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Menschliche Beziehungen sind mehr wert als Besitz

Joachim Rasch ist Pfarrer in der evangelischen Peter-Paul-Kirchgemeinde in Sebnitz (Foto: Zschiedrich). Als Pfarrer kommen Sie mit sozialer Not oft hautnah in Berührung. Wie erleben Sie das Phänomen „neue...

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Joachim Rasch ist Pfarrer in der evangelischen Peter-Paul-Kirchgemeinde in Sebnitz (Foto: Zschiedrich).

Als Pfarrer kommen Sie mit sozialer Not oft hautnah in Berührung. Wie erleben Sie das Phänomen „neue Unterschichten“ in Ihrer Gemeinde?

Hin und wieder kommt es vor, dass Obdachlose bei uns an die Kirchentür klopfen und für ein, zwei Tage eine Bleibe suchen. Wir haben Mitglieder in der Gemeinde, die ihren Kindern nicht mal mehr die Teilnahme an einer Jugend-Freizeit bezahlen können und die nicht wissen, wie sie im nächsten Monat ihre Miete finanzieren sollen. In Sebnitz ist Armut nicht erst seit gestern ein Thema.

Finden Sie angesichts dessen die momentane Diskussion hilfreich?

Es ist unbedingt notwendig, auf der Basis verlässlicher wissenschaftlicher Daten über Armut in unserem Land zu sprechen, denn das Problem geht uns alle an. Wir dürfen Armut nicht einfach hinnehmen. Allerdings gehen die gegenwärtigen Streitereien um Begrifflichkeiten am Ziel vorbei. Wir brauchen keine Diskussion um Worte, sondern darüber, wie Armut verringert werden kann.

Was muss getan werden, damit Teile der Gesellschaft nicht noch weiter in die Armut treiben?

Wir müssen meines Erachtens unser Wirtschaftsmodell von Grund auf überdenken. Die liberale These von den ausgleichenden Kräften des Marktes ist nur eine Denkschablone. Real aber hat die Wirtschaft zu viel Freiraum und macht zu viele Menschen zu Verlierern.

Hat die Kirche ein besseres Gesellschaftsmodell anzubieten?

Das zu behaupten, wäre vermessen. Wir können lediglich versuchen, den Menschen eine andere Zielvorstellung zu vermitteln. Und zu der gehört, dass Beziehungen eine höhere Wertigkeit haben als Besitz und dass ich selbst nur dann wirklich gut leben kann, wenn es auch meinem Nachbarn an nichts fehlt. Natürlich bleiben wir als Menschen weit hinter dem Anspruch an Nächstenliebe zurück, den die Bibel setzt. Aber miteinander in kleinen Dingen zu teilen oder sich zum Beispiel für Sozialprojekte zu engagieren, kann durchaus Modellcharakter für das gesellschaftliche Miteinander haben.

Eine Theologie der kleinen Schritte?

Jemanden zu einer Tasse Kaffee einzuladen kann manchmal mehr bewirken als eine ganze Predigt. Und wenn der Kaffee fair gehandelt ist, gilt das in doppeltem Sinne.

Das Gespräch führte Hartmut Landgraf