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„Messiaen hat das Görlitzer Lager verdrängt“

Der französische Komponist Olivier Messiaen würde heute 100 Jahre alt. Ist das ein großer Tag für Görlitz? Es ist ein Tag, der des Gedenkens an Messiaen wert ist. Sie forschen seit 20 Jahren über das Kriegsgefangenenlager Stalag in Görlitz, wo Messiaen 1940/41 sieben Monate gefangengehalten wurde.

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Der französische Komponist Olivier Messiaen würde heute 100 Jahre alt. Ist das ein großer Tag für Görlitz?

Es ist ein Tag, der des Gedenkens an Messiaen wert ist.

Sie forschen seit 20 Jahren über das Kriegsgefangenenlager Stalag in Görlitz, wo Messiaen 1940/41 sieben Monate gefangengehalten wurde. Wie wichtig waren diese Monate für den Komponisten selbst?

Das ist schwer zu sagen, da sich Messiaen nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft nicht darüber geäußert hat. Ich glaube, das hat zwei Gründe: Zum einen hat er die Gefangenschaft als unangenehme Erinnerung verdrängt. Zum anderen konnte er aus politischen Gründen nicht darüber sprechen.

Ein Kriegsgefangenenlager und dann kann Messiaen das Quartett für die verlorene Zeit komponieren. Wie geht das?

Auch das kann man nur vor dem Hintergrund der damaligen Situation sehen: Der Krieg war noch an seinem Anfang. Hitler hatte die Länder Westeuropas blitzartig besiegt und besetzt. Das Vichy-Regime in Frankreich hatte mit Deutschland vereinbart, dass es die Vormundschaft für die französischen Kriegsgefangenen erhielt. So war die Stimmung im Lager lockerer, nicht so angespannt wie später.

Wie muss man sich das vorstellen?

Das Lager war zu Messiaens Zeit erst zur Hälfte fertiggestellt. Die meisten Offiziere dort waren Teilnehmer des Ersten Weltkrieges. Sie waren kriegsmüde. Das war die Grundstimmung in dem Lager. Außerdem sprach sich dort sehr schnell herum, dass Messiaen ein beachtenswerter Komponist sei.

Was hatte das zur Folge?

Unter den wirklich misslichen Umständen – das Stalag war ein Kriegsgefangenenlager – besaß er ziemlich viele Vergünstigungen. Der Lagerkommandant war ein Musikliebhaber, der Görlitzer Rechtsanwalt Carl-Albert Brüll als Dolmetscher hat viel für ihn getan, auch der Seelsorger Franz Scholz. Messiaen hat später mal gesagt, dass er unter den 100000Kriegsgefangenen der einzige Freie war. Durch seine künstlerische Arbeit hat er sich einfach so gefühlt.

Ist Görlitz durch den Aufenthalt von Messiaen und seine Komposition ein wesentlicher Ort in der Musikgeschichte?

Ja, das kann man sagen, denn das Quartett ist ein Schlüsselwerk der Moderne.

Gespräch: Sebastian Beutler

Hannelore Lauerwald hält heute, 17 Uhr, einen Vortrag in der Krypta der Peterskirche, und spricht dabei auch über Messiaen-Aufenthalt in Görlitz. An der Orgel spielt Reinhard Seeliger.