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Menschenfressende Pflanze aus Freital

Anne Konstanze Lahr und Dorèn Franz schufen die wichtigste Zutat zum „Horrorladen“ der Landesbühnen. Ein Gewächs.

Von Thomas Morgenroth

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Happs und mampf: Weg ist er, der sadistische Zahnarzt, der das schöne Fräulein Audrey ganz und gar nicht verdient hat. Aufgefressen von einer ebenso phantastischen wie blutrünstigen Pflanze, gefüttert von Seymour, dem Angestellten eines Blumengeschäftes. Dank des sprechenden Gewächses, das er „Audrey II“ nennt, bewahrt er den Besitzer des Ladens vor dem Ruin und wird selbst berühmt. Was die von ihm heimlich geliebte Audrey, des lästigen Dentisten ledig, mit Zuneigung registriert. Aber der Preis ist hoch, jedenfalls für Seymour: Schmatz, schluck, rülps – weg ist er.

„Der kleine Horrorladen“ ist ein kultiges Musical, eine irrwitzige Mischung aus Horrorgeschichte, Science-Fiction-Thriller, Sozialdrama und schwarzhumoriger Komödie. Am Freitag gastieren die Landesbühnen Sachsen mit ihrer gelungenen Inszenierung des Stückes im Stadtkulturhaus Freital – und lassen die menschenfressende Pflanze in ihrer Heimatstadt ihr Unwesen treiben: In Potschappel von der Designerin Anne Konstanze Lahr erdacht und in Deuben in der Werkstatt von Dorèn Franz gemacht, ist das florale Biest ein echtes Gewächs des Plauenschen Grundes.

Anders als in den beiden Filmen, der erste von 1960 lieferte die Vorlage für das Musical, hat die fleischfressende Pflanze der Landesbühnen kein riesiges alles verschlingendes Froschmaul. Sie hat eigentlich gar keins, jedenfalls keines, was der Zuschauer als solches erkennen könnte, die Opfer verschwinden zappelnd zwischen Wurzeln und Blättertentakeln. Dafür verfügt die vermutlich außerirdische Lebensform über ein riesiges Auge, im Grunde ist ihr Kopf weiter nichts als ein gigantischer Augapfel, losgelöst von allen anderen sonstigen Zutaten, die einen menschlichen Kopf sonst ausmachen.

„Ich wollte nicht das kopieren, was schon sattsam in anderen Inszenierungen zu sehen war“, sagt Anne Konstanze Lahr. Die 36-Jährige, die Produktdesign studiert hat und seit elf Jahren selbstständig ist, entschied sich vielmehr für einen Entwurf, der die aktuellen Debatten um die Überwachung und Ausspähung der Menschen aufgreift: das allsehende Auge, vor dem sich keiner verstecken kann, einst die Stasi und jetzt die NSA oder auch Facebook. Und wer nicht genehm ist, wird verspeist. So einfach ist das – und so erschreckend.

Wobei „Der kleine Horrorladen“, ein amerikanisches Stück, deshalb zu keinem Agitprop-Schmarren wird, beileibe nicht, die Zuschauer immerhin aber bei allem Spaß ein bisschen zum Nachdenken anregt. Wie gutes Theater eben sein soll, weshalb Regisseur Michael König den Vorschlägen von Anne Konstanze Lahr, die auch das Bühnenbild entworfen hat, zustimmte.

Die Pflanze, in fünf unterschiedlich großen Varianten, schließlich wächst sie nach jeder Fütterung, entstand in der Werkstatt von Dorèn Franz auf der Jägerstraße in Freital. Seit fünfzehn Jahren mit eigener Nähstube, setzte die gelernte Floristin die Entwürfe mit Draht, Pappmaché und vor allem wunderschönen Textilien um. „Es war eine besondere Herausforderung“, sagt die 51-Jährige, die schon seit mehr als zwanzig Jahren Kostüme für das Theater schneidert, vor allem für die Spielbühne Freital, wie jüngst einen Goldesel für „Tischlein deck dich!“. Und aus Anne Konstanze Lahr machte sie vor zweieinhalb Jahren einen dicken Kater im „Wunschpunsch“.

Der „Horrorladen“ ist ihre zweite Zusammenarbeit mit den Landesbühnen und der erste Auftrag für eine Inszenierung auf der großen Bühne. Anne Konstanze Lahr, die für das Theater seit einigen Jahren im grafischen Bereich gestalterisch tätig ist, entwarf 2012 die Ausstattung für die Weihnachtskomödie „Der Messias“ – die Dorèn Franz mit roter Wolle strickte. Ein Kissen davon wird aktuell wieder auf der Bühne genutzt, in der Kinderoper „Gold“.

Ob die menschenfressende Pflanze irgendwann Auferstehung feiert, ist nicht abzusehen. Momentan hat sie noch genug im „Kleinen Horrorladen“ zu tun, übermorgen in Döhlen, dem Stadtteil, der Potschappel und Deuben, ihre Heimatorte, miteinander verbindet. Guten Appetit.

„Der kleine Horrorladen“, 6. Februar, 19.30 Uhr, Stadtkulturhaus Freital; Karten unter  0351 65261822.

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