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Alle wollen Messiaen spielen

Die Aufführung des Quartetts im Januar hat der Meetingpoint erstmals ausgeschrieben. Daraufhin erlebte die Jury eine große Überraschung.

Seit Jahren wird immer am 15. Januar in Görlitz Messiaens Quartett auf das Ende der Zeit aufgeführt. 1941 fand an dem Tag die Uraufführung im Görlitzer Kriegsgefangenenlager statt.
Seit Jahren wird immer am 15. Januar in Görlitz Messiaens Quartett auf das Ende der Zeit aufgeführt. 1941 fand an dem Tag die Uraufführung im Görlitzer Kriegsgefangenenlager statt. ©  Archiv/Pawel Sosnowski

Genau 80 Jahre ist es her, dass Olivier Messiaen sein berühmtes Quartett "Auf das Ende der Zeit" als Kriegsgefangener im Stalag VIIIA komponierte und uraufführte. In der Gedenkstätte, die inzwischen auf dem Gelände des Lagers entstanden ist, wird das Werk seit 2008 an jedem 15. Januar aufgeführt, 2021 zum vierten Mal im Rahmen der Internationalen Messiaen-Tage. 

Auswahl fiel schwer

Anlässlich des runden Jubiläums wurde die Aufführung des Quartetts erstmals öffentlich ausgeschrieben. "Wir hatten diese Idee schon länger", sagt Frank Seibel, Vorsitzender des Vereins Meetingpoint Music Messiaen, der das Europäische Zentrum auf dem Gelände der Gedenkstätte betreibt. "Anfang Juni haben wir uns kurzfristig entschlossen, es einfach zu probieren." 

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Für die Organisatoren des Festivals war es eine große Überraschung, dass sich innerhalb von vier Wochen ganze 29 Ensembles bewarben. Die Ausschreibung war über verschiedene Medien, an Musikhochschulen und in mehreren Musikernetzwerken gestreut worden. "Und alle Ensembles, die sich meldeten, waren so gut, dass die Jury sich schwertat, überhaupt eine Vorauswahl zu treffen", sagt Frank Seibel. 

Mitglieder dieser Jury waren: Tobias Niederschlag, der als Dramaturg der Sächsischen Staatskapelle Dresden bereits ein enger Partner von Meetingpoint-Gründer Albrecht Goetze war; Prof. Ekkehard Klemm, der schon mehrfach mit der Sinfonietta Dresden im Messiaen-Zentrum gastierte; und Ewa Strusinska, Generalmusikdirektorin der Neuen Lausitzer Philharmonie, die dem Organisationsteam der Messiaen-Tage immer wieder beratend zur Seite steht.

Ensemble um Dresdner Musiker gewinnt Ausschreibung

Die Entscheidung der Jury fiel schließlich auf das Ensemble des 1996 in Dresden geborenen Cellisten Friedrich Thiele, der seit seiner Jugend zahlreiche renommierte nationale und internationale Preise errang, zuletzt 2019 in mehreren Kategorien des Internationalen Musikwettbewerbs der ARD. 

Der Dresdner Musiker Friedrich Thiele wird das Cello in Olivier Messiaens "Quartett auf das Ende der Zeit" im Januar spielen und mit ihm drei Musiker aus Frankreich, Rumänien und Polen.
Der Dresdner Musiker Friedrich Thiele wird das Cello in Olivier Messiaens "Quartett auf das Ende der Zeit" im Januar spielen und mit ihm drei Musiker aus Frankreich, Rumänien und Polen. © René Gaens/PR

Eine Voraussetzung des Ensembles sollte dessen Internationalität sein: mindestens deutsch-polnisch, besser noch deutsch-polnisch-französisch. Im Quartett um Friedrich Thiele spielen nun sogar Musiker aus vier Ländern: außer ihm selbst, die rumänische Geigerin Ioana Cristina Goicea, der französische Klarinettist Joe Christophe und der polnische Pianist Lucas Krupinski, alles preisgekrönte junge Musiker kurz vor dem Aufstieg. 

Jeder von ihnen ist höchstens 35 Jahre alt, wie es die Ausschreibung vorsah. "Wir möchten schließlich vor allem jüngere Menschen für die Erinnerungsarbeit sensibilisieren", sagt Frank Seibel. Der Verein wolle sich nicht mit Berühmtheiten schmücken, sondern immer wieder Musiker finden, die es als Chance verstehen, das Quartett an seinem Entstehungsort aufführen zu können. "Die meisten sind richtig elektrisiert davon", sagt Frank Seibel, "wie nahe sie Olivier Messiaen hier kommen." 

Den anderen 28 Ensembles hat der Verein nicht einfach abgesagt, sondern will sie zu zukünftigen Messiaen-Tagen einladen, vielleicht auch dazu, das Stück zu einem späteren Zeitpunkt aufzuführen. 

"Angst und Hoffnung" auch heute

Die Botschaft der Aktivitäten des Meetingpoints sind immer die Erinnerung an das Schlimme, was zwischen 1933 und 1945 geschah, aber auch an die Hoffnung: Wenn Menschen unter bittersten Bedingungen und in größter Kälte Musik schaffen können, dann kann nicht alles verloren sein.

Diese Hoffnung ist Thema der kommenden Messiaen-Tage: "Angst und Hoffnung." Samuel Wagner, Projektleiter des Festivals, sagt, dieses Motto schlage einen Bogen von der Vergangenheit bis in unsere Gegenwart. Auch die Corona-Pandemie habe viele Menschen in Bedrängnis gebracht, habe Ängste geweckt und nach Hoffnung fragen lassen. Manche hätten in den vergangenen Monaten massive Einschränkungen erlebt, anderen wurde die Lebensgrundlage entzogen. Wieder andere haben die Krankheit als lebensbedrohend erlebt. 

Konzert im neuen Kulturforum Görlitzer Synagoge

"Die Erfahrungen der Kriegsgefangenen des Stalag VIIIA mit Enge, Ohnmacht, Mangel, der Sehnsucht nach Erlösung und nach Leben übersteigen unsere heutigen Erfahrungen  mit der Bedrohung durch das Corona-Virus weitaus", sagt Samuel Wagner. Die Sehnsucht nach der Rückkehr zur Normalität und die Frage, ob es diese Normalität je wieder geben werde, schaffe jedoch eine Verbindung zu heute. Das werde sich im Programm, das im Herbst veröffentlicht wird, widerspiegeln. 

Bereits jetzt lässt sich schon sagen, dass im Rahmen der Messiaen-Tage eines der ersten Konzerte im Kulturzentrum Görlitzer Synagoge erklingen wird – mit Liedern des polnisch-französischen Komponisten Szymon Laks, der in Auschwitz interniert war und dort – ein Parallele zu Messiaen – das Lagerorchester leitete.

In der Kirche St. Josef und St. Barbara im Zgorzelecer Norden wird ein Chorkonzert erklingen. Es gibt eine Lesung mit Zeitzeugenberichten von Häftlingen aus der Zeit des Nationalsozialismus und eine Freejazz-Adaption und -Improvisation über die Themen des Quartetts von Messiaen. 

Ein Film auf Arte als Geschenk

Im Januar 2021 ist die Musik des französischen Komponisten nicht nur bei den Messiaen-Tagen zu erleben, sondern auch im Fernsehsender Arte. Dafür wird noch im August dieses Jahres ein Film produziert, bei dem vier herausragende Musiker das Quartett in der Gedenkstätte in Zgorzelec spielen. Bei dieser Produktion dabei zu sein und das Entstehen des Films mitzuverfolgen, wird das Geschenk an die jungen Musiker um Friedrich Thiele sein, die dann im Januar das Quartett aufführen.

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