählt sie. Sie zog sich Schürfwunden und ein „Veilchen“ zu. „Geld her, Schlampe“, soll einer der beiden Täter gerufen haben. Es waren zweifelsfrei Deutsche, bekleidet mit Kapuzenshirt und Sonnenbrille. Annett Zeidler hatte nur fünf Euro dabei. „Die habe ich immer einstecken für den morgendlichen Einkauf beim Bäcker“, sagt sie.

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Doch fünf Euro waren den Tätern offenbar zu wenig. Sie ließen das Geld einfach liegen und flohen. „So schnell wie die weg waren, können sie nur in einen Hauseingang geflohen sein“, sagt sie. Kurz nach der Tat, nachdem sie sich wieder gefangen hat, ruft die Geschädigte die Polizei. Und erlebt die nächste Überraschung. Erst hängt sie nach eigenen Angaben fünf bis sechs Minuten in der Warteschleife. Dann endlich meldet sich jemand. Sie habe die Auskunft bekommen, dass derzeit kein Streifenwagen zur Verfügung stehe. „Ich, die gerade überfallen wurde, sollte in der Dunkelheit selbst zum Revier kommen und eine Anzeige machen“, empört sich die Frau. Mal abgesehen, dass sie psychisch dazu gar nicht in der Lage war, schlief in der Wohnung ihr sechsjähriger Sohn, den sie nicht alleinlassen wollte. Bis heute ist sie nicht von der Polizei vernommen worden.

Meißens Polizeichef Hanjo Protze bestätigt das. „Frau Zeidler hatte von uns eine Einladung, zur Aussage zu kommen. Bis heute hat sie das nicht gemacht“, sagt er. Die Auskunft des Disponenten, es sei kein Fahrzeug zur Verfügung gewesen, könne er nicht nachvollziehen. Bei der Polizei gebe es ein „priorisierendes Einsatzmanagement“, sagt er. Normalerweise kommen wir bei Überfällen sofort vor Ort. Notfalls werden Kollegen aus einem Nachbarrevier angefordert. Warum das im konkreten Fall nicht so war, kann ich nicht sagen“, so Protze. Er bedauert das: „Wir haben fast 13 000 Einsätze im Jahr. Auch Polizeibeamte machen Fehler“, so der Polizeichef.

Er bestätigt auch, dass bei Notrufen die Anrufer erst mal ein bis zwei Minuten in der Warteschleife hängen würden. Bis dahin gebe es einen Ansagetext. „Die Zeiten sind vorbei, dass Sie sofort einen Disponenten erreichen“, sagt er. Alle Polizeinotrufe aus dem Landkreis Meißen landen im Lagezentrum in Dresden.

Nicht zu sehen sind bei Annett Zeidler die psychischen Wunden, die durch den Überfall geblieben sind. „Bisher war ich immer früh um 6 Uhr beim Bäcker. Seit dem Überfall aber traue ich mich im Dunkeln nicht mehr allein auf die Straße“, sagt die 36-Jährige. Früher sei sie nachts von Nieschütz nach Meißen gelaufen. Auch nach der Arbeit im Theater Meißen sei sie mitten in der Nacht allein durch Meißen nach Hause gegangen. „Heute würde ich das alles nicht mehr tun“, sagt sie.

Die junge Frau hat Konsequenten gezogen. Ihr Geschäft hat bis 16 Uhr geöffnet, Kunden können aber bis 21 Uhr noch klingeln. „Zwielichtige Typen lasse ich jetzt nicht mehr rein“, sagt sie. Sie will auch Sicherheitstechnik anschaffen. Der Überfall ist das zweite Ereignis, das ihr in diesem Jahr zu schaffen macht. Beim Elbe-Hochwasser stand ihr Geschäft, das sie erst am 13. Januar vorigen Jahres eröffnet hatte, 2,65 Meter unter Wasser.

Auch andere Meißner Händler fühlen sich nicht mehr sicher, klagen über Diebstähle. Eine regelrechte Serie soll sich am 21. Oktober ereignet haben. Das berichten mehrere Händler. Ein Paar, das wahrscheinlich aus Rumänien stammt, soll in mehreren Geschäften gestohlen haben. Die Masche war immer die Gleiche, so wie bei Sabine Menzel, die das Geschäft „Moden für Minis und Maxis“ am Hahnemannsplatz betreibt. Ein Mann und eine Frau, beide über 50 und sehr schlecht Deutsch sprechend, kamen in den Laden. Die Frau wollte eine Hose für einen dicken, sechsjährigen Jungen haben. „Sie hat geredet und geredet, während der Mann weg war. Eine Freundin, die in den Laden kam, sah, wie er aus dem Büro kam“, berichtet Sabine Menzel. Als sie wenig später in ihrer Tasche nachschaute, waren die geschäftliche und die private Brieftasche mit Bargeld, EC-Karte, Personalausweis, Fahrerlaubnis weg. Auch eine Verkäuferin im Modehaus Fischer und in einem weiteren Modegeschäft wurden offenbar von diesem Pärchen bestohlen.

Nach den Recherchen der SZ hat die Polizei reagiert. Hanjo Protze versprach am Freitag, noch am selben Tag einen Beamten bei Annett Zeidler vorbeizuschicken, um deren Zeugenaussage aufzunehmen.