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Mercedes drängelt auf der B 170

Solche Szenen kommen auf der B 170 öfter vor. Nicht jede landet vor Gericht. Warum hat es nicht zu einem Urteil gereicht?

Von Franz Herz

Was will der Mercedes so dicht hinter mir? Warum drängelt der so? Das hat sich eine Frau bange gefragt, die vor einem Jahr abends mit ihrem Mazda auf der B 170 von Dresden in Richtung Dipps gefahren ist. In Hänichen hat sich der Wagen hinter sie gesetzt, so dicht, dass sie im Rückspiegel nicht mal mehr seine Scheinwerfer sah. Als beide aus dem Ort raus fuhren, gab sie Gas. Der Abstand wurde wieder größer.

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Doch in Possendorf, wo wieder Tempo 50 und zeitweilig Tempo 40 vorgeschrieben ist, klebte der Mercedes wieder an ihrer Stoßstange. Erst auf Höhe der Kirche, kurz vor Beginn der dreispurigen Strecke, fuhr der Daimler über die Sperrfläche und überholte die Familie. Auf dem Beifahrersitz saß ihre Mutter, auf der Rückbank ihre beiden kleinen Töchter. In Dippoldiswalde fuhren sie sofort aufs Polizeirevier und zeigten den Drängler an. So berichteten es die Fahrerin und ihre Mutter vergangene Woche vor der Richterin in Dippoldiswalde. Eine entscheidende Lücke blieb aber offen. Sie hatten das Kennzeichen notiert, aber den Fahrer des drängelnden Mercedes nicht gesehen, konnten nicht mal sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war.

Wegen Nötigung angeklagt war nun der Halter des Wagens, ein angesehener Bürger in seinem Wohnort im Osterzgebirge. Von ihm gab es eine Aussage, dass er gefahren sei, wie die Richterin sagte. Aber die ist nicht juristisch sauber zustande gekommen. Die Polizei hatte den Mann als Zeugen und nicht als Beschuldigten gefragt. Das macht einen wichtigen Unterschied. Ein Zeuge muss die Wahrheit sagen. Ein Beschuldigter kann die Aussage verweigern, darf sogar lügen. Also war diese Aussage für das Verfahren nichts wert, und im Gerichtssaal sagte der Mann nichts mehr.

„Nun stehen wir vor einem Patt“, stellte der Staatsanwalt fest. Er riskierte, dass die Drängelei nicht geahndet werden kann, weil der entscheidende Beweis fehlt. Doch dem Angeklagten drohte auch Ungemach. Die Richterin machte klar, dass sie durchaus gewillt sei, weiter zu ermitteln. Dann wären Mitarbeiter und Familienmitglieder des Autohalters als Zeugen vor Gericht geladen worden. Das wäre für ihn auch unangenehm geworden. Für ihn als Freiberufler hätte auch ein weiterer Prozesstermin einen finanziellen Verlust gebracht. Wenn es zu einem Urteil gekommen wäre, hätte ihm nicht nur eine Geldstrafe, sondern auch ein Fahrverbot gedroht. Er braucht aber beruflich das Auto.

Schließlich lösten Verteidiger und Staatsanwalt das Patt auf. Sie einigten sich darauf, dass das Verfahren eingestellt wird und der Angeklagte 1 000 Euro Geldauflage bezahlt. Damit war der sofort einverstanden. Die Summe ist nur halb so hoch wie in dem Strafbefehl, den er vorher wegen der Sache bekommen hatte, und die Gefahr eines Fahrverbots ist für ihn auch vom Tisch.